Das Problem im Fernsehen sind nicht die Twitter-Tussis. Sondern die Tonlage, mit der über das Internet gesprochen wird.

 

In den digitalen Medien tobt derzeit ein Streit darüber, wie das “Netz” im Fernsehen stattfinden sollte. “Twitter-Tussi” ist der neue Kampfbegriff. Doch wer die  “Vorleser” diskreditiert, vergisst den Journalisten in der Tussi.

Von Frederic Huwendiek   (@Huwendiek)

Der WDR-Online-Redakteur Dennis Horn empört sich im “Digitalistan“-Blog “über den ganzen großen Unsinn der Internet-Vorleser im Fernsehen” und fordert, die “Twitter-Tussis”, wie Meedia sie in einem hämischen Beitrag nennt, ganz abzuschaffen: “Bitte, liebe Kollegen, hört auf damit!”

Bevor wir damit aufhören, lieber Kollege, will ich dazu aber noch etwas sagen, vor allem natürlich, weil ich selbst Twitter-Tussi fürs Zweite bin. Das vorweg: Ich habe dem Internet-Vorlesen viel zu verdanken, bin deswegen als Online-Redakteur vor der Kamera gelandet. Ein spannender Job: Ich war zu Gast in vielen (Sonder-)Sendungen, darf wöchentlich die “Woche im Web” im ZDF wochenjournal moderieren und gelegentlich bei „log in“ den Online-Part übernehmen. Ich profitiere also davon, dass es diese Nachfrage in den TV-Redaktionen gab und gibt.

Trotzdem finde ich eine Debatte über dieses Phänomen richtig und wichtig. Ohne Zweifel hat Dennis Recht, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man “das Netz” als einen fremden Raum darstellen kann, der abgekoppelt scheint von der sonstigen Welt. Mit rund 25 Millionen aktiven Facebook-Nutzern in Deutschland sind soziale Netzwerke längst Mainstream, längst Alltag. Was das Netz sagt? Das Gleiche, was auf Schulhöfen, an Bartresen und in Bürofluren gesagt wird. Schon lange plädiere ich deswegen dafür, Kommentare auf Facebook oder Twitter als gleichberechtigte Voxpops in normale TV-Beiträge einzubinden. So repräsentativ wie Fußgängerzonen-Interviews sind sie allemal.

Dennoch glaube ich, dass Internet-Vorleser und Twitter-Tussis noch ihre Berechtigung haben. Kollegen wie +Sonja Schünemann im morgenmagazin etwa machen mehr, als das Internet vorzulesen. Sie erklären und analysieren Zusammenhänge, Hintergründe und neue Entwicklungen – journalistischer Auftrag wie Alltag. Ich bin überzeugt: Das Internet ist weiter erklärungsbedürftig. Es wandelt sich so schnell, das selbst wir Auskenner schnell den Überblick verlieren. Das “eigentliche Problem” seien, schreibt Dennis, “Redakteure, die noch nie mit Facebook und Twitter gearbeitet haben”. Sicher, jeder Journalist sollte sich mit sozialen Netzwerken auseinandergesetzt haben. Aber der “digital gap” in unseren Redaktionen ist auch nur ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, wir sind keine Bundesrepublik der Nerds geworden. Es gibt viele Millionen Menschen in Deutschland, die auch im November 2012 noch nicht wissen, was ein Retweet ist. Warum soll es also, wenn es Wirtschafts-, Politik- und Popkultur-Experten gibt, nicht auch Netzwelt-Experten im TV geben?

Aber auch reine Internet-Vorleser haben ihre Funktion. Klar ist es sinnvoller, eine Twitter-Diskussion bei Twitter zu verfolgen. Genauso wie das Verfolgen von Parlamentsdebatten auf Phoenix vielschichtiger und erkenntnisreicher ist als die 1.30-Zusammenfassung in den Nachrichten. Trotzdem schau ich mir den kurzen Beitrag gerne an. Auch dieses Zusammenfassen und Aufbereiten ist eine journalistische Aufgabe. Dennis, du musst dir Internet-Vorleser als ein Mensch gewordenes Storify vorstellen. Im Idealfall kuratieren sie für uns relevante Debattenbeiträge aus dem World Wide Wust. Und klar: Interviewpartner in Studios sind seit jeher sendungsdramaturgisch sexy. Im besten Fall gibt das, wie bei der interaktiven Talkshows „log in“, der Sendung Dynamik.

“So lacht das Netz über Felix Baumgartner”: Die Netzwelt- und Digital-Ressorts der Medienportale sind voll mit Artikeln von schreibenden Twitter-Tussis und Internet-Erklärern. Daran stört sich kaum jemand. Das eigentliche Problem im Fernsehen sind nicht die Twitter-Tussis. Sondern bisweilen der Tonfall und die Tonlage, mit der über das Internet gesprochen wird. Wir dürfen nicht wie Ethnologen klingen, die den wilden Stamm der Netzgemeindler erklären. Sondern wie Journalisten, die über das Spannende im Normalen berichten. Solange unsere Omas noch nicht twittern – sorry, Dennis – ist es für eine Abschaffung der Twitter-Tussis noch zu früh.

 

Frederic Huwendiek ist Online-Journalist beim ZDF. Er koordiniert @ReporterZDF und twittert privat unter @Huwendiek.

Foto: ANTROBIUS