Die größte diplomatische Party der Welt: Wie Europa über Napoleon hinwegkam.

 

Als vor 200 Jahren Napoleon besiegt wird, organisiert sich Europa neu. Was die Teilnehmer des Wiener Kongresses 1815 neben einer unfassbaren Spesenrechnung vollbringen: Statt der Demütigung des Kriegsverlierers ein europäisches Konzert, in dem ein Kräftegleichgewicht Frieden sichern sollte.

Was für ein außergewöhnliches Treffen in Wien: Hunderte Delegationen aus ganz Europa waren angereist, um zu entscheiden, wie der Kontinent nach dem Abzug von Napoleons Truppen aussehen soll. Der Direktor der „Fondation Napoléon“ in Paris, Thierry Lentz, hat über den Fortgang dieses diplomatischen Supergipfels ein spannendes und aufschlussreiches Buch geschrieben.

Das in Wien ausgehandelte „europäische Konzert“, wie er es nennt, versteht er als eine Art Sicherheitsrat „avant la lettre“. Denn von Beginn an nahmen England, Österreich, Russland und Preußen die Dinge in die Hand, früh mit wesentlicher Beteiligung Frankreichs – also des Kriegsverlierers (und hierin liegt auch ein entscheidender Unterschied etwa zu den Friedensverhandlungen 1918).

Viele Parallelen zum heutigen Zeitgeschehen lassen sich im Text entdecken (so möchte man im Auftritt von Zar Alexander den aktuellen Wladimir erkennen, der auch ähnliche Einflusssphären geltend macht). Vor allem aber zeigt Lentz: Die neue Sicherheitsarchitektur konnte nur so lange funktionieren, wie die damalige Supermacht England seine Rolle darin auch aktiv wahrnahm. Die folgen, als sich London aus dem europäischen Tagesgeschäft herauszuhalten begann, waren dramatisch. Die Parallele zur außenpolitischen Rolle der USA und ihrer Bedeutung für Europa liegt auf der Hand.

Dass neben der Neuordnung des Kontinents auch die Abschaffung des Sklavenhandels angeschoben wurde und ein diplomatisches Protokoll entstand, dass nachfolgende Konferenzen einfacher machte, gehört ebenso zu den übersehenen Ergebnissen des Kongresses wie die Regelung zwischen den Staaten über den freien Schiffsverkehr auf europäischen Flüssen, die später auch auf Grenzflüsse in den Kolonien angewandt wurden (wie bspw. den Kongo).

2015 jährt sich der Wiener Kongress zum 200. mal. Thierry Lentz hat nicht nur ein preisgekröntes Buch geschrieben, sondern auch ein überaus lesbares – lesenswertes.

 

Siedler Lentz 18151815. Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas.
Von Thierry Lentz
Erschienen im Siedler Verlag, München 2014
431 Seiten, geb. 24,99 EUR

 

 

 

 

Illustration: Die Grafiken der Berliner Künstlerin Julia Lia Walter lesen sich wie Jahresringe lange verwachsener Bäume. Es sind Grafiken von großer Leichtigkeit und Einfachheit. Wir empfehlen einen Besuch im virtuellen Atelier unter julialiawalter.com