Der große Bluff! Was steckt hinter den Parolen der Tea-Party-Jünger?

Wieso läuft die verarmte amerikanische Mittelschicht genau denjenigen hinterher, die durch ihre Zockerei das Land in eine schwere Finanzkrise gestürzt haben? Fragen sich viele und schütteln mit dem Kopf. 

von Wolf-Christian Ulrich

Warum läuft ein Gutteil der amerikanischen Mittelklasse einer rechten Bewegung hinterher, die ihr zwar nach dem Munde redet – aber Politik nur für eine ausgewählte Elite macht? Warum unterstützen viele in der Mittelschicht mit Romney einen Kandidaten, der nicht weiß, was die Mittelklasse verdient, die Hälfte der Wähler als Opfer bezeichnet und reich wurde in einer Industrie, die mit dazu beigetragen hat, dass sich die Amerikaner in einer der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrisen ihrer Geschichte befinden?

Offenbar gibt es eine stimmgewaltige Verlautbarungsmaschinerie, die dafür zuständig ist, die Politik der Republikaner (genauer: die Ideologie der Tea-Party Bewegung) der Mittelklasse schmackhaft zu machen.

Es sind Talk-Radio Ikonen, Fernsehmoderatoren und Politiker, die als Angstmacher mit verdrehten Wahrheiten Panik unter einer verunsicherten und zum Teil schlecht informierten Bevölkerung schüren. Mit geschickt gestreuten Halbwahrheiten und gebetsmühlenartig wiederholten Lügen machen diese rechten Kommentatoren Stimmung gegen den vermeintlichen „Sozialisten“ Obama, sähen Hass und ernten ungeahnte Erfolge.

Der amerikanische Publizist Thomas Frank versucht in seinem Essay „Arme Milliardäre!“, den Erfolg der Tea-Party aus der Argumentation ihrer Protagonisten heraus zu verstehen. Frank will diese Rhetorik ernst nehmen – und regt sich dennoch über sie auf. Man sieht zwischen den Zeilen deutlich sein schmerzverzerrtes Gesicht. Verschwörungstheorien zu begegnen ist anstrengend.

Politik als Religion, politische Ideologie als Ersatzglaube

„Immer, wo Fakten und ideologische Vorurteile einander widersprechen, gewinnen die ideologischen Vorurteile,“ konstatiert er auf Seite 111. Und versucht dennoch – fast hilflos – jenen ideologischen Vorurteilen Fakten entgegenzusetzen.

Keine leichte Aufgabe. Da werden „die da oben in Washington“ als Feindbild gemeinsam mit „denen von der Wall Street“ in einen Topf geworfen. Da werden der freie Markt und die Religion des unregulierten Kapitalismus mit genau soviel Ideologie verteidigt, wie die ewig-gestrigen von der Möglichkeit eines perfekten Kommunismus träumen.

Gleichzeitig jedoch nutzt die Tea-Party-Politik des freien, nicht regulierten Markts allein dieser „Wall Street“-Elite. Und lässt sich dazu noch genau von dieser Elite bezahlen. Sie wollen die Revolution gegen eine vom Staat gepäppelte Elite – angeführt von dieser Elite selbst. Sie sind der Wolf und verkleiden sich im Schafspelz. Selbstmitleid und Verfolgungswahn scheinen dabei die zentralen Eigenschaften der Tea-Party-Anhänger zu sein.

Die ideologischen Gräben in den USA scheinen inzwischen irreal unüberwindbar. Dabei nutzen die Tea-Party-Jünger dieselben Argumente, so analysiert Frank, die in den 30er Jahren die Linke gegen die Banken nach dem Crash 1929 gebracht hatten. Es ist absurd.

Während sich die Wahlkämpfer gegenseitig mit Fakten bombardieren, versuchen einige Medien Schritt zu halten, und die falschen von den richtigen zu unterscheiden. Blogs wie Politifact, Factcheck.org oder der Faktenchecker der Washington Post messen den Wahrheitsgehalt von Wahlkampfparolen, überprüfen Fakten und setzen der mitunter fantastischen Rhetorik faktische Grenzen.

Nur: Die Bereitschaft, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen sinkt mit dem Grad an Ideologisierung. Das Land zu einen und diese ideologische Gräben zu schließen, ist Obama bisher nicht gelungen.

Amerika, in Feindschaft vereint

Im Gegenteil. Er hat einen Teil seiner Politik auf dem Altar der Ideologie geopfert. Frank zeigt anhand der Gesundheitsreform, wie sich die Demokraten unter dem Druck der Rechten von ursprünglich progressiven Linien verabschiedeten, um vom Volk Beifall für eine Reform zu erhalten, die jetzt ironischerweise nicht den einfachen Leuten, sondern der Versicherungswirtschaft in die Hände spielt.

Amerika, so ist der grimmige Schluss dieses aufrüttelnden Essays, Amerika steuert indes zielsicher dem nächsten Crash entgegen. In der nächsten finanziellen Weltfinanzkrise – flankiert von sozialen Verwerfungen, Umweltproblemen und wirtschaftlichem Niedergang – werden die USA allerdings nicht Motor der Erneuerung sein – sondern tatenlos danebenstehen: als streitende Nation, allein in Feindschaft vereint.

 

Fotos: ANTROBIUS und Verlag Antje Kunstmann

Weitere Infos: in der NY Times und in einer Studie des Journalisten Michael Dobbs, der in der Washington Post 2007 den Faktenchecker gründete.