Der Todesschuss vom Neptunbrunnen – und viele offene Fragen.

 

Krasser Fall in Berlin Freitag Vormittag. Ein offenbar geistig verwirrter Mann wird von der Polizei auf dem Alexanderplatz erschossen. Er hatte sich selbst mit einem Messer verletzt und Polizisten bedroht. Die großen Online-Zeitungen berichten. Doch sie schildern den Vorgang allein nach der Polizei-Pressemitteilung – dabei war auf youtube in kürzester Zeit ein Video des Vorgangs aufgetaucht… 

Von Wolf-Christian Ulrich

Inzwischen ist der Fall in die hinteren Ecken der Berichterstattung getreten. Vielleicht auch, weil die Fragen, die sich seit Freitag ergeben, unangenehm sind. Hier sind die wichtigsten:

Erstens: Warum gelingt es acht straken Männern mit Polizeiausbildung nicht, einen verwirrten Mann mit Messer schnell und ohne große Verletzungen unschädlich zu machen? Das Video lässt mindestens die Frage zu, ob die Beamten richtig gehandelt haben. Bei allem Verständnis für den Stress, in dem sich Beamte in solchen Situationen befinden: Ist es wirklich Lehrbuchverhalten, solche Situationen mit Lungenschuss zu lösen?

Vier Männer in Schutzwesten müssten gleichzeitig in der Lage sein, ihn im Nahkampf zu überwältigen. Notfalls mit Hilfe von Pfefferspray. Das Vorgehen, das im Video zu sehen, wirkt dilettantisch. Sind die Beamten so schlecht ausgebildet und trainiert, dass sie mit solchen Situationen nicht besser umzugehen wissen? Dann wären sie für die Millionenstadt Berlin ungeeignet. Der Berliner Innenausschuss wird sich das ansehen.

 

Zweitens: Welche Rechte billigen wir Menschen mit psychischen Problemen zu? Sehen wir diesen Fall anders, weil das „ein Verrückter“ war? Sind wir stark genug, unsere Vorstellungen von Recht und Würde auch für diejenigen gelten zu lassen, die offensichtlich irrational handeln, die offensichtlich psychisch krank sind? Grade im Lichte der causa Mollath (Richter lesen Papiere nicht, weil der Fall ja ‘klar’ ist – ‘verrückt ist verrückt gehört in Anstalt gehört nicht weiter gehört’) ist das offenbar ein Thema, dem wir uns stellen müssen. Warum spielt es in den Überschriften der Zeitungen eine Rolle, dass der Mann ‘verrückt’ war? Ist es mehr verständlich, wenn ein Polizist jemanden erschießt, der verrückt ist?

 

Die dritte Frage berührt die Öffentlichkeit der Tat. Tatsächlich sollen sich Politiker darüber empört haben, dass ein Video der Tat im Netz auftauchte. Darf man so etwas im Netz zeigen? Meiner Auffassung nach hat das viel mit der ersten Frage zu tun – ob sich nämlich der Polizist falsch verhalten hat.

Das will zwar nun die Mordkommission des Landeskriminalamts klären. Doch stutzig machen erste Kommentare von Staatsantwaltschaft und die Pressemeldungen der Polizei. Der Tenor ist: Notwehr. Die Deutsche Polizeigewerkschaft ließ sich sogar zu dem Kommentar hinreißen, man könne nicht jeden Konflikt der Welt sprachlich lösen – und wird weiterhin zitiert: es sei nicht möglich, alle Beamten zu Kampfkünstlern oder Scharfschützen auszubilden, damit in einer solchen Situation auf Arme oder Beine geschossen werden kann

Diese Haltung ist uns allen gegenüber, auch den eigenen Gewerkschaftsmitgliedern, schlicht unverschämt. Sie zeugt exakt von der Unverhältnismäßigkeit, die man bei der Tat vermutet. Wer mit Waffen nicht umgehen kann, sollte keine tragen.

Das Video spielt bei dieser Bewertung eine wichtige Rolle. Grade nach den Polizistenschlägen im Westerwald vor kurzer Zeit, nach dem Fall Teresa Z. in München, nach dem zweifelhaften Umgang der Polizei mit den Opfern rechtsradikaler Gewalt und nach brutalen Fällen in Rosenheim muss sich die Polizei mit wachsendem Misstrauen der Bürger auseinandersetzen. Ich habe eine Reihe von Sendungen gemacht, die sich mit dem Korpsgeist in der Polizei und mit Polizeigewalt beschäftigt haben. Die Vertreter der Polizeigewerkschaften haben sich immer dagegen gewandt, von strukturellen Problemen in der Polizei zu sprechen. Das seien Einzelfälle.

Diese Einzelfälle gelangen nun immer öfter über Videos wie das vom Neptunbrunnen in die Öffentlichkeit und die Polizei muss sich deshalb unangenehme Fragen der Bürger gefallen lassen.

Sie fragen sich, ob es Politik, Justiz und Polizeiführung gelingt, den Dickicht schlecht ausgebildeter, brutaler und sich selbst deckender Strukturen zu lichten. Das Smartphone der Bürger ist hierbei Mittel demokratischer Kontrolle. Wenn Politikern das nicht passt, sollten sie sich fragen, warum diese Fragen plötzlich so schmerzhaft sind und stören.

Schließlich müssen wir Journalisten unsere Arbeit hinterfragen. Grade, weil die Bürger offenbar nachfragen, weil sie uns Journalisten mit Videos und Augenzeugenberichten eine eigene Geschichte neben der Pressemitteilung erzählen, ist es für die Presse , die Onlinemedien, die Rundfunkanstalten ein trauriges Zeugnis, wenn in unseren ersten Berichten bis auf wenige Ausnahmen allein die Polizei-PR zu Worte kommt.

Die etablierte Presse begnügte sich mit Abschreiben – statt nachzufragen. Haben die Redaktionen nicht genug Personal? Haben sie kein Personal, das zu einer kurzen Plausibilitätskontrolle fähig ist?

Dieser Fall endet nicht im Neptunbrunnen, er endet bei uns allen. Wir gehen den schwierigsten Fragen gerne aus dem Weg – doch das löst unsere Probleme nicht.

 

Foto: ANTROBIUS