Brezel oder Brause?! Duelle weltweit und das „Duell-le“ in Stuttgart.

Auf dem Platz und in der Politik: Mann gegen Mann bleibt Mann gegen Mann. Männer sind bei Duellen einfach unvermeidlich – oder umgekehrt. Bisher nahezu unbeobachtet blieb das Duell in Stuttgart. Dabei lässt sich davon einiges lernen – nicht nur Hochdeutsch.

Von Thorsten Faas

Die Kalenderwoche 40 des Jahres 2012 hat gute Chancen, als die „Woche der Duelle“ in die Geschichtsbücher – oder Wikipedia – einzugehen.

Das alles waren gewissermaßen zeitgeschichtliche Zweikämpfe – die einen mit mehr historischer Tragweite, die anderen mit weniger. Aber geprägt hat die Woche doch das Duell zwischen Fritz Kuhn und Sebastian Turner um das Rathaus in Stuttgart. Und da – Duell hin oder her – keiner der beiden Kandidaten bei der gestrigen Wahl eine absolute Mehrheit erreicht hat, wird das Duell in zwei Wochen in zweiter Auflage stattfinden.

Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel. Dies gilt zuvorderst für die Union und den von ihr unterstützten Kandidaten Turner. Die Zahl deutscher Großstädte, die von einem Bürgermeister aus den Reihen der Union regiert werden, eignet sich inzwischen als Übungsaufgabe für Erstklässler – der Zahlenraum bis zehn ist völlig ausreichend. Noch gehört Stuttgart dazu – bleibt es dabei? Allzu selbstbewusst wirkten die Unionisten weder gestern noch in den Tagen und Wochen davor. Warum sonst wären sie überhaupt auf die Idee gekommen, als stolze Partei in Baden-Württemberg, die das Land über Jahrzehnte hinweg regiert hat, einen parteilosen Kandidaten Sebastian Turner für die Landeshauptstadt zu nominieren?

Für die Grünen geht es auf der anderen Seite darum, erstmals den Chefsessel im Rathaus einer deutschen Landeshauptstadt zu erobern. Die relative Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat haben sie schon, auch in der Villa Reitzenstein, dem Sitz der Landesregierung, stellen sie den Chef. Und nun auch bald ein grünes Rathaus unter Fritz Kuhn in Stuttgart?

Völlig losgelöst von den örtlichen Begebenheiten können wir alle etwas aus Stuttgart lernen – außer Hochdeutsch natürlich. Polarisierung muss erstens nicht schlecht sein, die Wahlbeteiligung von immerhin rund 50 Prozent zeigt, dass Menschen sich durchaus motivieren lassen zur Wahl zu gehen, wenn es Themen und Alternativen gibt. Sie lassen sich sogar dann mobilisieren, wenn ein Wahlsystem einen ersten Wahlgang praktisch bedeutungslos macht: Denn in Stuttgart dürften theoretisch _alle_ Kandidatinnen und Kandidaten von gestern in zwei Wochen nochmals antreten, ja sogar neue Kandidaturen wären möglich. Einzig die einfache Mehrheit wird in zwei Wochen reichen, das ist der einzige Unterschied.

Ein solches Vorspiel, wie wir es gestern erlebt haben, braucht eigentlich niemand, das ist die zweite Lehre: Wahlsysteme können besser oder schlechter sein. Und drittens ist die Parteien- und Politikerverdrossenheit offenkundig noch nicht so weit gediehen, dass ein rein überparteilicher Wahlkampf („Schluss mit dem Streit“) alleine genügt, um souverän ins Ziel zu segeln. Das Gegenteil scheint der Fall: Gestern hat der einzige prominente Kandidat, der auch Mitglied einer Partei ist, das Vorspiel in der Schwabenmetropole für sich entschieden.

Auf zum „Duell-le“ heißt es in der Schwabenmetropole nun noch einmal in zwei Wochen: Brezel oder Brause? Und irgendwas war auch noch mit Romney und Obama kurz danach…

 

Dr. Thorsten Faas twittert als @thorstenfaas über seine Spezialgebiete Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlstudien, mit Einsprengseln aus Fußball und Society. Auf ANTROBIUS untersucht er meist montags Machtfragen aus der Perspektive des bundespolitischen Bundestrainers und schreibt im Wechsel mit Dr. Bieber.

Foto: Felix Hügel