Der Provokateur sucht Gehör.

Am Wochenende haben in meiner Skatrunde wieder alle die Köpfe geschüttelt, dass man meinte, wir würden Synchrondoppel im Tennis gucken. Es reizte sich so dahin und zwischendurch ging’s erst um Bettina Wulff („Das Foto!“, „Die Würde!“, „Sylt!“) und dann um „Das Video!“. Da sagte keiner mehr was. Nur noch Kopfschütteln.

von Wolf-Christian Ulrich

Also, „dieser Film“. Wer’s guckt, fragt sich als erstes: Wie kann man das bloß ernst nehmen? Kein Wunder, dass die (übrigens nahezu unbesuchte) Premiere ein Reinfall war. Der Film ist trash. Dummerweise entwickelt sich auch der größte Scheiß – einmal ins Netz geladen – mitunter zu einem globalen Scheiß. Mit krassen Folgen.

Eine herkömmliche Tageszeitung hätte über einen Schrottfilm, der vor leeren Bänken in einem abgeranzten Kino in Hollywood gelaufen ist, kein Wort verloren. So aber bietet YouTube dem Film eine Bühne, der es extremen Akteuren erlaubt, mit einer kalkulierten Provokation Gesinnungsbrüder zu Gewalt oder weiterer Provokation zu verführen.

Diese Akteure sind: Eine Randgruppe koptischer Christen, militante Strömungen radikaler Islamisten und in Deutschland die rechte Gruppe „pro Deutschland“. Jedem von denen geht es vor allem um Macht. Sie hantieren mit Provokation. Sie emotionalisieren die Öffentlichkeit, wo Gelassenheit angesagt wäre.

Schwer nachzuvollziehen, warum jetzt Botschaften brennen müssen, nur weil – tja, dieser Film halt. Man kann in diesem Zusammenhang mit einiger Erleichterung konstatieren, dass jüngst nicht gleich zehntausende Katholiken mit erhobenen Mistgabeln die Chefredaktion der Titanic gestürmt haben, nur weil das Magazin mit angeblich päpstlichem Pipi versuchte, die Auflage zu pimpen.

Ich glaube, wir sollten die Grundrechtedebatte um Meinungs- und Religionsfreiheit an Problemen diskutieren, die es uns auch wert sind, sich für sie einzusetzen. Bei diesem Film fällt es schwer, auch die Grenzbereiche von Meinungsfreiheit zu verteidigen – obwohl vielen sicher auf den ersten Blick klar wäre: natürlich muss die Meinungsfreiheit über den Provokationen stehen, die sie – von beiden Seiten – in Frage stellen.

Stefan Kornelius hat es in der SZ richtig gesagt: Nichts entschuldigt die Gewalt, nichts entschuldigt die Provokation. Der Staat gibt die Freiheit – so ist es auch richtig – und es liegt am Einzelnen, mit dieser Freiheit verantwortungsvoll umzugehen.

Deshalb ist die Geschichte ein guter Anlass, um zur Abwechslung über die Verantwortung jener zu reden, die „das Netz“ offenbar für einen Freifahrtsschein renditesteigernder Aktivitäten halten – ohne Rücksicht auf Verluste. Möge die Firma Google mit ihrem Videoportal youtube doch mal erklären, weshalb eigentlich GEMA Videos sofort gesperrt sind – aber Bin Laden immer noch aus dem Nichts auf youtube vor sich hinpalavert und dieser koptische Film von der anderen Seite aus zurückschießt. Welche Verantwortung möchte das Portal übernehmen für die Inhalte, die es verbreitet? Oder sind sie als reine Dienstleister von dieser Verantwortung befreit? Fragen, die sich Medien stellen müssen.

Während die Firma nach Antworten auf diese „Herausforderung“ (youtube) sucht, rufen Muslime in Ägypten zur Ruhe auf. Genauso im Netz. Gebracht hat’s nur wenig.

Zu jedem Provokateur gehört einer, der sich gern provozieren lässt. Wir sollten deshalb gelassen bleiben. Trotz der verstörenden Bilder von brennenden Fahnen. Uns hilft eher eine ruhige aber konzentrierte Diskussion darüber, wie wir uns unsere Gesellschaft vorstellen, als uns in einen unseligen Konflikt hineinziehen zu lassen. Wie kann es sein, dass der Frieden so leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird?