„Rechnen Sie mit dem Schlimmsten.“ Der feine Unterschied zwischen gesagt und gemeint.

 

Letzte Woche habe ich den Wunsch nach „Problemen“ umgelenkt ins Positive Denken. Diesmal ergänze ich. „Es gibt so viel zu tun.“

Von Kerstin Köhler

Achtung: Genau Hinhören hilft. Ergebnisse von Gesprächen sind nicht immer gelungen  – jedenfalls nicht für alle.

Entscheidend sind die (mitunter, aber nicht immer unbewussten) Absichten/Interessen hinter den geäußerten Standpunkten. Das heißt: Was wird gesagt – was ist gemeint? Letztlich entscheidet ohnehin das Handeln, aber das ist ein weites Feld.

Der Unterscheid zwischen gesagt und gemeint bestimmt viele Lebensbereichen. Ob „Herdprämie“ oder „Praxisgebühr“. Oder ganz privat. Beispiel: Ehefrau fragt ihren Mann: „Liebling, siehst Du noch lange fern?“

Spontane Antwort bei einigen ist evtl. „Klar. So lange das Spiel eben dauert.“

Andere vermuten: wenn sie schon so fragt, ist wohl was anderes gemeint sein. Sehr sensibel!

Spätestens seit Schulz von Thun mit seinem „Vier-Seiten-Vier-Ohren-Modell“ wissen wir, das es noch mehr gibt, als die Inhaltsebene: nämlich Beziehung, Aufforderung, Selbstmitteilung. Auf diesen vier Ebenen senden wir und haben vier verschiedene Ohren, die den Subtext herausfiltern können. Und diese Ohren können je nach Kontext unterschiedlich groß sein.

Der Inhalt steht im Vordergrund, wenn die Beziehung klar ist. Ist der Beziehungsstatus allerdings nicht klar (definiert), wird genau dieser Status zum Thema. Alles Gesagte wird persönlich genommen. Subtext wird plötzlich zum „Gesprächs-Bömbchen“. Rechnen Sie deshalb mit dem Schlimmsten. Das hilft bei der Vorbereitung und im Gespräch selbst.

Wenn Hierarchien, Rollenunsicherheit und/oder Selbstzweifel mit im Spiel sind, wird ein erfolgreiches Gespräch eher Schwerstarbeit. Die Chance: Mitbekommen, wenn etwas schräg/anders ankommt als gewollt – und neu formulieren. Und Kritisches so ansprechen, dass der andere sein Gesicht wahren kann.

Klingt zu positiv? Mag sein, aber genau das gilt es zu üben: In schwierigen Gesprächen gemeinsame Interesse zu entdecken, weil es unsere Aufgabe/Rolle ist oder weil wir es schlicht wollen.

Was steckt nun an Subtext in der Frage der Ehefrau?

Sensible Gemüter erkennen: “Liebst du mich nicht mehr? Ich möchte was anderes mit Dir machen. Kümmere dich um mich. Mir ist langweilig…”

Stimmt, das hätte sie direkt sagen können (ist ja schließlich auch gemeint). Aber ebenso können wir sensibel heraushören: Was ist Gesagtes und was Gemeintes. Genau Zuhören hilft.

„Die Hoffnung, so trügerisch sie ist, dient wenigstens dazu, uns auf angenehmem Weg an das Ende des Lebens zu führen.“ François de La Rochefoucauld

 

Genau zuhören – und richtig handeln, ggf. zum Beispiel eine Folge Kuschelrock in den alten Kassettenrekorder legen und… richtig, zuhören. Foto: ANTROBIUS