Die Ohnmacht der ständig Erreichbaren. Wie soziale Netzwerke den status quo stützen.

 

Die Debatte über den Einfluss digitaler Medien auf unser Kommunikationsverhalten, auf unsere Lern- und Arbeitsprozesse sind hinlänglich diskutiert. In einer Zeit, in der wir vor großen sozialen Fragen stehen, wird die Frage spannender, was die gesellschaftspolitischen Folgen der Verlagerung von Kommunikation in soziale Netzwerke sind. 

 

Von Wolf-Christian Ulrich

 „Man weiß zwar, dass man sterben muss,
aber vorher versucht man, noch unendlich viel zu erledigen.“
(Ulrich Schnabel)

Als ich mein facebook-Profil einrichtete, frug mich Marc Zuckerberg nach einem Motto. Seitdem steht dort „Es gibt so viel zu tun.“ Es hat sechs Jahre gedauert, bis ich die Ironie dieses Satzes an genau jenem Ort begriffen habe.

In diesem Artikel geht es um uns.

Wir leben in einem Land, das keine Furcht kennt und keine Not. Wir halten heute mehr Wissen in der Hand als jeder Generation vor uns. Wir leben grenzenloser als jede Generation vor uns. Wir können mehr Menschen kennenlernen als jede Generation vor uns und weiter reisen und freier sprechen – als jede Generation vor uns. Was machen wir daraus?

Wir stehen in einem Fitness-Studio auf einem Laufrad und schauen mit LTE Verbindung eine Sitcom auf unserem iPad. Oder wir richten ein facebook-Konto ein, in das wir tatsächlich schreiben: Es gibt so viel zu tun.

In der Tat. Unser Fortschritt, unser Konsum und unsere Mobilität – selbst jede Google-Anfrage – ringen der Erde Ressourcen ab. Wir leben nicht nur besser, wir leben auch teurer, aufwendiger und unter Aufwand von erheblich mehr Energie als jede Generation vor uns. All das stellt uns vor Probleme.

Gleichzeitig stoßen wir mittlerweile an die Grenzen unseres Glücks. Wir bemerken, dass selbst bei uns in Europa für viele Menschen jene Freiheit, die wir für selbstverständlich halten, alles andere als selbstverständlich ist. Je mehr Informationen wir zur Verfügung haben desto mehr wächst unser Bewusstsein, dass unser Glück endlich ist, dass unsere Insel der Glückseligen verdammt klein ist – und dass da draußen vieles im Argen liegt.

Wer sollte das in Angriff nehmen, wenn nicht wir.

Mein Argument ist, dass wir mehr Zugriff auf Wissen haben, als jede Generation vor uns – aber das wir dieses Wissen nicht genügend nutzen und nicht aktiv genug an der Gestaltung unserer Gesellschaft teilhaben. Wir sehen zu, wie andere Zustände schaffen, die wir dann online beklagen können. Wir nutzen die sozialen Netzwerke nicht, um unsere Gesellschaft – unser wahres soziales Netzwerk – zu verbessern

Wir leben in einer gut informierten Lamento-Republik. Wie konnte es dazu kommen?

 

***

DAS SCHÖNE AM NETZ IST, DASS VIELES SCHÖNER IST ALS IN ECHT

Wie konnte es eigentlich passieren, dass angeblich jeder fünfte unter 35 lieber ein Jahr lang auf Sex verzichten würde als aufs Internet?[2]

Vermutlich bietet das Netz einen Raum, in dem jeder von uns maßgeschneidert eine perfekte Umgebung finden kann. Und nicht nur das. Wir können auch unser eigenes Auftreten maßschneidern – noch wirksamer als offline. Grade in sozialen Netzwerken geben wir uns online ein Image. Was an Profilbildern in sozialen Netzwerken hochgeladen wird, erzählt zuweilen mehr als 1000 Worte.

In den sozialen Netzwerken kuratieren wir unser Selbst. Bestenfalls können wir genau kontrollieren, wie wir wahrgenommen werden. Wichtig ist nur, dass wir dabei nicht vergessen, dass andere das auch tun. Und dass das, was man uns in sozialen Netzwerken als echt verkauft, mit ‚echt’ nicht zwingend was zu tun haben muss. Wenn es einen Stromausfall gibt, fällt von dieser Welt der Schleier des Scheins, und wir und alle anderen sehen uns plötzlich selbst auf der Straße – wie den Kaiser ohne seine Kleider.

Was heißt das für unsere Gesellschaft, wenn wir uns zunehmend auf PR-Versionen unsererselbst beziehen, die stärker vom Original abweichen können als wenn wir uns persönlich gegenüberstehen?

Wir vermarkten uns mit jeder Nachricht. Es gibt auf facebook Künstler auf dem Gebiet, eine Statusmeldung so zu verfassen, dass sie möglichst viele Reaktionen und Kommentare provoziert. Bei diesen Statusmeldungen geht es erstaunlicherweise meistens um absolut: nichts. Aufmerksamkeitsgewinn: sehr hoch. Relevanz: null.

Das hat Folgen: Forscher der Universität Darmstadt und der Berliner Humboldt-Universität haben Facebook-User über ihre Empfindungen befragt. 37 Prozent von ihnen sagen, dass sie angesichts der in Wort und Bild dokumentierten sozialen Sensationen ihrer Freunde vor allem dies empfänden: Neid.[3]

„People want to customize their lives,“ formuliert Sherry Turkle auf einem TED Talk. „They want to have control over every situation they are in.“[4] Das weckt Erwartungen, die wir selbst, aber auch unsere Freunde oder unsere Partner irgendwann nur noch schwer erfüllen können. Wir erwarten PR-Versionen; und perfiderweise erwarten wir dabei keinen Hochglanz, sondern eine mit möglichst sympathischen Fehlern und Eigenheiten authentifizierte Version unserer Mitmenschen.

Wenn das echte Leben unsere Erwartungen nicht erfüllt, beamt man sich per Smartphone kurzerhand in ein Paralleluniversum sozialer Netzwerke. Doch wie konstruktiv ist es – einen Schritt weiter gefragt – unsere wertvolle Zeit in Repräsentationen von uns selbst und von anderen zu investieren?

Natürlich helfen uns soziale Netzwerke, über weite Strecken mit Freunden und Bekannten Kontakt zu halten, genauso, wie uns früher Briefe geholfen haben. Das geht heute schneller, direkter, aufregender. Doch die Vernetzung stellt diese Kontakte nicht nur in Beziehung zueinander; sie baut auch eine soziale Bühne, auf der wir ständig performen. Das verbraucht Zeit. Und Zeit ist heute unsere kostbarste Ressource.

 

***

WIR HABEN ZU WENIG ZEIT UND GLEICHZEITIG ZU VIEL

Vielleicht geht es Ihnen anders, aber in meiner Wohnung wächst jenes Bücherregal am schnellsten in dem die ungelesenen Bücher stehen. Mein Eindruck ist: Der Tag ist zu kurz. Es gibt zu viel zu tun – und wir haben viel zu wenig Zeit. Nun nimmt glücklicherweise jedes Jahr die Dauer einer Erdumdrehung um etwa 12 Mikrosekunden zu. In 600 Millionen Jahren wird ein Tag deshalb nicht 24 sondern 26 Stunden dauern.[5] Das macht mir Mut.

Wer sich die Entwicklung unserer Arbeitszeiten ansieht, wird feststellen: Diejenigen in festen Arbeitsverträgen haben heute sensationell viel Freizeit – wesentlich mehr als vor 50 oder 100 Jahren. Diejenigen, die frei arbeiten, finden so flexible Arbeitsbedingungen wie nie zuvor.

Auf einer Podiumsdiskussion sagte mir neulich der Arbeitswissenschaftler Hanno Sowade von der WHU Otto-Beisheim School of Management; „Insgesamt gewinnen wir Zeit im Überfluss – aber die Zeit geht immer schneller vorbei, weil es einen Trend zur Selbstausbeutung gibt.“[6]

Die Gewerkschaften halten neben dem Einfluss von Arbeitsverdichtung und fehlenden Pausen die ständige Erreichbarkeit für einen von mehreren Gründen für jenen zunehmenden Stress, der für Krankentage im Wert von jährlich rund 268.000 Vollzeitstellen sorgt.

Zum ‚allzeit bereit’ gehört heute auch: allzeit informiert – und allzeit erreichbar. 88% der Berufstätigen sind in ihrer Freizeit über Smartphones erreichbar, hat  der Branchenverband BITKOM ermittelt. Laut einer Krankenkassenstudie checkt jeder fünfte aller Beschäftigten 30 Minuten vorm Schlafengehen Arbeits-Emails.[7]

„Nicht das Handy versklavt mich,“ beschreibt das SPIEGEL-Autor Thomas Tuma, „ich versklave mich höchstpersönlich mit meiner Bereitschaft zu bedingungsloser Erreichbarkeit.“[8] Unabhängig davon, ob es wirklich stimmt, dass wir am Ende selber mündig genug sind, mit den Gadgets der digitalen Revolution umzugehen – auf dem Papier haben wir mehr Freizeit bei höherem Lebensstandard als je zuvor.

Gemessen an unseren Fähigkeiten und Freiheiten bietet das eine großartige Chance, uns in welcher Form auch immer ehrenamtlich für das Gemeinwohl zu engagieren und aktiv an einem besseren Land mitzuarbeiten. Doch unser persönlicher Eindruck unserer neu gewonnenen Freiheit ist oft ein anderer.

 

***

ZERSTREUUNG UND BUBBLE

Erstaunlicherweise bringen viele von uns die Arbeit, die Freizeit, das Informationsbedürfnis und die 24 Stunden und 12 Mikrosekunden gut unter einen Hut. Studien zeigen, dass die Mediennutzungsdauern bei jungen Menschen jährlich steigen. Für Online schlagen wir keine Zeitung zu und schalten auch den Fernseher nicht ab:  Wir konsumieren on top.

Mein Erleben ist, dass ich nach zwei Stunden Studium sozialer Netzwerke leer und ausgelaugt und unkreativ bin. Dabei sollten mich nach netzkonstruktiver Lesart zwei Stunden Austausch in sozialen Netzwerken intellektuell befruchten. Ich hätte Dinge aufsaugen sollen, die meinen Wissenshunger steigern. Die mich neugierig machen und mir neue Zusammenhänge und Nebengleise auftun. Doch das passiert nicht.

Stattdessen geht es mir dann wie früher nach zwei Stunden Nachmittagsfernsehen. Man will einfach stumpf weitergucken – aber selbst bekommt man nichts mehr auf die Beine. Soziale Netzwerke sind geradezu Arbeit – zum großen Teil stupender Natur, wenn man mal nachrechnet, wie viele Nachrichten man überflogen und sofort wieder verworfen hat; wie viel spam man ignorieren musste für zwei, drei interessante Ergebnisse.

Woher kommt dieses kreative Tief – und was folgt aus ihm?

70% der 18-35jährigen geben an, nicht mehr als zehn websites pro Woche regelmäßig zu besuchen.[9] Klar, wir sind Gewohnheitstiere. Welches sind Ihre zehn Seiten? Was tun Sie, um regelmäßig andere Seiten in Ihren Aufmerksamkeitsradius einzubeziehen?

Wie sehr nutzen wir die oft gepriesene Freiheit des Netzes, um aus der digital bubble auszubrechen, die übrigens auch durch den strikt kuratierten Freundeskreis in unseren sozialen Netzwerken unseren Informationsfilter bestimmt?

In unserer globalisierten Welt, deren zunehmend komplexere Problemstellungen mehr kreative Lösungsansätze vor allem junger Menschen brauchen, können wir es uns nicht leisten, wertvolle Teile unserer Zeit darauf zu verwenden, unseren Horizont zu begrenzen und durch leere Zerstreuung ein kreatives Tief zu schaffen.

Wir müssten im Gegenteil: Unseren Horizont erweitern und unsere Kreativität sprudeln lassen. Tun wir das?

Gehören wir nicht zu oft zu denen, die Kreativität online konsumieren, anstatt selber berichtenswertes zu leisten? Machen wir das Medium wichtiger als den Inhalt? Was haben wir im letzten Monat an Veränderung produziert, wie haben wir unseren Horizont erweitert, wann haben wir etwas relevantes geschaffen? Das sind Fragen, denen sich die technische, kreative, extrem gut ausgestattete avant-garde im Herzen Europas eigentlich stellen sollte.

Auch wenn soziale Medien für bestimmte Berufsgruppen natürlich eine Hilfe sein können, dienen sie am ehesten der Zerstreuung. Mit sonderbaren Folgen, wie der Netzgebrauchskritiker Bert te Wildt beobachtet: „Langsam entsteht der Eindruck, dass die Menschen den Medien dienen, wo es doch umgekehrt sein sollte.“ [10]

Die sozialen Netzwerke fordern etwas von mir: mich nämlich einzubringen. Dabei fordert eigentlich unsere Gesellschaft unseren Einsatz, unsere Präsenz, unsere Ideen.

 

***

 WARUM WIR VERÄNDERUNGEN NICHT HERBEIKLICKEN KÖNNEN

„Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ (Immanuel Kant)

 In seinem wegweisenden Aufsatz The unsocial network – Why the revolution won’t be tweeted  zeigte Malcom Gladwell 2010 im New Yorker den entscheidenden Unterschied zwischen dem like-Button und echter politischer Einflussnahme auf (damals hieß es, der arabische Frühling sei eine facebook-Revolution gewesen, was sich als falsch herausstellte).

„Fifty years after one oft he most extraordinary episodes of social upheaval in American history, we seem to have forgotten, what activism is,“[11]schreibt Gladwell und argumentiert: Die schwarze Bürgerrechtsbewegung hätte es mit Klicken nicht geschafft, was Rosa Parks zustande brachte: Sie wurde am 1. Dezember 1955 in Montgomery, Alabama verhaftet, weil sie sich weigerte ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrtgast zu räumen. So begann die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Die Wirkung des Protests von Rosa Parks war so stark, weil er einen unmittelbaren, zwischenmenschlichen Konflikt herstellte. Anders gesagt: Statt sich unter körperlichem Einsatz aufzulehnen und dem Gegner wirklich ins Gesicht zu sehen, können wir zwar still im Kämmerlein auf „gefällt mir“ drücken, haben keine Konsequenzen zu fürchten und stehen unter unseren virtuellen „Freunden“ noch als cooler Kerl da, der gegen Nazis in Ungarn ist. Doch wird daraus „Revolution“ – oder wenigstens social change?

Nein, sagt Gladwell, weil sozialen Netzwerken eine Grundvoraussetzung für sozialen Wandel, für Opposition und Revolution fehlt:  „Social media are not about hierarchical organization. Facebook and the like are tools for building networks, which are the opposite, in structure and character, of hierarchies. (…) But if you’re taking on a powerful and organized establishment, you have to be a hierarchy.“[12]   Und daraus folgt: „Social media makes it easier for activists to express themselves, and harder for that expression to have any impact.“[13]

In Deutschland hatten wir 1989 die letzte Revolution. Ganz ohne Internet, ganz ohne soziale Medien. Fast niemand hatte Telefon; wenn man jemanden treffen wollte, ging man ganz einfach bei ihm vorbei. War niemand zuhause, hinterließ man Nachrichten auf einer Zettelrolle an der Tür.

Zeitungen, also eine Öffentlichkeit, durften ohne Genehmigung nicht hergestellt werden. Von den Schwierigkeiten, die damit verbunden waren, 1989 ohne Smartphone eine Diskussion über die Zukunft in einem unfreien Land in Gang zu bringen, zeugt etwa die Gründungsgeschichte der ersten freien Presse der Wendezeit: Der Studentenzeitung UnAufgefordert an der Humboldt-Universität zu Berlin.[14]

Heute bieten Smartphones jedem von uns kostenlos und grenzenlos Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerung.

Gerade an den Universitäten müsste es heute ein lebhafte Diskussion darüber geben, ob Europa wirklich scheitert, wenn der Euro scheitert; was es für uns alle heißt, wenn in unseren Nachbarländern über die Hälfte der jungen Menschen arbeitslos ist; was Gerechtigkeit und Chancengleichheit in einem Land bedeutet, das unendlich reich ist, aber in dem mehr und mehr Kinder in Armut aufwachsen; ob wir wirklich nachhaltig leben; ob wir uns genügend anstrengen oder einfach ziemlich selbstzufrieden abhängen.

Es gibt genug Themen. Man schaue nur in die sozialen Netzwerke. Da tauchen sie zwischendrin immer wieder auf. Doch könnte es sein, dass unserer Generation @ vor lauter Information die Themen abhanden gekommen sind? Gehetzt und leistungsgetrimmt pflügen sie durch die künstlichen Maisfelder der akademischen Massenbetriebe; wer über gesellschaftliche Prozesse nachdenkt, verliert Zeit. Wichtig ist, was bei der Jobsuche verwertbar ist.

Der Publizist Christoph Koch verweist in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Möglichkeiten der digitalen Revolution: „Man kann heute mit sehr wenig Aufwand und sehr wenig Kosten wahnsinnig viele Leute hinter sich bringen, wenn man ein Thema hat, das die Leute interessiert.,“  sagt er und fügt salomonisch hinzu: „Bis dahin ist es natürlich noch ein weiter Weg.“[15]

 

***

DIE LAMENTO-REPUBLIK

Am Ende dieser Informationsdauerberieselung stehen wir also – eventuell – mit einer Menge Themen, vielleicht auch guter Ideen da, aber keiner ist wirklich in der Lage, etwas zu bewegen.

Wir lassen uns  stattdessen unterhalten von den Absurditäten, Fröhlichkeiten und Gemeinheiten im Leben unseres Netzwerks. Angesichts all der Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, könnte man allerdings auch sagen: Wir verschwenden unsere Zeit – unter dem Deckmantel der Informationsgesellschaft.

Eine einzige Selbst-PR-Hülle umnebelt uns da; in Wirklichkeit jedoch ziehen die news an uns vorbei, ermüdend, und sie führen dazu, dass wir apathisch vor den Zeitläuften ausharren ohne an ihnen teilzunehmen oder ohne sie wesentlich zu beeinflussen.

Soziale Medien geben uns das Gefühl, dabei zu sein; in Wirklichkeit bleiben wir leere Beobachter. Das muss nicht schlimm sein – tragisch allerdings ist der Nimbus des Teilhabenden, des Wachen, mit dem sich die Zuschauer umgeben.

Wir denken, mit kleinen Änderungen bleibt nicht nur alles so perfekt wie es ist, sondern es wird noch etwas perfekter. Doch das ist eine gefällige Täuschung. Damit unterstützen wir letztendlich nur den status quo, denn gute Vorsätze sind schnell vergessen.

So werden wir im Kopf zu einer innovativen, gesellschaftlich jedoch konservativen Gesellschaft. Gleichzeitig entfernen wir uns ideell  immer weiter von unserer Gesellschaft, von unserem Staat und damit: von einander.

Eine Studie unter 14.000 College-Studenten über die vergangenen 30 Jahre hinweg zeigte, dass junge Menschen seit dem Jahr 2000 dramatisch weniger Interesse an anderen Menschen haben. Sich in andere hineinzuversetzen, um ihre Gefühle zu verstehen, finden auffällig weniger Studenten wertvoll als früher.[16]

Was passiert mit einer Gesellschaft, die zunehmend das Interesse für ihre Mitmenschen verwechselt mit einem Interesse für deren Avatare? Mein Eindruck ist: Wir nehmen den Staat als etwas Eigenes, Selbstbestimmtes wahr. Dass aber wir diejenigen sind, die diese Gesellschaft ausmachen, haben wir längst vergessen. Wir glauben nicht mehr an unsere eigene Gestaltungskraft.  Das ist gefährlich: Denn der Staat sind wir, und unsere Gesellschaft lebt von unserem Engagement.

„We expect more from technology and less from each other.“[17] Diese Feststellung von Sherry Turkle über unser Verhältnis zu unseren digitalen Helfern erhält  dadurch eine ganz neue Bedeutung.

Wir sind die lamentierende Generation. Wir lassen uns dabei dermaßen vom Wesentlichen abhalten,  dass wir uns bestens informiert und willig durch die immer kürzeren Zirkel der Erregungsphasen im medialen Durchlauferhitzer jagen lassen. Alle regen sich auf, einige bleiben dran, zu wenige tun was. Es ist eine Lamento-Republik.

Ja: Es gibt so viel zu tun. Und ja, inzwischen haben wir Verantwortung. Die Zeit, die wir klickend, likend, lamentierend und kommentierend im facebook verbringen, sollten wir im echten Leben nutzen. Sie wäre wertvoller investiert.

 

 

Berlin, April 2013

 


Fußnoten:

[1] Schnabel, Ulrich: „Einladung zur Langsamkeit“ In: DIE ZEIT, 6.12.2012, S. 57

[2] Moorstedt, Tobias: „Digital Native oder digital naiv“ In: NEON, 10.09.2012, S. 26

[3] Klute, Hilmar: „Fluch der ständigen Erreichbarkeit. Alleinsein als Selbsttherapie“ 24.02.2013 In: http://www.sueddeutsche.de/leben/fluch-der-staendigen-erreichbarkeit-ein-loblied-auf-die-einsamkeit-1.1607232-2

[4] Turkle, Sherry: „Connected, but alone?“ http://www.youtube.com/watch?v=t7Xr3AsBEK4

[5] Hänggi, Peter: „Das Universum bremst nicht“ In: DIE ZEIT, 6.12.2012, S. 60

[6] Sowade, Hanno: Diskussionsbeitrag während des „telegraphen“ am 27.03.013,  http://youtu.be/C7cy_NT-wGc

[7] In: http://www.taz.de/!96969/  vom 10.07.2012

[8] Tuma, Thomas: „iPhone, also bin ich“ In: Der Spiegel, 02.07.2012, S. 62 ff.

[9] Moorstedt, Tobias: „Digital Native oder digital naiv“ In. NEON, 10.09.2012, S. 28

[10] Die Medien wollen etwas von mir, ich muss sie füttern Langsam entsteht der Eindruck, dass die Menschen den Medien dienen, wo es doch umgekehrt sein sollte. Die Aufmerksamkeitsspanne für die Kommunikation mit real präsenten Menschen nimmt deshalb ab. Wenn ich bei der Begegnung zwischen mir und der Welt stets ein Smartphone mit Kamera und Bildschirm schiebe, schmälert das mein unmittelbares Erleben.“

Wildt, Bert te: „Im Cyberspace verlieren wir unsere Träume“ In: SZ, 13.11.2012, S. 16

[11] Gladwell, Malcom: „Small change“ In: The New Yorker, 04.10.2010, S.44-45

[12] Gladwell, Malcom: „Small change“ In: The New Yorker, 04.10.2010, S.47-48

[13] Gladwell, Malcom: „Small change“ In: The New Yorker, 04.10.2010, S.49

[14] http://www.fachjournalist.de/PDF-Dateien/2012/05/FJ_4_2010-Unaufgefordert.pdf

[15] Interview mit Wolf-Christian Ulrich bei Dreharbeiten zur Dokumentation „Ulrich protestiert: Gegen die ständige Erreichbarkeit des Seins!“ D, 45min, ZDFinfo 2013

[16] Turkle, Sherry: „Alone Together“, New York 2012, S. 293

[17] Turkle, Sherry: „Alone Together“, New York 2012, S. 295