“Gorbatschow erkannte, dass man Geschichte nicht aufhalten kann.”

Das Jahr, in dem die Mauer fällt. Der erste Riss in der Mauer entsteht in Ungarn. Denn dort reißt Miklos Németh, 1989 junger Reformer und Ministerpräsident, eine Lücke in den eisernen Vorhang. Wie kam es dazu? Interview mit einem stillen Helden der Wende.

Von Wolf-Christian Ulrich

Kurzer Rückblick: In den späten 80er Jahren sind die ungarischen Grenzanlagen längst marode. Die Grenztruppen beschweren sich über ständigen Fehlalarm. Das System zu erneuern, konnte sich Ungarn nicht mehr leisten. Außerdem durften ungarische Staatsbürger schon seit 1988 ungehindert reisen. Der eiserne Vorhang in Ungarn hinderte also vor allem Menschen aus der DDR, aus Rumänien oder Bulgarien vor der Flucht in den Westen.

Ende 1988 steht die Mauer noch felsenfest. Noch gibt es keine Montagsdemos in Leipzig. Und noch herrscht Erich Honecker in der DDR. Da trifft Németh eine der für Deutschland folgenschwersten Entscheidungen dieser Zeit: Der Abbau des Stacheldrahts an der Grenze zu Österreich. Dennoch wird sein Verdienst um die deutsche Einheit später erstaunlich wenig gewürdigt.

Ich treffe Milkós Németh für ein ZDF-Interview am Plattensee – im Garten eines Yachtclubs. Der ehemalige Ministerpräsident macht den Eindruck eines zufriedenen Pensionärs. Er gibt nur noch selten Interviews. Zuhause wartet die Familie mit dem Mittagessen. Ich bekomme eine Stunde Zeit. Vorher allerdings lädt Németh zum Espresso ein. Kein Kommentar zur aktuellen Situation in Ungarn, sagt er. Ich finde das bedauerlich. Németh lächelt vielsagend und dann geht’s los.

 

Miklós Németh: „Bis zu meinem 20. Geburtstag hatte ich Ungarn nie verlassen. Als ich noch ein Kind war, hatte mein Großvater zu mir gesagt: “Auch Du wirst keine Änderung auf der europäischen Landkarte mehr erleben.” – Nun, als ich Ministerpräsident von Ungarn wurde, habe ich mir den Haushalt vorlegen lassen. Unter einem Code-Namen sollte da eine große Summe abgehen. Ich fragte den Innenminister danach und er sagte mir, dass der Betrag für die Erneuerung des alten Stacheldrahtes an der Grenze bestimmt sei. Ich sagte “Auf keinen Fall!”. Und strich den Posten aus dem Budget.”

Haben Sie geahnt, dass Sie damit die erste Lücke in den Eisernen Vorhang reißen würden?

Miklós Németh: „Nein. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: In diesem Moment habe ich vorhergesehen, was passiert, wenn ich das aus dem Haushalt streiche.”

Der Abbau der Grenzanlagen – als die Welt noch in zwei Blöcken dachte. Davon musste Nemeth die Schutzmacht Sowjetunion zumindest in Kenntnis setzen. Am 3. März 1989 reist er zum Antrittsbesuch in den Kreml.

Als Sie Gorbatschow im März 1998 trafen, waren Sie ein junger Mann, Anfang 40. Wie fühlte sich das an, einen der mächtigsten Männer der Welt zu treffen?

Miklós Németh: „Nun, ich hatte ihn ja schon Jahre zuvor kennengelernt. Da war er als junger Parteisekretär für die Landwirtschaft zuständig und besuchte Ungarn für zwei Wochen. Ich habe ihn im Auto umhergefahren.”

Also kannten Sie sich ziemlich gut?

Miklós Németh: „Absolut. In diesen zwei Wochen hat sich Vertrauen entwickelt.”

Laut sowjetischer Agenda sollte das Treffen in Moskau 20 Minuten dauern. Miklos Nemeth aber blieb mehr als 2 Stunden bei Michail Gorbatschow.

Miklós Németh: „Ich forderte den Abzug der russischen Truppen, ich forderte die Entfernung der nuklearen Sprengköpfe aus Ungarn und ich sagte ihm, dass wir den Stacheldraht nicht reparieren sondern abbauen werden. Aus finanziellen und auch aus humanitären Gründen. Er sagte, er sehe da kein Problem. Meine Reaktion war: Vielen Dank, Michail, aber ich versichere Dir, dass es harsche Kommentare geben wird. Aus Ost-Berlin, Prag und Bukarest. Und da sagte Gorbatschow einen ganz wichtigen, einen historischen Satz: So lange ich in diesem Stuhl sitze, wird sich 1956 niemals wiederholen.”

Haben Sie ihm vertraut?

Miklós Németh: „Das war die zentrale Frage. Deshalb wollten wir erstens: Schritt für Schritt die Toleranzgrenze der Russen austesten. Und zweitens: herausfinden, wie fest Gorbatschow wirklich im Stuhl sitzt.”

So lässt Ungarn ab dem 2. Mai 1989 den Stacheldraht an der Grenze zu Österreich abbauen. Vor den Augen der Presse – und dennoch von vielen übersehen – fällt an diesem Tag der eiserne Vorhang. Was nicht hieß, dass es eine grüne Grenze wurde: Noch immer patroullierten Soldaten.

Miklós Németh: „Kein Protestanruf aus Moskau. Kein Brief. Nicht mal eine Anfrage des sowjetischen Botschafters.”

Das nächste Mal testet Németh die neue sowjetische Toleranz mit Prominenz. Ungarns Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock durchtrennen am 27. Juni 1989 gemeinsam den eisernen Vorhang. Es wird ein Publicity-Coup.

Miklós Németh: „Als sich Gyula Horn und Alois Mock an der Grenze trafen, um den Stacheldraht zu zerschneiden, da hatten sie nur so getan als ob. Wir hatten extra für das Foto wieder einen Zaun aufgebaut. Denn zu diesem Zeitpunkt war bereits alles abgerissen und weggeschafft. Das Ereignis war deswegen von enormer Bedeutung, weil die gesamte internationale Presse da war. Das Foto wurde am nächsten Tag sogar in der New York Times veröffentlicht. Und immer noch kein Protestanruf aus Moskau.”

Es war also inszeniert?

Miklós Németh: „Auf jeden Fall! Aber in unserer Reihe von Tests war dies der wichtigste. Denn wenn etwas in der New York Times gedruckt war, und es keine Reaktion von Gorbatschow gab, dann konnte man sich weiter nach vorne wagen.“

Zu dieser Zeit bröckelten schon die jahrzehntealten Machtverhältnisse im Ostblock. Ungarn hatte zwar mit Miklos Nemeth einen jungen Reformpolitiker als Ministerpräsidenten. Und in Polen regiert General Jaruzelski an einem runden Tisch gemeinsam mit der Solidarnocs. Doch in anderen Ländern regierten noch die alten Kader: Nikolae Ceaucescu herrscht seit 1965 über Rumänien, Erich Honecker seit 1971 über die DDR. Todor Schiwkow sogar schon seit 1954 über Bulgarien. Und auch Milos Jakes, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, gilt als Hardliner.

Sie alle, Reformer und Dogmatiker, kommen im Juli 1989 in Bukarest zusammen, zum letzten Treffen der Führer des Warschauer Pakts vor dem revolutionären Herbst.

Miklós Németh: „Diese Geschichte ist nicht sehr bekannt. Am Flughafen kam Ceaușescu mit seinem Gefolge, um die Delegation zu begrüßen. Laut Warschauer Pakt war der Parteichef auch der Chef der Delegation. Dementsprechend wurde Rezső Nyers, der damalige Parteichef (der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei), auch als Erster von Ceaușescu begrüßt. Ceaușescu nannte ihn “Genosse”. Mich sprach er jedoch als “Herr Németh” an. Das machte mich sehr stolz: Dass ich nicht sein Genosse war.”

Stimmt es, dass Ceaușescu während dieses Treffens ein Batt Papier auf den Tisch knallte mit den Worten: “Wenn Sie sich nicht nach uns richten, schreiten wir in Ungarn ein!”?

Miklós Németh: „Ceaușescu war der Hauptredner. Er schlug vor, dass man im Herbst ein weiteres Gipfeltreffen veranstalten könne, um über die zwei sozialistischen Länder Polen und Ungarn zu reden. Honecker war zu dieser Zeit krank und schon wieder auf dem Heimweg. Jaruselski hinter seiner verdunkelten Brille saß da stumm wie eine Sphinx. Schiwkow und Miloš Jakeš versuchten die russische Delegation zu überzeugen. Aber als schließlich Gorbatschows redete, hat er darüber kein Wort verloren. Und: Ohne den Segen der Russen konnte laut Warschauer Pakt kein militärischer Akt beschlossen werden.”

Aber Ceaucescu lässt nicht locker. Er schreibt einen Brief an Gorbatschow…

Miklós Németh: „Darin forderte er noch einmal ein Gipfeltreffen: und zwar ohne die Teilnahme der polnischen und ungarischen Delegation. Gorbatschow rief ihn an und sagte. „Du willst, dass ich wie früher die Panzer nach Budapest und Warschau schicke? Auf keinen Fall!” Wir hatten das Glück, dass Gorbatschow in Moskau das Sagen hatte. Kein Hardliner sondern ein Reformer. Die Sterne standen damals einfach gut.“

In einem Interview sagte Altkanzler Kohl seinem Ghostwriter, rückblickend sei Gorbatschow „gescheitert“. Wie sehen Sie das?

Miklós Németh: „Ich würde nicht von “gescheitert” sprechen. Es wäre viel Blut vergossen worden, wenn jemand wie Breschnew, Andropow oder Stalin an Gorbatschows Stelle gesessen hätte. Ich bin sehr dankbar, dass in den späten 80ern in Moskau mit Michail Sergejewitsch Gorbatschow, ein friedliebender und zivilisierter Mann im Amt war. Auf der anderen Seite haben die Russen ihr Imperium verloren. Noch heute mögen sie Michael Sergejewitsch nicht. Ich schätze ihn sehr. Und ich weiß, wie wichtig er für die damaligen Ereignisse war.

Wissen Sie, am 13. Dezember war ich in London. Was war Margaret Thatchers erste Frage? “Warum haben Sie das getan?” Sie sagte: “Ich liebe die Deutschen so sehr, dass ich sie in 2 Ländern sehen will!”

Sie hatte also realisiert, was da passierte?

Miklós Németh: „Absolut. Wissen Sie, wer die Einheit möglich machte? Gorbatschow und George Bush. Als die sich geeinigt hatten, haben Mitterand und Thatcher nur noch salutiert. Gorbatschow hatte erkannt, dass man die Geschichte nicht aufhalten kann.”

 

Das Gespräch ist Teil der Dokumentation “Ich will nur raus! Der letzte Sommer am Eisernen Vorhang.” – hier zu sehen in der ZDF mediathek.

Foto: Mirko Schernickau