Das Demenz-Dilemma: Kai Diekmann, bitte helfen!

 

Eigentlich war das ganz anders geplant. Eigentlich wollte ich hier über Geekdads, Pixelpapas oder Maker-Moms schreiben. Aber das geht jetzt nicht, denn in diesen Tagen dominiert die Diskussion über „digitale Demenz“ die Agenda. Und bevor ich meine paar Gedanken dazu wieder vergesse, schreibe ich sie lieber mal auf.

von Dr. Christoph Bieber

Passend zur IFA erreichte das Reden über die Verdummungsmaschine Internet auch die deutsche Talkshow-Welt. Bei/mit Günther Jauch tauschten sich Petra Gerster, Ranga Yogeshwar und Manfred Spitzer dazu aus – allesamt „Top-Internetexperten“ wie ein gewisser @HFeldhoff  via Twitter anmerkte.

Damit ist schon ein wesentlicher Punkt des Problems benannt: ein Expertengespräch war das nicht, bestenfalls kann man den Anwesenden eine private „Betroffenheit“ attestieren („Haben Sie etwa einen Computer ins Kinderzimmer?!“). Hätte man die Thesen des „Hirnforschers“ Spitzer wirklich kritisch diskutieren wollen, wäre eine andere Sitzordnung auf der Couch nötig gewesen.

Gefangen in der Talk-Zwickmühle

Damit beginnt aber schon das nächste Dilemma, denn die Jauch-Redaktion war durchaus gewillt, netzaffine Gegenredner einzuladen. Doch vorab hatte „Unterhalter“ Nilz Bokelberg seine Absage erteilt, während sich im Netz mit jedem neuen Spitzer-Auftritt allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Spitzerschen Talk-Performances im TV tatsächlich gut funktionieren – und nebenbei auch gleich die Spitzerposition auf den Bestseller-Listen zementieren.

Und schon sitzen wir in einer weiteren Zwickmühle: scheinbar kann man als Spitzer-Kritiker nur verlieren, denn selbst wenn man einen Weg findet, mit Sachargumenten Paroli zu bieten (vulgo: mindestens eine Gegenstudie zu jedem Spitzer-Verweis parat zu haben), bleibt der Beigeschmack des Nebendarstellers oder im schlimmsten Fall Stichwortgebers bestehen. Hier greifen die gängigen Mechanismen des Talk-Zirkus: der Autor tourt durch die Sendelandschaft und gibt das Thema vor, die Gegenüber sind austauschbar und werden zur Staffage.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Falle? Vielleicht. Im Netz (wo sonst) rührt sich durchaus schon einiger Widerstand – gegen die Spitzer-Thesen sowieso, aber auch gegen das Talkshow-Regime. Online werden inzwischen Materialien gesammelt, die als „Gegengift“ gegen die Spitzersche Studienschwemme gereicht werden. Auch die Echtzeitkommunikation via Twitter und Facebook kann dazu beitragen, einen Paralleldiskurs zu installieren – in Ansätzen hat das Ranga Yogeshwar angedeutet, als er bei Jauch mit seinem iPad hantierte. Schöner wäre es gewesen, er hätte den Tweet von @puzzlestuecke verlesen: „Während #Jauch im Fernsehen erzählt, wie dumm das Internet machen kann, wissen wir im Internet längst, wie dumm das Fernsehen machen kann.“

Howard hilft!

Hier zeigt sich, dass alte und neue Medien längst noch nicht zu verwachsen sind, wie das viele gerne hätten (und wie es selbst die Fernsehsender immer wieder mal behaupten). Vermutlich bedarf es einer old-schooligen Feuilleton-Debatte als Interface oder gleich eines weiteren Buchs, um die diskursive Spaltung zu überbrücken – natürlich gibt es längst ein solches Buch, nur spielt es in der deutschen Diskussion keine Rolle. Geschrieben hat es Howard Rheingold, der in seiner digitalen Kauzigkeit durchaus Talkshow-tauglich wäre, aber viel lieber in Kalifornien bleibt, Pflaumenbäume schneidet und Schuhe anmalt, wenn er nicht gerade Bücher schreibt. „Net Smart: How to Thrive Online“ heißt seine Sicht auf die Möglichkeiten, die ein digitales und kollektives Arbeiten im Netz eben auch bietet.

Aber noch ist es nicht zu spät: vielleicht  fährt der neue Silicon Valley-Korrespondent der Bild-Zeitung ja mal ein paar Meilen nach Norden, biegt kurz hinter der Golden Gate ab (Richtung Muir Woods) und dreht mit dem Smartphone ein schönes kleines Interview im Gartenhaus von Howard Rheingold. Wie wär´s, Herr Diekmann?

In der Zwischenzeit bleiben uns aber wohl noch ein paar harte Wochen im Kampf mit Manfred Spitzer und seinen Thesen zur, na, Moment, wie hieß das nochmal…? Naja, dann überlege ich mir jetzt eben mal, was es mit diesen Pixelpapas und Maker-Moms auf sich haben könnte und ob die vielleicht doch etwas mit dem Thema zu tun haben.

 

Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. okay, and sports. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit DR. FAAS. 

 

Foto: antrobius