Goulds wunderbare Mondsucht. (Welche Platte man wirklich noch mal hören sollte…)

Es gibt Werke, die möchte man nicht mehr hören – man hat sie soviel zu viel gehört, wie man sich an Baileys übertrunken hat. Und dann stolpert man über grandiose Überraschungen. Wie neulich diese Mondschein-Sonate von Glenn Gould.

Von Wolf-Christian Ulrich

Ich bin kein wahnsinniger Fan von Glenn Gould. Ich bewundere seine Art zu spielen. Seinen unverwechselbaren Stil. Seine krasse Analyse. Aber ich bleibe doch meist skeptisch. Trotzdem lege ich neulich Beethoven Klaviersonaten von ihm in den Spieler. Und es läuft so ab, wie vermutet.

Man kann die Aufnahmen von Glenn Gould mögen oder auch nicht; sie lassen einen jedenfalls nicht ohne Meinung zurück und meine Meinung stand bis zu Track Nummer 13 fest: Asketisch und klar, sklavisch und genau, so rollen die Sätze vor sich hin und ja, das ringt Bewunderung ab, vor allem, wenn man’s selber mal zu spielen versucht hat.

Umso überraschender dann die Aufnahme der Mondscheinsonate. Längst überhört, viel zu oft viel zu schrecklich mit Honig überzogen. Im Hinterkopf die außergewöhnlich langsame Aufnahme mit Radu Lupu. Was Gould hier vorlegt, lässt mich allerdings mein Buch zur Seite legen und fasziniert die Ohren spitzen.

Mit einer wundersamen Grazie fließt dieses Moll, das jeder kennt, dahin; die Stringenz nimmt einen sofort gefangen, lässt einen nicht mehr los, das Tempo unerschütterlich voranstrebend aber nie zu schnell. Die Melodie klar und von unfasslicher Eleganz. Wie mit einem Heiligenschein. Diesem Glanz kann man nicht entziehen.

Der zweite Satz plötzlich wieder im Gestus wie der vordere Rest. Wie Bach. Man denkt, man hätte sich eben fast verhört. War da nicht eben noch Magie in der Box? Doch schon ist der Mittelsatz zu Ende, dann kommt das Finale.

Und da sprengt Gould die Fesseln. Er rockt das Presto, verjazzt es fast, in halsbrecherischem Tempo. Die ganze Disziplin scheinbar wie weggeblasen; dies hier ist ein Auftritt; immer noch introvertiert, immer noch Gould, eine Implosion.

Goulds Mondschein-Sonate ist Pop. Im besten Sinne. Man vergisst sie so schnell nicht.