“Das Klavier muss Dein Freund sein.” Ein Probengespräch mit Jan Lisiecki.

Jan Lisiecki fliegen grade die Herzen vieler Klassikfans zu. Ein Pianist, der nicht nur mit großer Wachheit in die Musik hört, sondern auch mit einiger Sorge auf die politische Situation in Europa schaut. Wir haben ihn getroffen…

Von Wolf-Christian Ulrich

Kaum einer spielt Chopin so gefühlvoll wie Jan Lisiecksi. Mit Anfang 20 schon gefeiert. Für seine Chopin Aufnahmen etwa, dafür hat er auch den ECHO KLASSIK bekommen. Jüngst beeindruckt er mit den Beethoven Klavierkonzerten – die er selbst auch dirigiert: eine kongeniale Zusammenarbeit mit der Academy of St. Martin in the Fields. Wir haben ihn Ende 2017 in Berlin getroffen: Bei den Proben zum Grieg-Klavierkonzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Ein bemerkenswert freundlicher, hochkonzentrierter Gesprächspartner.

„Das Klavier muss Dein Freund sein,“ sagt Jan Lisiecki. „Für manche ist es vielleicht auch ein Feind. Aber ich glaube, Du bist dem Instrument am nächsten, wenn es Dein Freund ist. Du schaust doch bei Freunden nach denjenigen Dingen, die Du magst, mit denen Du Dich verbunden fühlst. Und so ist das für mich auch mit dem Klavier.“

„Dazu gehört auch, dass ich den Flügel in den Konzertsälen oft selbst nochmal abstaube. Das mache ich übrigens bei mir zuhause genauso. Es muss einfach aufgeräumt sein. Ich brauche einen freien Raum für meine Gedanken. In dem buchstäblich nichts herumliegt.“

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Jan Lisiecki ist bekennender Frühaufsteher. 

„Ich liebe es, mit Musik aufzuwachen. Ohne Frühstück geht es direkt zum Üben. Dabei sehe ich dann den Sonnenaufgang, mit wunderbaren Farben, der ist über der kanadischen Prärie einfach magisch und inspirierend.“

Proben mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Für ein Konzert von hunderten. Seine Eltern: Mitte der 80er von Polen nach Kanada emigriert.  Längst ist er ein kanadisch-polnischer Kosmopolit. Fliegen, Bahnfahren, Logistik als heimliches Hobby. Heute Berlin, morgen Nagoya und Paris: Ein brutaler Rhythmus. Aber statt Erschöpfung: Erlebt sein Publikum überbordende Energie. Was bleibt ihm zwischen Check in, Hotel und Konzertsaal? 

„Wenn ich zwei, drei Tage frei habe, frage ich mich sofort: Wo kann ich jetzt noch hin? Und dann düse ich los. Ich liebe das Reisen. Und klar, manchmal muss ich auch üben… Ich war bis jetzt in 64 Ländern. Ich führe eine Liste darüber und auch über meine Flüge. Die Welt selbst zu entdecken: Das gibt Dir so viel Perspektive und lässt Dich so viel mehr verstehen.“

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Zwischendurch: Den Kopf frei kriegen: Nach der Probe Besuch in einer Ausstellung junger Künstler, Treffen mit dem Bildhauer Gary Schlingheider. Mal was anderes denken, wach bleiben und offen. Literatur studiert er nebenbei. Gibt es eine Epoche, die er gerne selbst erlebt hätte?

„Das 19. Jahrhundert. Als Züge plötzlich Menschen schnell an andere Orte bringen konnten. Für viele begann damit die Zeit des Reisens. Das fasziniert mich sehr. Gut bewandert, das ist ein Begriff, der einem in jener Zeit oft begegnet. Und das hieß nicht, dass Du durch die Welt jettest – sondern, dass Du auf diesen Reisen Erfahrungen und Wissen sammelst.“

Am nächsten Abend. Das Grieg-Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. 2.200 Zuschauer: Mucksmäuschen still. Jan Lisiecki geht auf der Bühne volles Risiko. Die Energie ist ihm wichtiger als mal ein falscher Ton. Selbst in den halsbrecherischen Momenten ist die Technik nicht das Ziel, sondern der Weg zur Seele der Musik.

„Natürlich ist die Technik schwierig. Weißt Du, man kann auf der Autobahn natürlich 50 fahren, weil es sicherer ist. Aber manchmal muss man Risiken in Kauf nehmen, damit die Musik großartig wird.“

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Nach dem Konzert: Autogrammstunde. Es gibt Geschenke von Fans, ein selbstgebackener Kuchen. Seit er 14 ist, hört dieser Rummel nicht mehr auf. 2017 bekam er in der Elbphilharmonie den Echo Klassik für seine Chopin Einspielungen.  Artur Rubinstein und Martha Argerich nennt er Vorbilder. Aber auch Glenn Gould: jenen kanadischen Virtuosen und Exzentriker.

Gemeinsam ist nicht der Stil: aber eine große Innigkeit – und der unbedingte Wille, die Herzkammer der Musik zu finden. Gould wollte zum Schluss deshalb nur noch Platten einspielen. Weil er darin eine Perfektion suchte, die er im Konzertsaal nie fand.  Das allerdings geht Jan Lisiecki ganz anders.

„Für mich ist das wichtigste jener eine Moment im Konzert: dieser einzigartigen Funke, den man nur spürt, wenn man im Konzert war. Die anderen Künste sind für die Ewigkeit, doch wir lassen all unsere Kunst im Konzertsaal: Für den einen, magischen Moment.“

Dass die Welt außerhalb der Konzertsäle aus den Fugen ist, beschäftigt Lisiecki sehr. Der junge Kosmopolit beobachtet genau, wie sich unsere Gesellschaft derzeit verändert. Gehört Politik für ihn in den Konzertsaal?

„Nun, ich finde, der Konzertsaal sollte ein unpolitischer Raum bleiben. Rückzugsort für das Publikum. Unsere Gesellschaft ist heute sehr polarisiert. Nur: ein Pianist und ein Dirigent müssen sich ja bei einem Konzert am Ende auch immer einigen, einen gemeinsamen Weg finden. Anders geht es einfach nicht. Und das ist aus meiner Sicht heute überall die größte Herausforderung.“

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(Fotos: Deutsche Grammophon Pressematerial.)