Das Sesamstraßen-Komplott: Wahlkampf absurd, und was uns das über die Kandidaten Romney und Obama sagt.

 

Der Bibo-Skandal und was er uns zu sagen hat: Warum Romney’s Sesamstraßen-Komplott ein Spiegelgefecht unter Medienrentnern ist und weshalb Peer Steinbrück jetzt Yps lesen sollte.

Von Christoph Bieber

Die erste TV-Debatte zwischen Barack Obama und Mitt Romney liegt zwar schon ein paar Tage zurück, doch der Zorn um die vermeintliche Entlassung des Sesamstraßenvogels „Bibo“ (in den USA hört er auf den Namen „Big Bird“) ist längst nicht verraucht. Romney – selbst Vater von fünf Söhnen – hatte in der für ihn eigentlich gut gelaufenen Diskussion darauf bestanden, die staatliche Unterstützung für das öffentliche Sendernetz PBS zu streichen: „Ich mag PBS, ich liebe Big Bird, aber ich werde nicht weiter für etwas zahlen, für das ich mir zunächst Geld aus China leihen muss.“

Auch wenn Moderator Jim Lehrer nicht näher auf diese Aussage eingegangen ist, so hat noch während der Debatte eine der inzwischen typischen crossmedialen Fortsetzungen begonnen. Unmittelbar nach Romneys Äußerung hatten sich via Twitter gleich mehrere Sesamstraßenfiguren zu Wort gemeldet, neben @FiredBigBird zum Beispiel auch @FiredOscar, der nun „sogar noch griesgrämiger sei als sonst“. Das Echo dieses Aufruhrs schwappte zurück in die alten Medien und die im Gespräch eher nebensächliche Angelegenheit erhielt reichlich Aufmerksamkeit.

So weit, so gut. Und nichts neues, im letzten Debattenzyklus hatte Joe, der Klempner die Rolle des crossmedialen Störenfriedes eingenommen.

Interessanter wird die Angelegenheit allerdings, wenn man über die daran beteiligten „Mediengenerationen“ nachdenkt. Romney (65) und Moderator Lehrer (78) gehörten schon zur Hochzeit der Sesamstraße in den 1970er Jahren nicht mehr zu deren Zielpublikum, Präsident Obama (51) dagegen schon. Hat Romney es also persönlich gemeint und seinen Angriff auf Obama geschickt unter dem Vogelkostüm maskiert? Vielleicht. Zumindest erscheint es konsequent, dass aus dem Obama-Lager postwendend eine Antwort erfolgt ist – in Gestalt eines aggressiven Wahlkampf-Spots mit „Big Bird“ in der Hauptrolle.

Man darf nun davon ausgehen, dass die Macher der Twitter-Accounts eher aus der Obama-bzw. Sesamstraßen-Generation stammen als aus dem aktuellen Zuschauerkreis des Kinderfernsehens. Und natürlich wurde auch Obamas Negativ-Spot „Sesame Street vs. Wall Street“ nicht von 9 bis 12jährigen zusammengeschnitten und eingesprochen. Insofern handelt es sich hier eher um eine Art Phantomdebatte um das Kinderfernsehen von gestern – den heutigen Mediennutzern im Vorschulalter dürfte der Rummel um den großen gelben Vogel vermutlich eher egal sein.

Lohnenswert ist sicher das Nachdenken über den Medienkonsum der Kinder, der sich immer weniger an Ankerfiguren wie vielleicht Ernie und Bert oder dem Krümelmonster orientiert, sondern stärker auf Geräte (TV, Computer, HD-Recorder, iPad) und Nutzungsweisen (On-Demand, Download) ausgerichtet ist. Sehr schön deutlich wird dies an den aktuell ausgestrahlten Werbespots, in denen die „Alten“ den „Jungen“ erklären, wie es „damals“ so zuging in der Welt der alten Medien: „Wir hatten ja gar nichts, also stellt euch mal nicht so an!“

Die Pointe dabei ist, dass die Protagonisten der Spots nicht älter als zehn Jahre sind. Und es versteht sich, dass es den Spot sowohl in einer Jungs- wie auch einer Mädchenfassung zu sehen gibt.

So wird aus dem Sesamstraßen-Komplott ein Spiegelgefecht unter Medienrentnern. Und wir sind gespannt auf die Diskussionen im Bundestagswahlkampf, wenn Peer Steinbrück versucht, sich mit Verweisen auf Urzeitkrebse und Spezialagenten die Stimmen aus dem Lager der Yps-Leser einzusammeln.

 

Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. okay, and sports. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit DR. FAAS.