„BESETZTES GEBIET BIN ICH.“

 

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt über Bayern, die Lüge und “passt scho”. Eines seiner letzten Interviews – dokumentiert auf ANTROBIUS. 

Im vergangenen Jahr habe ich für ein unabhängiges Bayern protestiert – und da lag es nahe, mich mit einem Mann zu verabreden, der mir dieses Bayern erklären kann. So traf ich am 25. Mai 2013 mit einem Filmteam den Kabarettisten Dieter Hildebrandt zum Gespräch: Über Heimat, die CSU,  den homo ludens, die Lüge, die nicht ernstzunehmende These von der bayerischen Unabhängigkeit und Hildebrandts bayerisches Lieblingswort. Drei Monate, nachdem der Film ausgestrahlt wurde, starb Dieter Hildebrandt in München. Dieses Gespräch ging mir nicht aus dem Kopf. Hier nun die leicht gekürzte Abschrift – eines seiner letzten Interviews.

 

Wolf-Christian Ulrich: Herr Hildebrandt, wir reden über den Traum vom unabhängigen Bayern. Und als erstes möchten wir gerne wissen, was eigentlich Bayern ausmacht. Wie erklären Sie einem Chinesen Bayern?

 

Dieter Hildebrandt: Also zunächst mal müsste ich es mir selber erklären. Ich habe keinen Traum des unabhängigen Bayern. Ich habe Bayern gar nicht richtig gekannt als Kind. Ich bin ja auch einer, der eigentlich gar nicht in dieses deutsche Reich gehört. Mich hat ja Friedrich der Große erobert, und ich bin ja Schlesier und eigentlich Habsburger. Im Grunde genommen bin ich ein Balkanese, ich gehöre zum Balkan. Das merkt man auch, ich bin kein richtiger Bayer. Die Bayern nehmen mich auch nicht als Bayer an und ich bin auch kein richtiger Preuße, die Preußen nehmen mich auch nicht an. Eigentlich bin ich staatenlos mit dem Hintergrund, dass ich erobert worden bin. Also besetztes Gebiet bin ich.

 

Jetzt sind Sie lange genug hier geblieben. Warum ist hier alles so wahnsinnig in Ordnung in Bayern?

 

Also wenn Sie meinen, dass in Bayern alles in Ordnung ist, dann würde ich Ihnen entgegnen: Wir sind hier im Auge des Chaos. Also des totalen Chaos. Des politischen Chaos. Weil: Hier in Bayern weiß niemand so wirklich ganz genau, ob es hier überhaupt so eine Demokratie gibt. Denn die Demokratie wird ja praktisch innerhalb von mehreren Parteien bestimmt, und in Bayern gibt es nur eine Partei. Es gibt viele Menschen, die wissen gar nicht, dass es außer der CSU noch andere Parteien gibt.

Es gibt Sozialdemokraten. Die wissen das, weil sie darunter leiden, dass niemand annimmt, dass es sie wirklich gibt. Und bei der Wahl sehen die Wähler plötzlich, dass man die auch wählen kann. Manche fallen darauf herein und wählen dann die SPD, aber über 20-25% kommt selten eine sozialdemokratische Partei.

Nein, dieses Land gehört der CSU. Also einer Partei. Damit gehören ihr eigentlich auch der Rundfunk und das Fernsehen. Es gehört ihr auch das Volkstum, das Brauchtum auch die Lieder. Der Leberkäs, den man hier kennt, die Lederhosen. Die Kirche gehört… also da weiß man immer nicht ganz genau. Früher gehörte die Partei dann auch noch der Kirche. Jetzt glaube ich gehört die Kirche der Partei. Und alles andere gehört der Wirtschaft. Das heißt, jetzt im Moment ist dieses Chaos derartig gediehen, dass man nicht weiß, ob der Ministerpräsident die Politik der Wirtschaft macht oder umgekehrt.

 

Ist er eigentlich der bayerische König?

 

Er ist der Prinzregent. König… dafür fehlt im die Würde und dafür lügt er zu ungeschickt. Könige, die werden aufgezogen und werden zum Lügen erzogen. Die haben meistens einen Jesuiten an der Hand, die Königssöhne haben meistens Lehrer, Professoren.

Also zum Beispiel Guardini in München, habe ich kennengelernt. Der große Philosoph hatte auch in der Ludwigskirche ein Priesteramt. Und man konnte als Student bei ihm auch hören. Und das war interessant, denn da habe ich erfahren, dass der Katholizismus in Bayern auch seine intellektuellen Spitzen haben kann.

Und der Guardini hat dann einen stolzen Satz gesagt den ich mein Leben lang nicht vergessen habe. Er hat nämlich eine ganze Vorlesung gehalten über die Lüge. Und er sagte eines Tages – und da war es still im ganzen Auditorium: „Lüge kann auch Regie der Wahrheit sein“.

Das sagte also der oberste katholische Denker. Und da bin ich darauf gekommen, dass er Recht hat. Und dass die ganze bayerische Politik darauf besteht. Auf einer geschickten Regie der Lüge bzw. der Wahrheit. Und so ist die bayerische Politik zu verstehen.

 

Sie haben gerade das Brauchtum angesprochen. Zahlen sagen, dass in den vergangen 10 Jahren das Interesse der Bayern am bayerischen Brauchtum zugenommen hat. Woran liegt das?

 

Ich weiß ja nicht, wie man Brauchtum messen kann.

 

Es war eine Umfrage. Aber ich habe auch Leute hier gefragt: Warum schuhplattelt Ihr? Und die Antwort war: Das haben wir immer so gemacht.

 

Naja da haben Sie vielleicht die falschen Leute gefragt. Weil Brauchtum macht durchaus Spaß. Ich habe Leute gesehen, die singen gern, die spielen gern. Der bayerische Mensch ist ein homo ludens. Der bayerische Mensch ist ein Mensch, der spielt Theater, der lebt, der spielt Instrumente; der Musikalische, der Spielsüchtige – was natürlich auch mit dem Spielen an sich zu tun hat. Also Bayern waren immer zum Beispiel bessere Fußballspieler als die Schlesier. Sagen Sie mal… wenn sie singen, singen sie gerne?

 

So ein ganz bisschen…

 

Sehen Sie, das macht Spaß. Und wenn Sie dann die alten Lieder vom Vater singen, ist es schon Brauchtum. Das hat der Vater gebraucht oder die Mutter gebraucht. Und auch das Essen: sehr viele Gerichte gehören zum Brauchtum. Die berühmte Weißwurst, mein Gott ja, das ist eigentlich eine fade Geschichte. Jetzt behaupten sie immer noch, dass man sie nach 12 Uhr nicht essen kann. Die vergessen immer, dass inzwischen der Kühlschrank erfunden wurde. Das war nur deswegen, weil sie sonst schlecht wurde, wenn es über 12 hinausging. Aber sie gehört natürlich inzwischen zum Brauchtum. Die Brezel gehört auch zum Brauchtum.

 

Welches bayerische Lied kommt Ihnen als erstes in den Sinn?

 

Das ist eins von den Biermösl Blosn, das berühmte Lied „Gott mit dir du Land der Baywa“. Baywa, das ist auch Brauchtum, das ist das Warenlager für die Bauern, wo die ganzen Kunstdünger gehortet werden und die Samen, um Felder zu sähen. Und der Hans Well hat das Lied erfunden „Gott mit dir du Land der Baywa“.

Jedenfalls bekamen die Biermösl, die also das Brauchtum vermitteln in reinster Form, die bekamen jahrelang Auftrittsverbot im bayerischen Rundfunk. Weil sie die bayerische Nationalhymne verunziert haben. Die heißt ja „Gott mit Dir, du Land der Bayern“ und nicht „…der Baywa“. Kalk und Stickstoff kamen da vor und so weiter alles.

 

Sprechen wir über die These von der Unabhängigkeit. Wilfried Scharnagl hat ein Buch geschrieben: Bayern kann es auch alleine. Warum schreibt er so etwas?

 

Weil der der Meinung ist, dass die Bayern alleine viel reicher sind und viel klüger und viel alleiniger, viel besser. Immer nach dem alten „mir san mir“. (Da merken Sie sprachlich schon: die Bayern kommen mit zwei Dativen aus. Wir brauchen einen Akkusativ dazu. Nein die brauchen das nicht. Mir san mir.) Die Bayern sind in einer gewissen Weise auch überheblich – so wie der Wilfried Scharnagl immer glaubt, er ist was Besseres. Der hat die Lederhose aber im Gesicht. Der war natürlich ein Meister, ein Medizinmann der CSU. Der meint: CSU – Bayern – Brauchtum – alleine. Grenzen zu. Hessen weg, Schwaben weg. Wir machen’s alleine. Wir nehmen unser Geld alleine ein und zahlen keinen Länderfinanzausgleich.

Das hat ja Gründe und er findet immer Leute, die auch meinen: Wenn der Bismarck damals dem Ludwig nicht die Autorität abgekauft hätte, weil der Ludwig pleite war… Bayern war von da an Teil des Reiches und darunter leiden sie halt heute noch.

 

Und heute schaffen die Bayern wie die Blöden und der Rest der Republik, vor allen Dingen die Berliner, ruhen sich darauf aus?

 

Ja selbstverständlich sagen die Bayern das, das ist doch logisch. Alle anderen sind Harz IV Bezieher die sich… also alle Nicht-Bayern arbeiten nichts, sind lazy, faul, verfressen und wollen nur immer von dem Brot abhaben das die Bayern erarbeiten.

 

Woher kommt das bloß?

 

Das kommt vom Brauchtum. Die brauchen das, das ist ihr Brauchtum, so sind sie immer gewesen. Sie sind halt Kelten, da kann man nichts machen. Ich gehöre zu den Wandalen.

 

Stünde Deutschland ohne Bayern besser da?

 

Deutschland ohne Bayern wäre denkbar. Selbstverständlich. Wir würden mit den Bayern natürlich… also wenn wir die verlieren, würden wir auch Bayern München verlieren. Stellen Sie sich mal vor. Ich bin aber kein Bayer, mir würde das nicht so viel ausmachen, weil ich gehöre zu den 60ern. Mich befällt da keine Trauer würde ich sagen.

 

Was ist Heimat für Sie?

 

Heimat? Da wo meine Freunde sind.

 

Das kann hier in Bayern sein, das kann aber auch sonst wo sein.

 

Überall. Ja. Das könnte auch in Riga sein. Das könnte auch auf den Seychellen sein. Überall. In dem Moment, wo ich ganz alleine auf eine Insel gehen würde, würde ich mich zunächst in der Fremde fühlen. Dann rufe ich alle meine Freunde an und frage: wollt Ihr auch hier her kommen. Dann sagen die: JAAA, und nach ungefähr drei Wochen ist es dann meine Heimat.

 

Was bedeutet eigentlich Bayern der Rest der Republik?

 

Sie meinen, ob die Bayern den Rest der Republik als solchen empfinden?

 

Ja, ich hoffe sie empfinden ihn überhaupt.

 

Jaja, schon, aber wahrscheinlich auch als störend, weil, sie wollen ja angeblich immer Geld von den Bayern haben.

Ich bin ein Flüchtling – andere sagen ich bin ein Vertriebener, aber mich hat keiner vertrieben, meine Eltern sind geflohen. Und ich kam als Soldat dazu und bin also überhaupt weder geflohen noch vertrieben.

Also ich habe hier in Bayern angefangen zu arbeiten. Habe selbst etwas verdient, brauchte mich also nicht unterstützen zu lassen.

Das ist übrigens die größte Leistung aller Deutschen, die im Westen geblieben waren: Die Flüchtlinge, sechs bis sieben Millionen. Eine grandiose Leistung, die nicht in Lagern verkommen zu lassen, wie das heute im nahen Osten ist. Sondern sie zu verpflegen. Und das vergessen die Bayern wahrscheinlich überhaupt nicht. Und die Kinder und Kindeskinder auch nicht. Dieses Gefühl des… wir geben euch. Wenn wir nicht gewesen wären, wo wärt ihr denn heute? Das glaube ich hatten sie wahrscheinlich immer, aber ich kenne sie noch nicht so lange.

Übrigens in Bayern, bis man ein Bayer wird, das dauert lange. Ich glaube, in der vierten Generation. Meine Kinder sind hier in München geboren und haben Kinder, die auch hier geboren sind. Die sind noch keine Bayern. Wenn meine Enkelkinder Kinder kriegen glaube ich, dann werden sie zu den Bayern gerechnet.

 

Ich möchte doch nochmal auf dieses Unabhängigkeitsthema kommen. Irgendwie habe ich das Gefühl, das nimmt keiner so richtig ernst. Andererseits sehen wir in Schottland, Belgien, Spanien ernsthafte Unabhängigkeitsbewegungen und ich könnte mir vorstellen, dass solche Tendenzen in Zeiten dieser wirtschaftlichen Krise, in einem Misstrauen gegenüber Europa, mehr werden.

 

Ich bin nicht in der Lage das ernst zu nehmen. Nein. Ich habe es versucht aber ich schaffe das nicht. Ich finde es so albern dass ich…nein es geht nicht. (lacht)

 

Woher kommt aber denn dieses Gerede von der Unabhängigkeit?

 

Weil die Bayern wissen ganz genau: sie haben einen Reichtum, der ihnen geschenkt wurde. Die Berge, nicht? Obwohl die Berliner sagen: Wenn wir sie hätten, dann wären sie höher. Aber die Bayern, die sagen… Freunde kommt, ist es nicht schön bei uns? Und das ist natürlich auch wirklich schön. Dieses Land ist wirklich zauberhaft schön. Ich muss es jetzt sagen, ich lebe seit 1945 hier und ich liebe dieses Land auch. Und ich liebe meine Bayern, ja? Aber nicht die „mir san mir“ Bayern – sondern die „mir san uns“.

 

Was ist ihr liebstes bayerisches Wort?

 

Das Wort „passt scho‘“.

Ich weiß nicht ob sie das Stück von Kleist kennen, Amphytrion…

 

Das nicht, nein…

 

Amphytrion, ganz kurz erklärt. Ein Feldmarschall kommt von der Schlacht und hat angeblich die Schlacht auch gewonnen. Und die schönste Frau Griechenlands wartet auf ihn: Sie ist seine Frau. Kurz vorher war aber Jupiter gekommen und hatte die Gestalt des Amphytrion angenommen und mit ihr geschlafen. Und jetzt fragt, das ist das gemeine daran für alle Männer, dieser Gott, der im Bett ein Gott war, natürlich, fragt Alkmene, wie die Nacht war und daraufhin sagt sie: „ahhh“.

Und das ärgert mich, weil: Was kann denn ein Mann machen gegen einen Gott im Bett. Das ist eine Gemeinheit. Und deswegen schlage ich vor, dass die Alkmene auf die Frage, wie denn die Nacht war, sagt: „Passt scho‘“. Das wäre die bayerische Antwort und die würde genau treffen.

 

 

Foto: Alexander Griesser

“Ulrich protestiert: Für ein unabhängiges Bayern” in der ZDF mediathek.