“Es ist höchste Zeit für die Freundschaft mit den anderen!”

 

“Rasende Ruinen – Wie Detroit sich neu erfindet”. Katja Kullmann über Selbstbestimmung und Solidarität in einer zerfallenden Stadt, die Selbstzerfleischung unserer Mittelschicht und Gästelisten-kranke Schleimspur-Kreative.

Schwer vorstellbar, was passiert, wenn eine Stadt seine Industrie verliert und einfach ausstirbt. Wenn Gebäude verfallen. Die Straßen leer wie im Horrorfilm. Das passiert seit Jahren in Detroit. Katja Kullmann hat eine große Reportage darüber geschrieben: Über Zerfall und Menschlichkeit, deren Schwerkraft uns unmittelbar erfasst. Weil sich im Niedergang der großen Industriestadt Detroit offenbart, was passiert, wenn unsere Industriegesellschaft an ihre Grenzen gerät. Ihre Reportage “Rasende Ruinen – Wie Detroit sich neu erfindet” gehört zu denjenigen Büchern, die man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Detroit ist nicht weit weg. Es ist einer der wichtigsten Industrieplätze unseres engsten Partnerlandes außerhalb Europas. Die USA sind für uns nicht irgendein Land – und was dort geschieht, ist oftmals ein Gradmesser für unsere eigenen Entwicklungen.

Das Ruhrgebiet etwa kämpft seit Jahrzehnten mit extremem städtischem Wandel. Viele Orte dort sind längst nicht übern Berg. Schon dort wirken die Gentrifizierungsdebatten – wie in Hamburg und Berlin, höchst emotional geführt – vergleichsweise luxuriös.

Katja Kullmann kennt diese Debatten, kennt Hamburg und Berlin. Hätte sich an den Helmholtzplatz setzen können oder auf die Schanze und eine larmoyante Nabelschau betreiben können. Sie ist stattdessen in den Flieger gestiegen und hat sich auf Detroit eingelassen. Wochenlang. Mit offenen Augen und offenem Herzen. Am Ende entstand eine grandiose Reportage. Die vor allem deshalb überzeugt, weil sie sich jenseits geübter Klischees auf die einfache Beobachtung und klare Einordnung verlässt.

Grade mit Blick auf die hiesige Gentrifizierungsdiskussion interessant zu lesen, wie Investoren und Stadtplaner fast verzweifelt die Symptome von Gentrifizierung mit großem Aufwand in eine gespenstisch verlassene Stadt transplantieren möchten: um einen Aufschwung zu generieren, der mit klassischen Mitteln der Stadtplanung gar nicht mehr zu realisieren ist. Als Wundermittel. Denn Detroit kann sich nicht mehr finanzieren. Versinkt in einer ordnungspolitischen Anarchie. Was die Bürger an diesen verlassenen Ort noch glauben lässt, ist allein, dass sie gemeinsam an ihrem Heimatort arbeiten.

Katja Kullmann beschreibt Formen der Nachbarschaftshilfe und des ehrenamtlichen Engagements, die vielen von uns fremd sind. Sich füreinander einsetzen, füreinander Initiative ergreifen. Das heißt „Stadt“ für viele Bewohner des Stadtexperiments Detroit. Ein Biotop für einen Nachbarschaftsversuch, an dessen Ausgang das buchstäbliche Überleben einer ehemaligen Millionenstadt im Herzen Amerikas hängt. Und damit auch für uns in wenigen Jahren große Bedeutung haben wird.

 

antrobius:  Sie beschreiben eine Reihe von Menschen der community, die sich für Detroit einsetzen. Und gleichzeitig die Hilflosigkeit der Behörden, die Stadt finanziell und organisatorisch wieder in die Spur zu bekommen. “Wir müssen es selbst in die Hand nehmen.” ist der Tenor. Welche Chance geben Sie Detroit?

Katja Kullmann: “Die ganz spezielle Auffassung von Autonomie, wie ich sie in Detroit kennen gelernt habe, hat mich sehr beeindruckt. Es gibt einfach eine uramerikanische Auffassung von „die Dinge selber in Hand nehmen“. Und dieses Denkmodell hat sehr viel mit einer Idee von Freiheit zu tun – aber eben nicht zwingend mit der neo-liberal verseuchten Variante von „Freiheit“, wie wir sie immer noch in Europa diskutieren.

In Detroit habe ich an vielen Orten gesehen, wie Selbstbestimmung und Solidarität auf ganz praktische, sinnvolle und wirklich gemeinschaftliche Art zusammenwirken. Ungezählte Kollektive, Hilfsprojekte, Nachbarschaftsgruppen haben sich da zusammengeschlossen, öfters auch schichtübergreifend, etwa beim Urban Farming oder bei dem Projekt „Humble Design“, bei dem Mittelschichtsmenschen aus den reichen Vororten manchen Bürgern in der verarmten Innenstadt ganz konkret mit Möbeln und Haushaltsgeräten  helfen oder Kurse für Kinder anbieten. All diese Ansätze sind wichtig für einen Ort wie Detroit – sie helfen, wenigstens einen minimalen Rest von Zusammenhalt zu erhalten, während institutionell eigentlich gerade die letzten Spuren einer Solidargemeinschaft abgebaut werden. Zur Zeit werden ja zum Beispiel weitere Grundschulen in Detroit geschlossen und Buslinien werden gekappt, weil die Stadt kein Geld mehr hat.

Eine Detroiterin hat mir gesagt: „Ohne all diese kleinen Projekte, ohne die Leistung der Freiwilligen und Ehrenamtlichen, wäre die Stadt tot.“ Und genau das führt leider auf das Urproblem zurück: All diese selbstverwalteten Micro-Projekte können die gewaltigen Verwerfungen in Detroit nicht kurieren, nur stellenweise lindern. Detroit hat mit gewaltigen systemischen Problemen zu kämpfen, die wir auch unter dem Schlagwort „Strukturwandel“ kennen. Es fehlt, ganz schlicht, an Arbeit und Bildungseinrichtungen. Die Armen sind weitgehend abgehängt von all dem, was wichtig ist, um an Gegenwart und Zukunft überhaupt teilnehmen zu können. Ich glaube also nicht, dass die selbst organisierten Hilfsprojekte daran grundlegend etwas ändern können.”

antrobius: Sie schreiben am Ende des Buches: “Was Berlin von Detroit lernen kann: Es ist höchste Zeit für die Freundschaft mit den anderen.” Und dann im nächsten Satz: “Man darf mit weiten Teilen der kreativen Klasse auf keinen Fall so reden. Sofort braten sie einem die “Gutmenschen”-Keule über.” Doch welche Art von “Freundschaft” fehlt denn in Berlin genau – und woher kommt Ihrer Meinung nach das Unbehagen unserer kreativen Klasse mit den Begriffen Gemeinsinn oder Nachbarschaft?

Katja Kullmann: “Das Stichwort „Berlin“ ist, nicht nur in meinem Buch, sondern auch in der internationalen Debatte, wie ein Codewort oder als Chiffre zu verstehen – als Musterfall für eine moderne, junge „creative city“. Und was wir an solchen Orten erleben, gerade in Berlin, ist ja ein gewaltiges Maß der Selbstzerfleischung innerhalb der Mittelschicht, die oft ja selbst zugezogen ist. Lange Zeit liefen die Proteste z.B. gegen steigende Mieten und so genannte Gentrifizierung ja vor allem nach dem Muster ab: „Bitte nicht in meinem Vorgarten!“ Da haben dann Leute, die in den 90ern vielleicht aus dem Rheinland nach Berlin gekommen sind, plötzlich in den nuller Jahren angefangen, sich in einen „Schwabenhass“ zu werfen und das Schimpfwort „Macchiato Mütter“ erfunden  … und zunächst übersehen, dass Gentrifizierung ja viel früher beginnt, und dass sie selbst ja ein Teil davon sind. Das gipfelt dann in Hass-Arien gegen „Rollkoffer“-Menschen, die etwa durch Kreuzberg ziehen, und ich finde es ganz schön erschreckend, wie dumpf und tumb diese Zetereien oft ausfallen, selbst von Leuten, die ich als Künstler(in) sonst eigentlich schätze.

Wichtig ist: Auch die sehr oft prekär entlohnten „Kreativen“ in Berlin zählen selbstverständlich zur middle class – sie sind Teil einer Bildungselite und nicht selten von den Elternhäusern aus Westdeutschland alimentiert, bis weit über den 40. Geburtstag hinaus. Was jetzt langsam in Berlin endlich mal aufbricht sind Debatten, die z.B. in Hamburg schon viel länger, breiter und intensiver geführt werden, nämlich: Es kann nicht nur darum gehen, sich von „Yuppies“ gestört zu fühlen und für günstige Künstler-Ateliers zu kämpfen. Was ist mit dem Gemüsemann, dem Schraubenhändler, dem Späti-Kiosk? Auch diese Menschen haben ein Recht auf Stadt.”

antrobius:  Wie sehen Sie nach Ihrer Reise nach Detroit die Diskussion um Kieze, Gentrifizierung und die urban responsibility der jungen Kreativen?

Katja Kullmann: “Naja, ein Schlagwort, das in den USA eifrig diskutiert wird und auch hierzulande langsam die Runde macht, ist das so genannte „Social Entrepreneurship“. Es bedeutet, dass junge, fantasievolle „Kreative“ ihre Fähigkeiten, ihr Knowhow und ihre Kontakte, eben nicht nur dazu nutzen, das hundertste selbstreferentielle Kunst-Magazin zu gründen, das x-te Design-Kitsch-Lädchen, den millionsten „Kreativwirtschafts“-Kongress organisieren … sondern dass sie anfangen, endlich auch mal ihre Umwelt wahrzunehmen – und die eigene Rolle im sozialen Gefüge zu erkennen und verantwortlich damit umzugehen.

In Detroit habe ich z.b. eine junge Mode-Designerin kennen gelernt, gerade 22 Jahre alt, die sich sehr geschickt Sponsorengeld von einem großen Unternehmen besorgt hat – um damit sechs langzeitarbeitslose ältere Frauen aus den Obdachlosenasylen herauszuholen, ihnen Arbeit und somit auch wieder einen festen Wohnsitz zu verschaffen. Statt Hipster-Fashion stellt die kleine Firma dieser 22jährigen Schlafsäcke für Obdachlose her, und die Abnehmer sind Hilfsorganisationen in aller Welt, von Detroit selbst bis nach Japan. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie man „kreativ“ und „erfolgreich“ wirken kann – und das Ghetto der „kreativen“ Selbstbeweihräucherung glücklich und befreit hinter sich lassen kann.

Die Welt dieser 22jährigen Jungunternehmerin aus Detroit, die tagein, tagaus mit Menschen aus einem ganz anderen Milieu zusammenarbeitet, ist auf jeden Fall größer als die eines Gästelisten-kranken Schleimspur-Kreativen, der mehr als die „Kunstwerke“ und die „Jüdische Mädchenschule“ und das „Grill Royal“ in Berlin vielleicht gar nicht kennt und sehnsüchtig darauf wartet, im Soho-Haus Einlass zu finden.  Es gibt eine Menge eitler Spießer in neuem Gewand in der so genannten „Kreativszene“ in Berlin. Sie spielen da so ihre eigenen Geltungsspielchen – sind ansonsten aber völlig irrelevant und einfach extrem langweilig.”

 

Die Journalistin Katja Kullmann lebt in HamburgIm März 2012 erscheint ihr neues Buch RASENDE RUINEN. Wie Detroit sich neu erfindet in der edition suhrkamp digital – eine Reportage über die heruntergewirtschaftete Autobauer-Metropole im Norden der USA – und darüber, wie Investoren Detroit jetzt zum “Berlin der USA” machen wollen. Katja Kullman veröffentlich regelmäßig, u.a. auf ihrem Blog “Euphorie im Alltag”.

Fotos: Yves Marchand & Romain Meffre veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Fotografen. Mehr von ihrer Fotoserie “The Ruins of Detroit” morgen auf ANTROBIUS.