“Angst hat man hauptsächlich vor dem großen Unbekannten.”

Mit 30 Diagnose Krebs. Das ist ein besonderes Risiko. Viele Ärzte erkennen die Krankheit nicht sofort – denken erstmal an was anderes. Der Patient ist “zu jung für Krebs”. Ein Irrtum, der wertvolle Zeit kosten kann.

Und wenn die Diagnose dann da ist, erscheint sie wie eine große Ungerechtigkeit. Vor allem für junge Erwachsene. Die sich grade alles aufbauen im Leben. Die an Familie und Kinder denken – aber nicht an lebensbedrohliche Krankheiten. Dabei ist Krebs neben allen Risiken, die wir mit Zigaretten, Alkohol und anderem auf uns nehmen, auch Schicksal. Wie die Forscher am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sagen.

„Wenn jemand schon an die 80 ist, dann ist es sozusagen erlaubt, dass dieser Mensch irgendwann an irgendetwas sterben wird. Bei knapp 30jährigen ist es gesellschaftlich überhaupt nicht ok,“ beschreibt Dr. Angelika Riemer die Schwierigkeit von uns allen, sich in diesem Alter mit dem Thema Krebs auseinanderzusetzen.

Dr. Riemer setzt am DKFZ in Heidelberg die Arbeit fort, die Prof. Harald zur Hausen hier begann: ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für seine Entdeckung, dass Viren Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Dr. Riemer will nun ein Medikament entwickeln, dass die Krankheit besiegt. Jede Krebsart braucht eine eigene Therapie, es gibt mehr als hundert Krebsarten – und sicher ist bisher nur: dass wir entschieden mehr NICHT über Krebs wissen, als wir wissen.

antrobius: Fühlen Sie sich manchmal wie Sysiphos vor Ihrer Arbeit die vor Ihnen liegt?

Riemer: „Nein. Sysiphos, das war ja auch eine Arbeit, die zu nichts geführt hat. Ob diese Kugel jetzt am Berg oben oder unten ist, das war unerheblich. Das war die Aufgabe die ihm gestellt wurde; und vor allem: er musste immer von vorne anfangen. Doch in der Forschung fängt man nie von vorne an. Man baut mit jedem Baustein zu einem großen Berg des Wissens dazu.“

antrobius: Doch wissenschaftlicher Erfolg kommt nur in kleinen Schritten. Er dauert. Lange. Sie haben in der Zwischenzeit den ganzen Tag mit dieser Krankheit zu tun. Sie sehen Sie unter dem Mikroskop. Haben Sie selber davor Angst?

Riemer: „Ich denke mir, ich habe wahrscheinlich sogar weniger Angst als Leute, die damit gar nichts zu tun haben. Weil es für mich nichts Fremdes ist. Es ist etwas, womit wir arbeiten und wo wir auch wissen, was kann man tun kann und was nicht. Ich glaube, Angst hat man hauptsächlich vor dem großen Unbekannten.“

 

Foto: Alexander Griesser, Philip Flämig für Bewegte Zeiten Filmproduktion aus “Ulrich protestiert: Fürs Überleben. Krebs mit 30.” Dokumentation, 45min, D 2012, auf  ZDFinfo