Alles wie immer und doch anders: Sieger und Verlierer in Niedersachsen

Drei Beobachtungen: 1) Ein Amtsinhaber, beliebt und erfolgreich, wird ersetzt. 2) Nach Jahren gelingt es den Herausforderern wieder einmal, die Seriensieger der Vergangenheit in Schach zu halten. 3) Ein superknappes Spiel, das erst nach mehrmaliger Verlängerung entschieden war.

Von Thorsten Faas

Freunde des Sports wissen, worauf es ankommt – und das nicht erst seit der vergangenen Woche: Jupp Heynckes wird in München durch Pep Guardiola ersetzt. Deutschland hat Frankreich bei der Handball-WM endlich einmal wieder besiegt. Und Novak Djokovic hat sein Achtelfinale bei den Australian Open gegen den Schweizer Stanislas Wawrinka erst mit 12:10 im fünften Satz gewonnen – „Djokovic outlasts Wawrinka in epic“ hat der Sportsender ESPN getitelt.

Aber kommen wir zur gestrigen Wahl in Niedersachsen. An Wahlabenden gibt es Sieger und Verlierer. Das liegt in der Natur der Sache. Und das war auch gestern so. Gewonnen haben die SPD unter Stephan Weil mit ihren zukünftigen Partnern von den Grünen sowie vor allem die niedersächsische FDP. Und irgendwie auch Peer Steinbrück und Philipp Rösler – was bemerkenswert ist, waren sich doch die politischen Auguren im Vorfeld so sicher: Bestenfalls einer von beiden würde gewinnen können. Und eigentlich doch keiner von beiden. So ist das mit den Vorhersagen.

Verloren haben die CDU unter David McAllister, Linke und Piraten (leider fehlt mir die Kreativität, um diesem eigenwilligen Bündnis eine Jamaika-hafte Metapher zu geben und damit in die Geschichte des Feuilletons einzugehen: Falls jemand ein Land kennt, in dessen Flagge schwarz, lila und orange sind, bitte per E-Mail an mich).

Soweit der Standard. Aber Antrobius wäre nicht Antrobius, wenn wir nicht über den Tellerrand hinaus schauen würden. Wie ist es eigentlich mit Wählern, Demoskopen, dem Wahlsystem und der Demokratie insgesamt bestellt – haben sie gewonnen oder verloren?

Ich starte mal mit einer kühnen These: Die Wähler haben verloren. Vor allem die bürgerlichen Wähler. Und zwar nicht, weil Weil jetzt regiert. Sondern weil sie sich so bemüht haben, möglichst optimal und rational und maximal zu leihen und zu wählen – und am Ende doch gescheitert sind. Alles andere wäre auch eine Sensation gewesen. In Ermangelung eines gigantischen Markplatzes – wie und wo sollten sich die bürgerlichen Wähler denn vor dem gestrigen Wahlsonntag treffen, um ihre Strategie des Leihstimmens so zu koordinieren, dass die FDP am Ende gerade über fünf Prozent kommt – aber auch keinen Zentimeter weiter?

Offensichtlich haben gestern zu viele Wähler ihren Mitwählern misstraut und sind selbst auf Nummer Sicher gegangen: Leihstimme FDP. Und dann waren es am Ende zehn Prozent für die Liberalen. Und deutlich weniger als 40 für die Union. Das macht die Wähler noch nicht zu Verlierern. Aber man stelle sich nur kurz vor, es wäre zu einem Patt gekommen, was ja bis zuletzt im Raum stand: Dann hätten die Leihstimmen entweder eine Ampel-Koalition produziert (na das hätte die CDU-Verleiher aber gefreut!) oder aber eine Große Koalition, in die die CDU dann geschwächt eingezogen wäre. Genau das ist übrigens 2005 passiert. Leihstimmen-Kampagnen kann man leicht propagieren. Dass sie jemals funktioniert haben, ist ein Wunder.

Zweitens – die Demoskopen. Man wird nun wieder sagen: Desaster, weil mit ihren Umfragen im Vorfeld meilenweit daneben. Ich sage: Nein. Leihstimmen sind des Demoskopen schlimmster Albtraum. Weil die publizierten Umfragen selbst wiederum Verhaltensänderungen bei den Wählerinnern und Wählern auslösen und sich damit selbst ad absurdum führen. Aber das sagt nichts über die Qualität der Arbeit der Demoskopen, sondern eher etwas über unseren Umgang mit ihren Produkten.

Gerade misslich ist dann, dass in der Woche vor der Wahl weniger Umfragen zur Verfügung stehen als zuvor. Gerade dann, wenn Wähler sie zu nutzen versuchen (siehe oben), sind sie nicht da. Und dann stehen die Demoskopen als Verlierer da. Wozu sie in der Lage sind, hat aber der Wahlabend gezeigt. Ein so knappes Ergebnis um 18 Uhr schon so genau zu treffen, zeugt von einer unglaublichen Erfahrung und Leistungskraft. Kleinere Abweichungen und Fehlerchen im Laufe eines turbulenten Abends ändern daran nichts. Einzig die von Günter Jauch persönlich eingeblendete Grafik zu den angeblichen Überhangmandaten war ärgerlich, weil völlig irreführend.

Gewinner des Abends war das Wahlsystem, denn es hat mehr denn je mitentschieden, wer der Sieger des Abends war. Würde der zukünftige niedersächsische Landtag 139 statt 137 Mandate haben, hieße der Sieger David McAllister. Der Teufel steckt im Detail, sagt McAllister. Oder der Engel, sagt Stephan Weil.

Bleibt die Demokratie: Dass wechselseitige Schulterklopfen ob des fairen Wahlkampfs und des respektvollen Umgangs miteinander, das gestern allseits zu beobachten war, war dann doch vielleicht ein bisschen too much. Und vor allem der damit verbundene Brückenschlag zur gestiegenen Wahlbeteiligung. Es stand unglaublich viel auf dem Spiel, es wurde unglaublich intensiv Wahlkampf geführt, es würde unheimlich knapp werden – und trotzdem blieb die Wahlbeteiligung unter 60 Prozent. Die Demokratie als Sieger sieht – zumindest aus dieser Warte betrachtet – anders aus.

Abschließend noch ein Tipp für alle Landeswahlleiterinnen und Landeswahlleiter dieser Republik. Kaufen Sie Server! In Hannover rufe ich heute mal an und schlage das vor. Dorthin eine Mail zu schicken, ist mir nach den Erfahrungen von gestern Abend zu unsicher.

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Dr. Thorsten Faas twittert als @thorstenfaas über seine Spezialgebiete Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlstudien, mit Einsprengseln aus Fußball und Society. Auf ANTROBIUS untersucht er meist montags Machtfragen aus der Perspektive des bundespolitischen Bundestrainers und schreibt im Wechsel mit Dr. Bieber.

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