Für alle, für die Mitte nur Latte ist: Es gibt jetzt den Link in die Zeit vor Eurer Zeit.

Erstaunlich weit weg, der Oktober ’89. Inzwischen gibt es eine Generation, die mit “der Wende” gar nichts mehr anfangen kann. Doch die Vergangenheit wird lebendig. Wer heute in Mitte sein Tablet aktiviert, kann jetzt durch ein erstaunliches Archiv erleben, wie Ost-Berlin Anfang der 90er vor Diskussionen und Ideen vibrierte.

Von Patrick Hansen

Während die friedlichen Proteste im Herbst 1989 einen autoritären Staat von der Landkarte spülten, die Mauer zu Fall brachten und Europa veränderten, hatte der 28-jährige Berliner Student Malte Sieber eine gewagte Idee. Die meisten seiner Kommilitonen an der Humboldt-Universität hatten die Wende –gelinde gesagt – verschlafen. Die von Parteikadern, Ideologen und Stasi durchsetze Alma Mater war alles andere als ein Motor der Freiheit gewesen. Das wollte Sieber ändern: mit einer eigenen Zeitung, von Studenten für Studenten, frei, unabhängig, ohne Zensur und Denkverbote. Kritische Öffentlichkeit für die Kader-Uni – für ein solches Projekt musste Sieber erstmal Mitstreiter finden.

Mit einem handgeschriebenen Zettel am schwarzen Brett begann so die Geschichte einer der ältesten und renommiertesten Studentenzeitungen Deutschlands. Ununterbrochen seit dem 17. November 1989 erscheint die „UnAufgefordert“ an der HU Berlin. Die mehr als 200 Ausgaben der Zeitung erzählen eine aufregende Geschichte vom Ringen um Meinungsfreiheit, Öffentlichkeit und Aufarbeitung. Im neuen digitalen Archiv der Unaufgefordert sind nun alle Ausgaben lückenlos einsehbar.

Wie in ganz Ostdeutschland verloren das SED-Regime und seine Organe mit der Wende auch an der Humboldt-Uni ihre Macht. Doch von einer ideologiefreien und personell unbelasteten Institution war die Universität auch Jahre danach noch weit entfernt. Durch jahrzehntelange politische Selektion und Durchdringung war aus einem Hort des freien Geistes eine durch-ideologisierte Qualifikationsmaschine für systemkonforme Leistungsträger geworden.

Wo einst Hegel im Innenhof unter den Kastanien wandelte, war vierzig Jahre lang die Uni-eigene Betriebskampfgruppe aufmarschiert. Die Freiheit war über Nacht gekommen – was man nun mit ihr anstellen sollte, war das große Thema der ersten Jahre nach der Wende. Bewusstsein für Pluralität, freie Öffentlichkeit und ein kritischer Blick auf die Vergangenheit – all das musste in einer Institution wie der HU erst mühsam erarbeitet und durchgefochten werden.

Die „UnAufgefordert“ spielte dabei immer wieder eine zentrale Rolle – und stand zugleich selbst mitten in der Geschichte. Mit ihren provokanten Artikeln und Schlagzeilen forderte die „UnAufgefordert“ immer wieder kritische Öffentlichkeit in der Uni ein. Die Redakteurinnen und Redakteure wurden so zu Akteuren in einem historischen Prozess der Demokratisierung und Aufarbeitung.  Im Mikrokosmos der Universität, aber auch der Zeitung selbst, spiegelten sich dabei die großen Entwicklungen und Probleme des deutsch-deutschen Zusammenwachsens wieder. Die in „UnAufgefordert“ gedruckten Artikel, Appelle und Karikaturen sind eine Fundgrube für jeden, der verstehen will, was damals die Gemüter an ostdeutschen Unis bewegte.

Die mehr als 200 dokumentierten Ausgaben machen so ein spannendes Kapitel Nachwende-Geschichte erlebbar. Zugleich bannten die Redakteure auch immer wieder den Charme des Studentenleben im Berlin der Neunziger in ihre Texte. Bis aufs Blut gereizte Stasi-Debatten, flammende Appelle zur akademischen Freiheit und Geschichten aus einem Prenzlauer Berg vor dem Chai-Latte: Ein Blick zurück, der sich lohnt.

 

Patrick Hansen studiert Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität und arbeitet als freier Journalist in Berlin. Natürlich hat er auch mal bei der UnAuf geschrieben. Seine Artikel sind im Archiv allerdings nicht unter “1989” zu finden – eher 2010. 

Titel-Foto: Joachim Fisahn aus der UnAufgefordert Nr. 3

Link: Das Online-Archiv der UnAufgefordert