Alles fließt, sagt Heraklit. Die Wahlen sind längst nicht gelaufen, sagt Faas.

Glaubt man den Umfragen, ist Angela Merkel bereits Kanzlerin bis 2017. Gelaufen, die Wahl. Man hat die Wahlplakate schon vor sich: Eine grüngewandete Kanzlerin mit Händedreieck vor dem Schoß. Gähn. Ein zu Unrecht zuversichtlich die Stirn runzelnder Vortragsreisender mit lila Würfel in der Ecke. Kann, muss aber nicht, sagt Bundestrainer THORSTEN FAAS. Wenn, dann steht nur einer wirklich fest: Der Deutsche Meister.

Von Thorsten Faas

Die Umfragen, die politische Konsumenten in inzwischen fast täglicher Dosis verabreicht bekommen, vermitteln uns seit einiger Zeit – mit einigen wenigen Ausnahmen – ein stabiles Bild. Die Union liegt bei rund 40 Prozent, die SPD in den hohen Zwanzigern, die Grünen rund um 15 Prozent usw. Auch auf der Ebene der Spitzenkandidaten gilt Ähnliches: Für Angela Merkel läuft es prächtig, für Steinbrück weniger.

Es könnte allerdings sehr gut sein, dass sich dies alles als trügerische Ruhe vor dem Sturm herausstellt. Und Schuld daran könnten die Wählerinnen und Wähler sein.

Schon im Vorfeld der vergangenen beiden Bundestagswahlen 2005 und 2009 hatten sich – nach eigenen Angaben – rund 50 Prozent der Wahlbevölkerung erst im Laufe des Wahlkampfs entschieden, wie sie sich letztlich entscheiden wollten. Ein stattlicher Anteil hatte sich sogar erst am Wahltag selbst entschieden. Nun heißt „entscheiden“ an dieser Stelle nicht zwangsläufig UMentscheiden, aber zeigt doch eines: Die Menschen sind grundsätzlich bereit, auch spät im Wahlkampf nochmal ihre Entscheidung zu überdenken und zu ändern.

Wenn es denn einen Grund für eine Veränderung gibt – und das führt zum zweiten Schuldigen, der noch für einen spannenden Wahlkampf sorgen könnte: die Parteien. Die Frequenz aufstrebender Neuparteien mit guten Chancen zumindest auf einen Achtungserfolg ist höher denn je. Die Piraten haben den Anfang gemacht, die Freien Wähler zählen dazu und seit kurzem komplettiert die „Alternative für Deutschland“ dieses Trio infernale. Wer sich die bislang wenigen Analysen anschaut, die zur AfD vorliegen, wird feststellen: Ihr Potenzial liegt im Bereich früherer Nichtwähler, aber auch bei den Linken. Das passt ins Bild und war bei den Piraten ähnlich. Hier findet sich ein Ventil für vorhandene Unzufriedenheit und Protest.

Welches wacklige Potenzial damit verbunden ist, zeigt derzeit das Schicksal der Piraten. „Nichtwahl und Protestwahl – zwei Seiten einer Medaille“, so hatten es Kollegen einmal treffend formuliert. Und beide Seiten dieser Medaille – gerade auch die Nichtwahl – sorgen dafür, dass dieses Wahljahr spannend bleibt, zumindest was das Ergebnis betrifft.

Auch die Natur (in Verbindung mit ihrem medialen Sprachrohr) trägt Teilschuld an möglicher Restspannung. Flut, Hurrikan, Fukushima – oft hat sich die Themenagenda im Vorfeld von jüngeren Wahlen kurzfristig in Reaktion auf Naturkatastrophen verändert. Und sogar ohne Natur lässt sich die Agenda kurz vor der Wahl beeinflussen, wie besonders eindrucksvoll Gerhard Schröder 2002 gezeigt hat. Wer dann aber kurz vor der Wahl für solche Zufälligkeiten des Wahltags am besten vorbereitet ist, der kann einen fulminanten Schlussspurt hinlegen.

Moderne Wahlkämpfe sind beides: Fiese Bergetappen mit kraftraubende Schlusssprints. Und der Gesamtsieger der Wahlkampftour ist selten derjenige, der die letzte Etappe gewinnt. Die Mischung macht’s. Bewahren wir uns daher die Hoffnung auf einen spannenden und informativen Wahlkampf. Wäre doch schön.

 

Dr. Thorsten Faas ist nicht nur Fan des FC Bayern. Vor allem twittert der Politikwissenschaftler der Uni Mainz als @thorstenfaas über seine Spezialgebiete Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlstudien, mit Einsprengseln aus Fußball und Society. Auf ANTROBIUS untersucht er meist montags Machtfragen aus der Perspektive des bundespolitischen Bundestrainers und schreibt im Wechsel mit Dr. Bieber.

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Foto: ANTROBIUS