Die gebeutelte Mitte? Wer liegt dem Land auf der Tasche?

 

Wahlen werden in der „Mitte“ entschieden. Bei denen, die das Land tragen, die mit dieser Gesellschaft Hoffnung und Chancen verbinden. Und die dafür zahlen, dass der Laden läuft. Dafür zahlen sie übrigens mehr als andere.

Von Wolf-Christian Ulrich

Der STERN-Journalist Walter Wüllenweber warnt in seinem jüngst erschienenen Buch „Die Asozialen“ davor, dass sich unsere Gesellschaft auflöst: weil sich mittlerweile zwei Parallelgesellschaften auf den Leistungen der Mittelschicht ausruhen.

Zum einen die Reichen, die in einer Art gated community ein Vermögen verwalten, das zu wenig mit produktivem Unternehmertum gemein hat; die im Verhältnis zu wenig Steuern und Beiträge zahlen, und die Finanzierung des Gemeinwesens weitgehend der arbeitenden Mittelschicht überlassen.

Zum anderen die Armen, die von einer Hilfsindustrie gepampert hartzend vor dem Fernseher ausharren; die sich eingerichtet haben in ihrer Teilnahmslosigkeit und denen echte Chancen wegen mangelnder Bildung verwehrt bleiben.

Darüber lässt sich streiten. Wüllenwebers Zahlen geben allerdings zu denken. Vor allem in der Krise ist die Zahl der Vermögensmillionäre in Deutschland sprunghaft angestiegen. Die vermögensstärksten zehn Prozent besitzen laut Bundesregierung über die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Die untere Bevölkerungshälfte dagegen besitzt nur ein Prozent des gesamten Nettovermögens. Aber: Ein Drittel ihrer gesamten Wirtschaftsleistung gibt die Bundesrepublik für Soziales aus. Zweieinhalb Millionen Menschen arbeiten in der von Wüllenweber so genannten „Hilfsindustrie“. Mehr als bei den Autobauern.

Fragt sich nur, warum die Mittelschicht das nun alles hinnimmt. Vielleicht sind die meisten einfach zufrieden mit dem status quo. Nach neuen Zahlen des DIW schrumpft die Mittelschicht vorerst nicht mehr. Auch wenn die Reallöhne stagnieren und der Abstand zu den Reichen wächst.

Vielleicht ist die Mitte beruhigt, das es in Deutschland verglichen zu anderen Ländern doch ganz ordentlich läuft. Vielleicht ist die Mitte gutmeinend: wer reich sei, wird es sich schon verdient haben. Vielleicht weiß die Mittelschicht auch gar nicht, wer sie selbst ist. So bemerkt Ulrike Herrmann in ihrem Buch zum „Selbstbetrug der Mittelschicht“: Die Mittelschicht fordert vehement Entlastungen für die Eliten, zu denen sie sich fälschlich selbst zählt. Und übersieht dabei, dass sich die Steuerprogression auch derart gestalten ließe, dass allein die wirklichen Spitzenverdiener mehr zahlen müssten.

Am Ende liegt es an der Politik, die Rahmenbedingungen der Gesellschaft so gestalten, dass der Laden nicht auseinanderfliegt. Wenn die Mittelschicht erkennt, wer ihr auf der Tasche liegt, und wenn es Parteien gibt, die von der Mittelschicht gewählt werden wollen, müsste das eigentlich in einem politischen Konzept münden, die Mitte zu stärken. Nicht, um Geschenke zu verteilen, sondern um in Deutschland allen eine gute Chance zu geben, auf eigenen Füßen am Gemeinwesen teilzuhaben. Wenn „die Mitte“ darauf nicht drängt, braucht sie sich über Wüllenwebers „Asoziale“ auch nicht zu beklagen.

 

Foto: ANTROBIUS