“Control your world!” Wie leben Digital natives die passive Erreichbarkeit?

 

Diese Woche diskutiert das Fachmagazin in einem Spezial, wie wir mit der ständigen Erreichbarkeit leben. Den Aufschlag macht Christoph Bieber. Er beleuchtet nicht nur unser tethered life in der ständigen passiven Erreichbarkeit, sondern auch die natürlichen Abwehrmechanismen der digital natives und moralische Fragen zur ständigen Kontrolle.

Von Christoph Bieber

Ständige Erreichbarkeit – die enorme Verbreitung mobiler Endgeräte in (fast) allen Formen und Farben hat deutlich gemacht, dass das Internet schon lange nicht mehr nur am Schreibtisch stattfindet. Und neben den mehr oder weniger handlichen Mitnahme-Gadgets nimmt die Konnektivierung der Lebenswelt immer neue Gestalt an: Straßen und Plätze gehen online, ebenso Autos, Züge oder Flugzeuge. Die eine Seite dieser (beinahe) ubiquitären Vernetzung wird mit Blick auf die individuelle Bewältigung des digitalen Kommunikationsstresses diskutiert – oft reißerisch und alarmierend, nur selten abwägend und/oder originell.

Es gibt aber auch noch eine andere Seite des permanenten, digitalen Erreichbar-Seins, die insbesondere für jüngere Mitglieder der Online-Welt gilt – eine Art passive Erreichbarkeit, oder zumindest Sichtbarkeit im Netz. Gemeint ist das „tethered life“: ein digital angekettetes Leben, das viele Kinder und Jugendliche führen oder zumindest führen sollen. Geprägt hat den Begriff die US-amerikanische Psychologin Sherry Turkle, deren letztes Buch auf deutsch den schrecklich lauten Titel „Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern“ trägt. (Im US-amerikanischen Original heißt der Band übrigens „Alone Together. Why we expect more from technology and less from each other“ – bereits diese Verlagsentscheidung sagt viel über das nationale Netzklima in Deutschland.).

An einer entscheidenden Stelle beschreibt Turkle den Gewöhnungsprozess, den die „jungen Leute von heute“ durchlaufen haben: „Sie sind mit Roboter-Haustieren aufgewachsen und führen ein durch das Netz angekettetes Leben. (…) Sie haben die Macht des digitalen Lebens erkannt, aber sie nehmen es auch wahr wie das Wetter: das Netz ist einfach da. Man kann sich daran erfreuen, aber manchmal muss man es auch einfach aushalten. Sie haben sich daran gewöhnt, aber es gibt auch Zeichen einer Art Wetterfühligkeit.“ (Aus naheliegenden Gründen (s.o.) handelt es sich hier um die Übersetzung des Autors).

In ihren Gesprächen mit Teenagern bemerkt Turkle, dass die Strategien zu einer „digitalen Abnabelung“ stärker werden, die Eltern sollen nicht mehr alle digitalen Datenspuren zur Hand haben – und so bleibt das Handy aus oder zu Hause liegen, Profile in sozialen Netzwerken werden nur noch anlassbezogen erstellt (etwa zur Vorbereitung einer Party) und danach wieder gelöscht. Offenbar macht sich eine gewisse Netzwerk-Vorsicht unter jungen Menschen sogar bei Facebook bemerkbar, denn dort wachsen inzwischen die älteren Nutzergruppen am stärksten – Jugend ist eben keine Garantie für Innovation.

Beinahe noch interessanter ist ein Blick auf die Altersklasse unterhalb der Teenager – die Touchscreen-Generation der heute etwa drei- bis achtjährigen wird nicht mehr über vernetzte Rechner oder das Handy an die digitale Kette gelegt, sondern macht die ersten Erfahrungen zunehmend mit den berührungsempfindlichen Tablet-Geräten. Die Folgen – für die Nutzer, die Eltern, die Gesellschaft – sind noch völlig unklar, allen alarmistischen Unkenrufen trotz.

Gerade für diese Zielgruppe (bzw. deren Eltern) kommen neue Geräte auf den Markt, die den Begriff des „tethered life“ – und damit eben auch die einseitige, permanente Erreichbarkeit – auf ganz andere Weise ausbuchstabieren: GPS-basierte Personenfinder, die mit dem Versprechen auf eine absolute Sicherheit werben. Das US-Unternehmen pocketfinder formuliert den bemerkenswerten Satz: „Wissen können, wo die Lieben, Haustiere und Fahrzeuge gerade sind – mit nur einem Knopfdruck.“

Technisch sind die Geräte an sich nichts besonderes: „Not exactly Christmas“ urteilte James Bond neulich, als ihm sein jugendlicher Chefausstatter einen Peilsender aushändigte. Bezüglich der Erreichbarkeit birgt diese Szene übrigens einige Ironie, denn hier will die junge Generation die ältere mit Hilfe der Technologie überwachen. Eine Qualität liegt allerdings in den Zusatzanwendungen, die die Hardware ergänzen. Der Abruf der Daten über eine Smartphone- bzw. Tablet-App ist mittlerweile Standard, doch es gibt auch einige trickreiche Verknüpfungen mit der Datenwelt.

Die tschechische Künstlerin EVA KOTATKOVA setzt sich mit Erziehungskonzepten auseinander und Momenten gestörter Kommunikation. Sie stellt derzeit im Kunstverein Braunschweig aus. Mehr zu Eva Kotatkova am Freitag, den 12. April 2013 hier im Fachmagazin.

 

So erlaubt etwa die Funktion des GeoFencing die Markierung individueller Sperrgebiete, bei denen der Sender sofort Alarm schlägt. Beim Einsatz in Fahrzeugen kann eine Höchstgeschwindigkeit angegeben werden, bei deren Überschreiten ebenfalls ein Signal beim Aufpasser ausgelöst wird. „Control Your World!“ lautet denn auch einer der zentralen Slogans im pocketfinder-Marketing. Hier deutet sich an, dass mit einer neuartigen Sicherheitstechnologie stets auch alternative Nutzungen und Grenzüberschreitungen möglich sind – ein altbekanntes Phänomen, wenn es um die Nutzung digitaler Kommunikationsräume geht.

Unter dem ersten Eindruck der Machbarkeit wird rasch vergessen, dass die elterliche Fernsteuerung rasch in einer Überdehnung der Schutzansprüche münden kann. Auf dem Spiel stehen dann die Freiheits- und Persönlichkeitsrechte von Kindern und Jugendlichen. Dass genau diese Frage ein mitunter hohes moralisches Konfliktpotenzial birgt, ist ebenfalls schon lange bekannt.

Bereits 1996 formulierte Jon Katz einen wichtigen, immer noch aktuellen Beitrag zur Debatte um digitale Kinderrechte. Katz forderte damals einen neuen Sozialvertrag zwischen den Generationen, um das Zusammenleben in einer Zeit des „Bürgerkriegs um Kultur und Medien“ durch einen wechselseitigen Verantwortungsbegriff zu garantieren. Es sieht ganz danach aus, als seien die Paragraphen eines solchen „Gesellschaftsvertrags für das digitale Zeitalter“ längst noch nicht ausbuchstabiert.

 

MORGEN AUF ANTROBIUSKerstin Köhler über “Der Rhythmus der anderen. Wie viel Balance lässt Dir Dein Handy?”


Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags 
aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit Prof. Dr. Thorsten Faas. Wenn Du auch in Zukunft keine Kolumne von Dr. Bieber verpassen möchtest, folge ANTROBIUS jetzt auf Twitter!

Foto: ANTROBIUS