Beethoven, der Revolutionär. Sagt Star-Pianist Rudolf Buchbinder.

Der Konzertkalender des Pianisten Rudolf Buchbinder ist im Beethoven Jahr prall gefüllt. Und trotzdem gelang kurz vor Weihnachten 2019 ein Gespräch mit einem der profiliertesten Beethoven-Interpreten unserer Zeit. 

In einem ZDF-Interview spricht er über Beethoven als Lebens-Gefährten, als musikalischen Revolutionär und über die Diabelli-Varationen – die jetzt in Buchbinders aktuellem Diabelli-Projekt in ganz neuen Bearbeitungen erscheinen. Wir treffen ihn in seinem Wohnzimmer. Natürlich mit Beethoven-Büste über dem Flügel. Hier das Gespräch in fast voller Länge – zur besseren Lesbarkeit ganz leicht gekürzt.

Herr Buchbinder, wie hat Sie der Beethoven-Virus infiziert?

Das muss in meiner frühesten Kindheit passiert sein, denn bei uns stand das Pianino, auf dem Pianino ein Radio und auf der Wand hing die Lebensmaske von Beethoven. Und alles, was ich im Radio hörte, versuchte ich nachzuspielen. Ich habe dann mit 5 Jahren die Aufnahmeprüfung auf die Musikhochschule bestanden. Ich habe noch das Inskriptionsbuch! Zur Aufnahme-Prüfung spielte ich damals „Ich würd’ gern Dein Herz klopfen hören“. Ich bin noch immer der jüngste Student in der Geschichte der Wiener Musikhochschule. Mit sieben, acht Jahren spielte ich zum ersten mal Beethoven, seine G-Dur Variationen. Un knapp nach meinem elften Geburtstag war mein Debut im großen Saal des Musikvereins – und das kann ich mir heute nicht mehr vorstellen – ich spielte damals das erste Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Als kleiner Knabe. Und seitdem verfolgt mich Beethoven – nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch.

Was fasziniert Sie denn ausgerechnet an Beethoven so sehr?

Es beginnt mit den 32 Klaviersonaten, die für mich immer ein Zielpunkt waren. Ich wusste schon als junger Stunden: Das wird ein Oeuvre, das ich erarbeiten muss und auch spielen muss. Ich habe mich dem aber langsam genähert, habe zuerst Haydn aufgenommen. Das war für mich die beste Schule. Da lernt man Disziplin, Phrasierung, Artikulation. Das sind Dinge die einem auch zugute kommen, ob man nun Brahms, Tschaikowski oder Beethoven spielt. Haydn ist wie Orangensaft – ganz ganz wichtig.

„Beethoven war ein Revolutionär.“

Beethoven ist nicht nur als Komponist, sondern auch als Menschen ein zentraler Punkt in meinem Leben. Er hat mich immer fasziniert. Als Komponist war er ein Revolutionär. Und wenn man mich fragt, ob ich einen großen Wunsch habe, dann wäre der Wunsch, 24 Stunden unsichtbar in der Ecke von Beethovens Musikzimmer zu sitzen, ihm einfach zuzuhören, zuzusehen und 24 Stunden lang von ihm gefesselt zu sein.

Beethoven war ein Revolutionär. Er war fesselnd, er war faszinierend. Und er war ein Revolutionär in seinen Werken. Er war der Erste, der ein subtil pianissimo nach einem Fortissimo schreibt. Er hat immer in Extremen gelebt.

„Komischerweise wurde er immer in Es-Dur sentimental.“

Und warum haben mich die 32 Klaviersonaten immer fasziniert? Sie begleiten den Mensch Beethoven sein ganzes Leben. Von Opus zwei bis Opus 111. Da kommt sein ganzer Gemütszustand immer wieder zutage. Er drückt das aus in jeder Sonate. Das sieht man schon daran, wem er eine Sonate widmete, ob das nun eine Dame war, ein Baron oder ein Graf oder ein Freund der eine große Liebe. Beethoven hatte viele Affären. Zum Großteil unglückliche Lieben. Komischerweise wurde Beethoven immer in Es-Dur sentimental. Das ist eine Tonart, die Beethoven sehr begleitete. Da ist diese wunderschöne Stelle im letzten Satz des Opus 7. Das 5. Klavierkonzert ist in Es-Dur. Die Eroica-Variationen – auch in Es-Dur. Der Abschied, gewidmet Erzherzog Rudolf – auch in Es- Dur. Ja, die wirklich innige Männerfreundschaft mit Erzherzog Rudolf, dem er ja einige seiner schönsten Werke widmete – das sind alles Dinge, die den ganzen Radius, den ganzen Horizont von Beethoven beleuchten.

Sie gelten als einer der profiliertesten Beethoven-Interpreten unserer Zeit. Wie haben Sie sich Beethoven als Komponist und als Mensch genähert?

Dazu braucht man sehr viele Jahre. Man zwanzig Jahren habe ich das sicher noch nicht gewusst. Ich war relativ ahnungslos. Man ist auch als junger Mensch irgendwie intolerant, nicht flexibel – auch in den Interpretationen. Man wird nur freier durch Wissen.

Und das ist etwas Entscheidendes: im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wird auch das Denken viel weiter. Ich werde nie vergessen: Der leider verstorbene Musikkritiker Joachim Kaiser – ein toller Mann! – sagte zu mir, Rudi, Du musst die Beethoven-Sonaten wieder aufnehmen. Ich fragte, warum? Und er sagte: Jetzt bist Du frei. Und 30 Jahre nach meiner ersten Aufnahme habe ich sie dann wieder live aufgenommen, bei sieben Konzerten in der Semperoper in Dresden.

Wann ist für Sie das perfekte Alter für Beethoven?

Ich fürchte, das habe ich noch nicht erreicht.

„Man wird nur freier durch Wissen.“ Foto: Marco Borggreve

Was überrascht Sie noch an Beethoven – nach so langer Karriere, so vielen Konzerten?

Wenn man die Diabelli-Variationen betrachtet: Darin spiegelt sich das Genie Beethovens. Sie sind humorvoll, sie sind wütend, sie sind melancholisch und manchmal swingen sie auch. Man darf eines nicht vergessen: Mozart und Beethoven waren die Pop-Künstler der damaligen Zeit. Die Spatzen haben das vom Dach gepfiffen. Für Elise, der erste Satz der Mondschein-Sonate, das waren Gassenhauer. Jeder hat das gekannt und auch gespielt.

Was war er für ein Mensch?

Ich habe meinen Studentinnen und Studenten immer gesagt: Bevor sie irgendetwas spielen, zuerst ein Buch lesen über die Menschen, und Ann dürft Ihr Euch ans Klavier setzen und etwas von ihm spielen. Bei Beethoven, und das ist das Tragische, genügt das Heiligenstädter Testament. Wenn Sie das lesen, sind Sie plötzlich zusammen mit Beethoven. Wenn er als junger Mensch von Selbstmord schreibt. Über sein Unglück, über sein Gehör, dass er nichts mehr hört. Er liebte Gesellschaft, aber es wurde natürlich immer beschwerlicher, er musste immer schreien, Bitte schreien Sie, ich höre nichts! Er hat wirklich sehr gelitten. Darüber hinaus war er sehr humorvoll, er war sehr wütend, er war auch cholerisch. Und er war ein sehr sparsamer Mensch. Seine Hausdame musste immer die Kaffeebohnen zählen, bevor sie in den Kaffee kamen.

Erstaunlich, dass seine Werke nach mehr als 200 Jahren immer noch so populär sind…

Ja, das ist erstaunlich. Wenn man einen Beethoven-Zyklus ankündigt, ist er ausverkauft. Kein andere Künstler ist so ein Box-Office-Seller wie Ludwig van Beethoven. Allerdings muss man eines sagen: Mit den letzten Werken hat er das Publikum ein bisschen vertrieben. Die letzten Streichquartette sind für uns heute schwer verständlich. Die letzten Klavier-Werke, zum Beispiel die Diabelli-Variationen, wurden nach dem Erscheinen 30 Jahre lang nicht aufgeführt.

Foto: Marco Borggreve

Wie hat der Ort, die Stadt Wien, Komponisten wie Beethoven beeinflusst?

Es war damals die Multikultur, die wir heute bekämpfen. Es war der Einfluss der Zigeuner, der Einfluss der ungarischen Folklore, der Einfluss der böhmischen Volksmusik. Bei Johannes Brahms etwa hören Sie in jedem Werk den Einfluss der österreichischen Folklore. Die Beziehungen und Menschen in jener Monarchie, ich vergleich das ein wenig mit New York. Da gibt es das chinesische Viertel, das italienische, das jüdische, die können vielleicht auch kein perfektes Englisch, aber sie sagen „Wir sind New Yorker!“ – das ist der große Unterschied.

Beethoven als Kosmopolit?

Absolut! Er kämpfte für Brüderlichkeit und Befreiung. Er war ein sehr sozial denkender Mensch. Er hatte gehofft, dass sich in Österreich durch Napoleon einiges ändern wird. Er wurde dann sehr enttäuscht. Ursprünglich war ja die „Eroica“ Napoleon gewidmet. Das hat er dann gestrichen, als es zum Krieg kam.

Mehr über Rudolf Buchbinder, zu seinen Konzerten und zu Tickets gibt es auf seiner Seite buchbinder.net und auf den Seiten der Deutschen Grammophon.

Fotos: Deutsche Grammophon (Titelbild) und Marco Borggreve (Pressematerial buchbinder.net)