Arm vs. Grün

Es gibt Probleme, die einem so groß erscheinen, dass man von vorneherein die Hände vor die Augen hält, einen Schritt zurück tut und sagt: „Das schaffen wir nicht.“ Geholfen ist damit leider niemandem. Die Klimakatastrophe und die soziale Ungerechtigkeit zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern gehören zu dieser Problemgruppe: Sie sind zwei der wichtigsten globalen Aufgaben. Der Gipfel in Rio in zwei Wochen soll hier Antworten geben. Keine Angst, es kommt nichts bei raus. Die Kanzlerin wird nicht mal hinreisen, weil selbst sie nichts mehr vom Gipfel erwartet.

Der Westen fühlt sich missverstanden. Jetzt haben wir endlich den gesellschaftlichen Konsens darüber erreicht, dass der Klimawandel a) stattfindet, b) maßgeblich mit fossilen Energieformen zu tun hat, und c) es unsere Verantwortung ist, etwas zu tun. Elektroautos, Solardächer, Ökostrom aus der Dose – das ist der Stand der Dinge, mit dem das Gewissen neuerdings rein bleibt. Und dann noch die Atomkraft abgeschafft!

Wir sind noch nicht weiter

Nur ein Schelm oder ein Lobbyist wird dies heute noch als Blödsinn abtun. Umso schwerer zu akzeptieren, dass dies alles von uns gut gemeint ist – die Welt aber keinen bedeutenden Schritt weitergebracht hat.

Hier ist, warum.
Erstens: Die Armut ist das schlimmste Problem weltweit. Die gute Nachricht ist: Der Anteil der Ärmsten hat in den vergangenen 30 Jahren um die Hälfte abgenommen. Die schlechte Nachricht: Das ging nur mit einer umweltverschmutzenden Industrialisierung. Der Grund: Grüne Techniken sind teurer als solche mit fossilen Brennstoffen.

Zweitens: Die Landwirtschaft geht einen irren Weg. Sie wächst rapide, frisst die Wälder, wird global statt regional – und bringt nichts gegen den Hunger. 40 Prozent des in den USA angebauten Maises werden als Biokraftstoff verbrannt. 50 Prozent aller Lebensmittel verschwinden auf unterschiedlichen Wegen im Abfall, statt auf unseren Tellern zu landen.

Fazit: Verschwendung ist ein westliches Problem, grüne Technik ist ein westliches Produkt – doch hungernden Afrikanern und Asiaten will man nicht ernsthaft schmackhaft machen, dass ihr Maisbrei unsere Öko-SUVs auf Drehzahl hält.

Drittens: Wir nehmen für uns Wachstum, Industrialisierung und Wohlstand in Anspruch – fordern von den Ärmsten und denjenigen, die sich grade hocharbeiten, eine doppelte Reformarbeit. Werdet nicht so wie wir, werdet bitte gleich besser. Dabei verhauen unsere Banken und unsere Schuldenstaaten Geldbeträge, von denen man wahrscheinlich ein globales Ernährungsprogramm bezahlen könnte.

Also: Wie soll unsere Entwicklungspolitik aussehen: Futtertrog oder Investitionsbehörde? Wie soll unsere Klimapolitik aussehen: Emissionshandel oder Verzicht oder ganz vergessen? Wie soll unsere Wirtschaftspolitik aussehen: green economy oder old economy? Und wie lange wollen wir uns von den Bundesländern die Bildungspolitik kaputtsparen lassen, anstatt sie hochzutunen für eine global nutzbare grüne Spitzenforschung?

Einfacher ist besser

Experten sagen: keep it simple. Investiert in Forschung, die billige grüne Technik bringt. Und macht den Welthandel gerechter. Denn eine gerechtere Welt ist schneller bereit, am Klima zu arbeiten, als eine, in der immer noch jeder seinen eigenen Vorteil sucht – egal mit welchen Motiven.

 

Foto: Alastair Heseltine Informationen auf www.alastaireheseltine.com thru StreetArt in Germany

Alastair Heseltine ist Bildhauer und arbeitet auf Hornby Island: eine kleine Insel zwischen Vancouver Island und dem westkanadischen Festland.