Die magische Welt des Bozo Vreco

Jetzt zu einem außergewöhnlichen Sänger aus Bosnien. Bozo Vreco – längst bekannt über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Seine Erscheinung uns seine Musik sind bemerkenswert und zeigen uns ein Bosnien, das wir nicht so oft sehen.

von Wolf-Christian Ulrich

Wenn ein bärtiger Geist mit wehenden Kleidern über die Bergkuppen von Bosnien tanzt – denn nähern wir uns der magischen Welt von Bozo Vreco. Die Sevda ist seine Musik. Uralte Hochzeits- und Begräbnis-Lieder vom Balkan, Splitter aus dem antiken Byzanz und muslimische Gebete sind die Quellen dieser Musik. Die sofort ins Herz geht – oder in die Beine. Je nachdem.

„In der sevdah geht es nicht unbedingt um fröhliche Lieder, für mich sind es immer tragische Lieder, von Pathos getragen, in denen es ums Leben und ums Überleben geht,” sagt uns Bozo Vreco beim Besuch in Sarajevo. „Es geht vor allem auch um die Freiheit von Frauen, die in der Gesellschaft eingesperrt sind, und nur die Stimme haben, um sich zu befreien. Und das fasziniert mich.“

“ICH HABE EINFACH ANGEFANGEN, MEINE TRÄUME ZU LEBEN”

Bozo sucht nach dem Schönen in seinem Dasein, den Tag beginnt er früh, er übt, er liest, er flaniert, und schließlich nimmt er seinen Tee. Dauernd wird er angesprochen, als wir ihn treffen, er ist ein Star, nicht nur in Bosnien. Eigentlich ein Archäologe, doch mit 26 hat er alles hingeschmissen. „Ich habe etwas völlig Verrücktes gemacht. Ich habe einfach angefangen, meine Träume zu leben. Und sevdah zu singen. Die Leute waren fasziniert, da habe ich meine erste Platte aufgenommen und plötzlich in ganz Europa Konzert gegeben.“

In Wien tritt er neulich im Akzent-Theater auf. Sobald er auf die Bühne tritt, brandet Beifall auf. Schon während er die ersten Zeilen singt, singen die Zuhörer um mich herum die Texte mit. Und zwar jede Zeile. Jedes Wort zählt. Seine Energie hat den Saal sofort ergriffen. Den Zuhörern geht das Herz auf. Bozo ist ein Star.

“ICH BIN FROH, DASS ES JEMANDEN WIE IHN GIBT, DER SO SCHÖNE DINGE IN DIE WELT BRINGT”

In Archiven, alten Sammlungen und Museen findet er Material für neue Songs. Bozo sagt, dass ihn die Bräuche und die Lebensweise in Sarajevo und den bosnischen Dörfern inspirieren. Die Rahatluk, eine Grund-Entspanntheit als Lebenseinstellung, die die Menschen hier teilen.

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„Wie er die sevdah singt – das  schätzen viele, nicht nur ich. Ich bin froh, dass es jemanden gibt wie ihn, der so schöne Dinge in die Welt bringt,” sagt ein Mann, den wir an einem Kiosk in Sarajevo treffen. Laufend machen Fans Fotos mit Bozo. Und dennoch: In einem Land, in dem vor allem der Islam aber auch das orthodoxe Christentum die Lebensentwürfe mit bestimmen, führt seine außergewöhnliche Erscheinung auch zu Anfeindungen. „Auf der Straße greift mich niemand an. Aber im Netz. Das sind unglückliche Menschen, die kein Leben haben.“

Wir treffen Bozo an einem für Bosnien Herzegowina sehr besonderen Tag im September 2019: Zum ersten Mal trauen sich Schwule und Lesben zu einer großen Demonstration für Gleichberechtigung auf die Straße. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Zum Glück bleibt alles friedlich. „Ich glaube wirklich, heute kommen wir aus der Dunkelheit und treten ins Licht. Das ist die beste Beschreibung für das was heute passiert. Hier öffnet sich eine Tür nach Europa.“ Wenn Bozo von der Liebe singt, klingt in der Musik die Vergangenheit auf dem Balkan – und eine Zukunft in Europa.

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