Das Nordpop-Phänomen: Wieso die Skandinavier die beste Musik machen? Es liegt am Winter.

 

ABBA, a-ha, Björk, HIM, Röyksopp, Sigur Rós…  Der qualitativ hochwertige Output pro Kopf scheint in den dünn besiedelten Ländern eine extrem hohe Rate zu haben. Von Sandra M. Heinzelmann

Jene Liste (ABBA, a-ha, Björk, HIM, Röyksopp, Sigur Rós…  ) mit interessanten, vielfältigen und erfolgreichen Musikprojekten aus den nordischen Ländern ließe sich unendlich fortsetzen, nähme man noch die Kompositionsteams hinter großen Hits der Popwelt dazu.

Gibt es ein Pop-Gen in Schweden? Werden alle in Finnland geborenen Kinder mit melancholischen Melodiebögen im Blut geboren? Wieso hat selbst norwegischer Black Metal eine Komplexität, die sich mit einer klassischen Sinfonie messen kann?

Werfen wir einen Blick auf Norwegen: Man stelle sich die Bevölkerung von Berlin und Hamburg verstreut über eine teilweise unwegsame Landschaft mit einer weitaus größeren Fläche als Deutschland vor. Einen Kiez mit Kino, Kneipen, Discos, Cafés, Galerien oder Konzertstätten gibt es – wenn überhaupt –  nur in größeren Städten. In kleineren Städten ist oft die Tankstelle des Ortes mit Kiosk der Treffpunkt der Jugend und in manchen Gegenden sind nicht einmal die Nachbarn in Laufweite. Also nicht viel Zerstreuung, wenn die Freizeit sich gähnend streckt.

Was kann man tun, wenn man nicht der Typ zum Jagen  oder Fischen ist, allen zugänglichen Alkohol ausgetrunken hat, die Bücher im Regal schon auswendig kennt und vom Fernsehen und Surfen im Internet Kopfschmerzen bekommt? Gitarre spielen zum Beispiel, oder an Synthesizern schrauben.

Dann kommt der Winter, wo sich hier die Menschen in den Großstädten überlegen, ob sie wirklich zu der Party im anderen Ende der Stadt gehen, weil es draußen doch so ungemütlich sei und anstatt mit dem Rad zu fahren, dann schnell in die U-Bahn springen können.

Wenn der Winter also noch kälter, härter, dunkler und länger ist und das Fehlen von urbaner Infrastruktur keine Fluchtmöglichkeit bietet, dann ist es vielleicht genau diese Situation und das daraus resultierende Gefühl gut, um ein perfektes Lied zu schreiben.

Auf einer Reihe von Instrumenten sind so viele Skills entwickelt worden, um eine Stimmung kompositorisch auf den Punkt zu bringen und die musikalische Struktur auszufeilen. Das könnte die Dichte der musikalischen Produktivität erklären. Aber sicherlich spielt auch die staatliche Förderung der Musikschaffenden eine Rolle wie auch das große Engagement der nordischen Länder, die musikalischen Ergebnisse zu exportieren. Danke dafür.

 

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Sandra M. Heinzelmann legt Kassetten ein (auch auf, doch dann öffentlich). Immer jedoch mit Begeisterung. Wenn sie nicht durch Skandinavien reist, um mit beinah ethnologischem Ehrgeiz die nordische Musikszene zu untersuchen, inszeniert sie auf den Bühnen in Deutschland. Wo sich Musik, Oper und Theater treffen, geht Ihr das Herz auf. Bei ANTROBIUS schreibt sie immer mal wieder über Musik, die sie bewegt. Damit genießt das Fachmagazin ein Privileg, denn gutes Musikfeuilleton sucht man woanders gern vergeblich.

Foto: Die Satellitenaufnahme der ESA zeigt Nordeuropa bei Nacht – wenn Skandinavien von magischer Inspiration heimgesucht wird.