Das Ende der Beschallung – Was muss auf den Soundtrack zum Fest?

 

Die Auswahl der passenden Musik zum Fest ist eine zentrale, emotionale und deshalb verantwortungsvolle Aufgabe – an der die meisten Radiostationen und Supermärkte kläglich scheitern. Jahr für Jahr. ANTROBIUS macht deshalb konstruktive Ergänzungsvorschläge zur Ergänzung der Playlist für nach dem Weihnachtsessen. Der erste Vorschlag kommt von unserer verdienten Musikredakteurin Sandra M. Heinzelmann. Wohl bekomm’s!

Von Sandra M. Heinzelmann

Die unglückseligen Zeiten, wo man bei jedem Einkauf oder Kaffeegenuss mit „Weihnachts“-„Musik“ beschallt wird, werden bald endlich vorbei sein. Doppelte Anführungszeichen, da das, was in den Geschäften aus den Lautsprechern dudelt, nur ein musikähnliches Produkt ist, bei dem die Texte aus einer beliebigen Zusammenstellung der Worte „Christmas“, „love“, „snow“ und anderen Belanglosigkeiten generiert werden. Wahrscheinlich von Algorithmen – davon war ja hier im blog unlängst öfter die Rede. Jedenfalls ist das unter Umständen so unerträglich, dass ich die Lokalitäten umgehend verlassen muss, da ich sicher bin, dass diese Zwangsbeschallung weitaus mehr Gehirnzellen tötet, als ein kräftiger Gin Tonic.

Aber welches Weihnachtslied könnte dagegen halten?

Nach dem Durchforsten von Erinnerungen und dem privaten Musikarchiv lautet das Resultat: „I Believe In You“ in der Interpretation von Sinéad O’Connor.

Eine – im Vergleich zum restlichen Weihnachts-Pop – zarte Darbietung eines unaufdringlichen Liedes, welches aus der Feder Bob Dylans stammt. Gefunden hatte ich den Track auf einem weihnachtlichen Sammelalbum mit einem farbenfrohen Coverdesign von Keith Haring, welches 1992 unter dem Namen „A Very Special Christmas 2“ veröffentlicht wurde. Neben allen weihnachtlichen Klassikern und Neukompositionen sticht das Lied zunächst hervor, weil nicht einmal das Wort „Christmas“ im Text vorkommt (und „love“ nur einmal).

Dazu singt die Irin mit intensiver Überzeugung in der Stimme, so dass man nicht weghören kann und ihren Worten auf einer leicht melancholischen Melodie genau folgen muss. Ohne die typischen Accessoires wie beispielsweise Schlittenglöckchen-Rasseln entfällt ein weiterer nerviger Faktor, denn die instrumentale Begleitung konzentriert sich auf das Wesentliche und verleiht dem Song Ernsthaftigkeit, so dass man sich als zuhörender Mensch nicht für dumm verkauft fühlt und den Glanz von tiefer musikalischer Schönheit genießen kann.

Bei genauerem Hinhören wird deutlich, dass der Text einen Glauben manifestiert; ob an ein Individuum oder eine göttliche Instanz, bleibt offen. Das Unausgesprochene ist nicht nur unaufdringlich, sondern lässt den zuhörenden Gehirnzellen den Freiraum, Gedanken zu spinnen, zu reflektieren und vielleicht eine eigene Geschichte zu dem Lied zu entwickeln. Weihnachtsbäume, Schneemänner, Christkind und sonstiges Personal sind nicht von Relevanz und können ihre Plastik-Verkleidungen getrost in den rieselnden Schnee aus Styropor werfen, während weder Glöckchen noch Kassen klingeln. Deswegen mag ich auch nach Jahren das Stück immer wieder hören, auch wenn es vielleicht gar kein Weihnachtslied ist. Aber das ist doch dann egal, oder?

Sandra M. Heinzelmann legt normalerweise Kassetten ein (auch auf, doch dann öffentlich). Wenn sie nicht durch Skandinavien reist, um die dort beheimatete Musikszene mit beinah ethnologischem Ehrgeiz zu durchleuchten, schreibt sie immer mal wieder bei ANTROBIUS über Musik oder inszeniert an den Bühnen dieses Landes Theaterstücke.


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