Café Europa. Wie uns ein altes Buch heute an die wichtigsten Dinge erinnert.

 

Grade jetzt! Weil grade alle damit beschäftigt sind, andauernd und aufgeregt über Bankenrettung und Eurorettung zu reden, ist dies ein fantastischer Moment, im Antiquariat nach einem bemerkenswerten Buch zu fragen, das die fantasielose Europapolitik aus Berlin, Paris, Athen, Madrid und schließlich London mit einfachen Worten zum eigentlichen Kern zurückführt.

Wie das? Indem die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic in einer Reihe von wunderbaren Reportagen unter dem Titel “Café Europa” den Blick auf das Wesentliche der europäischen Idee richtet. Und dieser Blick aufs Wesentliche – das wird bei der Lektüre klar – ist dem politischen Personal der Krisenländer offenbar abhanden gekommen.

Kroatien ist seit 2013 Mitglied der EU. Das war ein Moment, auf den viele Kroaten lange gewartet hatten. Europa war für sie eine Verheißung, zumal vor 1989. Viele Ost-Europäer wollten damals einer Wertegemeinschaft beitreten. Um die kommunistische unfreie Vergangenheit hinter sich zu lassen. Natürlich spielte auch der Traum von unbegrenztem Konsum und wirtschaftlicher Entwicklung eine große Rolle. — Aber eben nicht die einzige.

Die EU hatte gezögert. Nicht nur, wegen der Jugoslawienkriege, die bis 1995 den Balkan erschütterten und zu schrecklichen Massakern und Verwerfungen führten. Die Zurückhaltung seitens der EU hatte auch wirtschaftliche Gründe. Das Wirtschaftssystem EU musste den Ostblock verkraften können.

Heute zeigt sich, dass die EU die neuen Mitgliedstaaten aus Osteuropa wesentlich besser verträgt als die Banken- und Schuldenpolitik der alten Mitgliedstaaten.

Dramatischer noch: die Wertegemeinschaft Europa ist bei einem Großteil des politischen Personals und in der Wahrnehmung vieler Europäer offenbar vorrangig keine Werte- sondern nur noch eine eine Finanz- und Wirtschaftsgemeinschaft. Es geht nur noch ums Geld. Um Banken. Um Rettungsschirme. Um Wachstumsprogramme.

Doch diese Sicht auf Europa ist Gift für Europa.

Wer selber erlebt hat, wie die Schlagbäume fielen und Völker von Tallin bis Sofia ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, fragt sich, wie es nur kommen konnte, dass hiervon in der öffentlichen Diskussion keine Rede mehr ist. Der Beitritt Kroatiens, eines noch vor 20 Jahren von einem schlimmen Bürgerkrieg gebeutelten Landes, war in diesem Jahr ein beinahe beiläufiger Termin. Als hätten wir die ganze Unfreiheit längst vergessen und verdrängt.

Wer im Essayband mit dem Titel „Café Europa“ liest, welche Hoffnungen vor allem die Menschen aus dem Ostblock an Europa hatten, schämt sich, wenn er die derzeitige deutsche Europapolitik in Augenschein nimmt. Deutschland IST Motor in Europa. Nicht nur wirtschaftlich. Was wir sagen, hat Gewicht. Nutzen wir das? Stehen wir für freiheitliche Werte in Europa ein? Was lassen wir beispielsweise hören, wenn Orban sich in Ungarn aufführt wie ein antidemokratischer Nationalchauvi? Wieso geht’s um PKW-Maut aber nicht um einen Export von Bürgerrechten und demokratischen Werten?

Dass alle Staaten vernünftig haushalten und den Finanzsektor nachhaltig regulieren, ist in der Tat alternativlos. Doch das sind lang bekannte Hausaufgaben. Da sollten wir uns im übrigen zunächst an die eigene Nase fassen.

Die andauernde Reduzierung des Europa-Diskurses auf die sogenannte “Schuldenkrise”, die in Wahrheit immer noch eine “Banken- und Schuldenkrise” ist, macht die europäischen Idee geschichtslos – und das ist für uns alle hochgefährlich: denn damit verschwindet auch unsere Pflicht, für dieses Europa Verantwortung zu übernehmen.

Die Stärke von Draculic’ Essays ist, dass wir in ihnen lesen können, warum es sich lohnt, sich die gute Friedensidee von Europa immer wieder vor Augen zu halten: Ein zivilisierter Aufbruch in eine friedliche gemeinsame Zukunft. Sich dies zu vergewärtigen: Dabei hilft diese wunderbare Essay-Sammlung, die heute aktuell ist wie vor 20 Jahren.

 

Grafik: Miroslav Sutej – gegenwärtig im Museum für zeitgenössische Kunst Zagreb