Die Polit-Freakshow. Politik hat ein wenig Selbstachtung verdient.

 

Wer als Politiker bei Raab auftaucht, um 100.000 Euro herbeizureden, muss schon eine gehörige Portion Masochismus mitbringen. Wobei das in dem Gewerbe eigentlich Einstellungsvoraussetzung ist.

Von Wolf-Christian Ulrich

Eigentlich ist Raabs “Absolute Mehrheit” eine Chance. Nämlich jungen Menschen mitzuteilen, dass Politik sie erstens was angeht und zweitens, dass sie sich da einmischen können. Übrigens ohne 50 cent pro Anruf dafür zu bezahlen. (Allerdings auch ohne Chance auf einen Autogewinn.) Diese Chance hat die Show vertan. Was allerdings wirklich ärgerlich ist: Sie reduziert Politik auf eine Lachnummer für angestrengt lässig wirken wollende Schreihälse.

Dabei steht Politik heute vor enorm komplexen Problemen. Die Show vermittelt den Eindruck, als sei jedes Problem mit einem geilen Spruch gelöst. So ist es leider nicht. Raab und sein Vicepresident-News-und-Gedöns Limbourg waren nicht in der Lage auch nur eine der vielen halbgelogenen Floskeln zu entlarven.

Das ist blöd, weil Halbwissen so zum Argument wird. Natürlich unterhält der FDP-Kubicki. Natürlich ist ein LINKE-van Aken verführerisch. Dass die beiden größten Populisten der Runde bei der ersten Abstimmung gleich die vordersten Plätze belegen, finde ich gefährlich. Und ich bin kein Kulturpessimist oder Unterhaltungshasser. Aber ich nehme politische Entscheidungen ernst. Die werden am Ende Gesetz.

Bezeichnend die langen Gesichter von Oppermann und Fuchs, als sie ihre miesen Zahlen gesehen haben. Ich nehme an, dass sie im politischen Geschäft ernst genommen werden wollen. Nicht nur von Kollegen, auch von Wählern. Sie hätten wissen müssen, dass sie auf der Bühne einer Freakshow saßen – freiwillig! – und sich damit keinen Gefallen getan haben.

Und das ist alles andere als hilfreich – wenn es darum geht, Politik wieder im Wahrnehmungsfeld junger Menschen zu verankern. Wenn RTL mit Castingshows kleine dumme Mädchen bloßstellt, bin ich auf der Seite der kleinen dummen Mädchen. Wenn Raab Politiker bloßstellt, habe ich wenig Mitleid. Raab macht seinen Job. Die Herren auf der Bühne könnten sich nun fragen, genau wo auf ihrem politischen Weg eigentlich ihre Selbstachtung liegengeblieben ist.

 

Foto: ANTROBIUS