Bücher, die uns bewegen.

 

APOLLOKALYPSE (Gerhard Falkner)

Ein echtes Meisterwerk und eine echte tour de force zugleich. Georg Autenrieth ist der Held auf diesen sprachgewaltigen 400 Seiten. Zwielichtige Gestalt dieser Autenrieth, der uns seine Jugend in Süddeutschland beschreibt, die Studienzeit in Berlin, die Subkultur, den Exzess, den Sex. Das alles in den 80ern (als die Mauer noch stand) und 90ern (als die Mauer weg war und ein Freiraum um Gestaltung rang). Kontakte zur RAF, zu Frauen, zur Stasi. Aber das sagt schon fast zuviel. Denn Stück für Stück erinnert sich Autenrieth an Episoden, die vergangen und vergessen schienen und kurz vor Schluss, kurz vor Gegenwart im Angesicht der Enttarnung dem Ich wieder bewusst werden. Kapitel für Kapitel. Hart an der Psychose entlang. Anfang des dritten Drittels ziemliche Längen. Muss man durch. Wird wieder stark. Alles geschrieben in einer derart ziselierten Sprache, dass man immer wieder Absätze dreimal lesen will, um sie zu genießen. So viel Zeit hat keiner. Und: Wer soll all die Anspielungen begreifen, der nicht selbst dabei gewesen oder die halbe Reclam Klassik durchgeforstet hat? Egal. Wer Berlin zu jenen Zeiten erleben durfte, wird hier glücklich. Die anderen auch. Dieses Buch ist eine Obesession. Für Ausdauernde und zum ganz tief Reintauchen.

 

GEHWEGSCHÄDEN (Helmut Kuhn)

„Die große Teufelei unserer Zeit ist die Vagheit.“ Ein ganzes Buch voller Merksätze. Grandiose Studie über das Viertel der Hauptstadt, das sich wahrscheinlich am brutalsten verändert hat seit der Wende: zwischen Tucholsky/Linien/Schwedter/Schönhauser. Thomas Frantz ist noch übrig geblieben von früher. Jetzt versucht sich der prekär-freie Journalist mit mitte Fünfzig noch im Überleben zurechtzufinden. Zwischen Altvätern, Flipflops, Soho-Club, 24 Sorten Biokäsecreme, Anna Koschke. Seine Straßenbeobachtungen sind zum Schreien traurigkomisch. Ein Zille von 2010. Nach dem Alkoholzusammenbruch noch einem Liebe spüren. Wird natürlich nichts. Ein stiller Wutbürger zum Zujubeln. 434 Seiten zum Vorlesen – für alle, die den 24-Stunden-Postkarten-Rent-a-Bike-Coffee-Internetshop mit Geldautomat auch kennen. Und diejenigen, die sich entschließen, sich da nun auch noch für 5000 den m2 einzukaufen. Starkes Stück, dieser Wälzer.

 

Ich gegen Osborne (Joey Goebel)

Die Pubertät ist der Teufel. Wenn es noch einen finalen Beweis für diese These gebraucht hätte: Willkommen im Leben von James Weinbach. Außenseiter an der Osbone High in Vandalia, Kentucky. An allem interessiert, woran die anderen nicht interessiert sind. Nicht interessiert an Gangsta, Bässen, Spaß und Sex. 430 Seiten volle Verweigerung. Ein Tag, minutiös abgearbeitet. Voller Komplexe, Einbildungen, unnötiger Skandale und selbstgerechter Himmelhochjauchend-Trauer. Versöhnliches Ende – zum Glück. Einige Kritiker sagen: der neue Fänger im Roggen. Ganz das vielleicht nicht. Aber ein fast & furious read für trüber November-Tage. Joey Goebel ist ein toller Schreiber. Außenseiter sein Thema: Genau wie in Freaks oder auch Heartland. Immer wieder Charaktere, in deren Spiegel der mainstream seine mitunter schwer erträgliche Fratze zeigt. Zum Glück bleiben auch seine outsider keine vollsympathischen Helden. Sonst wär das Leben zu einfach. Gerne gelesen.

 

 1815 DER WIENER KONGRESS UND SEINE FOLGEN (Thierry Lentz)

Als vor 200 Jahren Napoleon besiegt wird, organisiert sich Europa neu. Was die Teilnehmer des Wiener Kongresses 1815 neben einer unfassbaren Spesenrechnung vollbringen: Statt der Demütigung des Kriegsverlierers ein europäisches Konzert, in dem ein Kräftegleichgewicht Frieden sichern sollte.

Was für ein außergewöhnliches Treffen in Wien: Hunderte Delegationen aus ganz Europa waren angereist, um zu entscheiden, wie der Kontinent nach dem Abzug von Napoleons Truppen aussehen soll. Der Direktor der „Fondation Napoléon“ in Paris, Thierry Lentz, hat über den Fortgang dieses diplomatischen Supergipfels ein spannendes und aufschlussreiches Buch geschrieben.

Das in Wien ausgehandelte „europäische Konzert“, wie er es nennt, versteht er als eine Art Sicherheitsrat „avant la lettre“. Denn von Beginn an nahmen England, Österreich, Russland und Preußen die Dinge in die Hand, früh mit wesentlicher Beteiligung Frankreichs – also des Kriegsverlierers (und hierin liegt auch ein entscheidender Unterschied etwa zu den Friedensverhandlungen 1918).

Viele Parallelen zum heutigen Zeitgeschehen lassen sich im Text entdecken (so möchte man im Auftritt von Zar Alexander den aktuellen Wladimir erkennen, der auch ähnliche Einflusssphären geltend macht). Vor allem aber zeigt Lentz: Die neue Sicherheitsarchitektur konnte nur so lange funktionieren, wie die damalige Supermacht England seine Rolle darin auch aktiv wahrnahm. Die folgen, als sich London aus dem europäischen Tagesgeschäft herauszuhalten begann, waren dramatisch. Die Parallele zur außenpolitischen Rolle der USA und ihrer Bedeutung für Europa liegt auf der Hand.

Dass neben der Neuordnung des Kontinents auch die Abschaffung des Sklavenhandels angeschoben wurde und ein diplomatisches Protokoll entstand, dass nachfolgende Konferenzen einfacher machte, gehört ebenso zu den übersehenen Ergebnissen des Kongresses wie die Regelung zwischen den Staaten über den freien Schiffsverkehr auf europäischen Flüssen, die später auch auf Grenzflüsse in den Kolonien angewandt wurden (wie bspw. den Kongo).

2015 jährt sich der Wiener Kongress zum 200. mal. Thierry Lentz hat nicht nur ein preisgekröntes Buch geschrieben, sondern auch ein überaus lesbares – lesenswertes.

 

DIE ERSTEN TAGE VON BERLIN – DER SOUND DER WENDE (Ulrich Gutmair)

„Im Moment der Befreiung ist die Freiheit am größten“ – könnte die Überschrift sein über die Tage gleich nach dem Fall der Mauer im November 1989. 25 Jahre ist das jetzt her. Und schon Geschichte. In jenen Tagen hatte sich in Berlin-Mitte alles neu geordnet und sprichwörtlich gefunden. Viele Gebäude leer – der Leerstand auch: Hort für Künstler, Musiker; Menschen, die den Verfall des neuen Berlin aufhielten, in dem sie die Ruinen mit Kreativität füllten.

Die erste Love-Parade. Die Blüte von Techno in Deutschland. Eine wahrhaft subversive Szene in Clubs, die teils längst vergessen sind – und teils als Touristenmahnmal zur Unkenntlichkeit verstellt… bevor geräumt (Tacheles). Wer sich auf eine Reise zurück traut in die magische Mitte Berlins, zwischen Alex, Oranienburger, Chaussee- und Invalidenstraße, der lässt sich mit diesem Buch vom Popkulturjournalisten Ulrich Gutmair an die Hand nehmen. Er hat diese kurze, außergewöhnliche, großartige, verträumte Zeit selbst erlebt und erzählt aus der Perspektive der Kulturbesetzer über die Transformation des städtischen Raums während der Wende-Jahre. Fein unterschieden die Besetzer-Typen: Alternativ-Ostler, Alt-Ostler, Einwanderer jedlicher Provenienz, Kreuzberger, Provinzler, undundund. Berührende, verqueere, lustige, erstaunliche Momente am laufenden Band.

Gutmair taucht tief in die Details, und man will, dass er weiter erzählt vom Friseur und vom WMF, vom Elektro, der KWV und den ersten Besetzern, die sich um ’89 daran machten, einem freien Raum einen neuen Lebensentwurf abzutrotzen als den offiziellen. Ein spannendes Stück Zeitgeschichte! Bleibt die Frage – was eigentlich bleibt von dieser Kultur? War’s das – eine schillernde wohlfühlige Partyerinnerung? Die Avantgarde hat einen Grundstein gelegt damals. Es liegt an uns Jungen, hier weiterzumachen, neue Räume zu definieren, mitten im verteilten Investorenkuchen.

 

BARRAKUDA (Christos Tsiolkas)

Die Welt liebt die Gewinner. Versager ernten bestenfalls Mitleid. Wer scheitert, hat ein riesen Problem. Wir erlauben uns immer weniger Fehler. Perfektion in allen Lebenslagen. Die Gesellschaft verhärtet langsam. Und deshalb sollten wir dringend übers Scheitern reden. Und wie wir damit umgehen. Denn Versager gehören auch zu uns.

Dieses Buch redet übers Versagen und den Versager: Danny Kelly, der alle Chancen hat, ein Schwimmstar zu werden in Australien. Und der beim entscheidenden Rennen nicht nur den Wettkampf verliert – sondern die Kontrolle über sein Leben. Ein Strudel nach unten, erschütternd, in Gewalt endend. Mitleid, das alles nur noch schlimmer macht. Nach 468 Seiten Loser-Marathon mit stellenweise Atemanhalten dennoch schließlich – soviel sei verraten – doch noch ein gutes Ende; man ahnt es auch und das hält einen bei der Stange.

A great read für den Strand oder lange Bahnfahrten. Und wieder die gar nicht banale Erkenntnis, dass der Gewinner nicht immer auf dem Treppchen steht – sondern ein gutes Herz hat. Das ist das wichtigste.

 

BLUTSBRÜDER (Ernst Haffner)

Wenige Bücher haben mich in letzter Zeit so gefesselt wie dieser – ja, was denn, Roman? Diese Dokumentation? Dieses Tagebuch? Jedenfalls authentisch geschildert wie aus der Zeitung: Die Abenteuer der Blutbrüder, eine Clique, eine Bande Jugendlicher, die sich in der Weimarer Republik durch die Hauptstadt schlägt. Und das war hart.

Heute kaum vorstellbar, was sich damals abspielte zwischen Invalidenstraße und Alexanderplatz. Wo heute Touristen die müde Mitte betrachten wie einen in die Jahre gekommenden Orang Utan im Tierpark. Es war die pure Not, zwischen Wärmestuben, Kriminellenkneipen, Prostitution und Knast. Und mitten drin eine Gruppe Jugendliche, die keine Perspektive hatten – außer, über den Tag zu kommen. Nicht zu verhungern, nicht zu erfrieren.

Über den Autor Ernst Haffner weiß man nicht viel, das Buch war überdies auch lange „verschollen“ – zum Glück hat jetzt jemand diesen Roman wiederentdeckt. Immerhin wusste man noch, dass es zu den Büchern gehörte, welche die Nazis 1933 verbrannt hatten.

Jetzt neu aufgelegt und – nicht nur für Berliner – ein ebenso bewegendes wie spannendes Stück Heimatkunde, das man nicht verpassen sollte!

 

THE TIPPING POINT (Malcom Gladwell)

The tipping point ist derjenige magische Moment, wenn eine Idee, ein Trend, eine soziale Bewegung eine unsichtbare Hürde nimmt – und sich ausbreitet wie ein Buschbrand. Ob es sich um Turnschuhe handelt, die plötzlich jeder trägt; oder um den sprunghaften Rückgang von Kriminalität in New York: Malcom Gladwell erforscht in dieser spannenden Studie, was es braucht, um dramatische Veränderungen zu erreichen.

Es ist die Frage, die Marketing- und PR-Experten ständig umtreibt. Und deren Antwort uns erklären könnte, weshalb plötzlich die halbe Welt in Hush Puppies rumläuft, wieso die Sesamstraße ein globaler Erfolg wurde oder wie die New Yorker es ebenso plötzlich geschafft haben, die Kriminalität auf ihren Straßen zu bekämpfen, indem sie begannen, die chronisch besprühten U-Bahnen vom Graffiti zu befreien.

Drei Faktoren spielen ein Rolle – soviel sei hier verraten: Es hängt vom Charisma der richtigen Leute ab; vom Kontext, in dem ein Trend entsteht; und schließlich davon, die sehr die Idee haftet. Wie das miteinander zusammenhängt, zeigt Gladwell leicht verständlich an einem Haufen psychologischer Experimente. Die uns einiges darüber erzählen, wie wir Menschen so funktionieren.

Gleichzeitig ist der Blick auf den Grund dieser Phänomene eine klasse Übung, um zu lernen, immer noch einmal genauer hinter der Nachricht und ihre Quelle zu schauen. Und quasi als Leckerli für zwischendurch: gibt’s massenhaft Partywissen im Text. Oder wissen Sie, wie hoch ein Stapel wird, wenn man ein Stück Papier 50mal faltet?! Sie können es nachrechnen: Bis zur Sonne.

Seit vielen Jahren fesselt Malcom Gladwell die Leser des New Yorker mit seinen Essays, unter anderem die Kritik der sozialen Medien Small change: Why The Revolution won’t be tweeted. The Tipping Point sind aufregende 272 Seiten für jeden, der verstehen will, wer – neben den großen Köpfen – diese Welt verändert.

 

DER KUNSTANSTIFTER (Helge Achenbach)

Student und Nachtwächter, Galerist, Sammler, Präsident eines Fußballvereins und Handlungsreisender mit besten Kontakten zu den berühmtesten zeitgenössischen Künstlern der Welt: Hier erzählt der umstrittene Düsseldorfer Kunstberater Helge Aschenbach, der ein Vermögen damit machte, Unternehmen für die Geschäftssitze Kunstwerke zu vermitteln.

In einer Art beruflichen Autobiografie aus Anekdoten schildert Achenbach spannend und kurzweilig aus dem Nähkästchen der Sammler, Galeristen, nicht zuletzt auch einiger weltberühmter Künstler. Vor allem die Berichte aus den 80er Jahren lassen dem unbedarften Leser den Mund offen stehen. Da öffnet sich eine Welt von Geld und zuweilen manischer Leidenschaft, Besessen- und Kühnheit, in die man nur selten Einblick bekommt.

Denn Kunst sammeln ist Leidenschaft, die bei manchen ins Verrückte umschlägt, was natürlich den Reiz der ganzen Sache nur erhöht. Zumal bei Kunstverrückten wie Achenbach selbst. Der einen in diesem Buch an die Hand nimmt zu seinen spektakulärsten Deals, Krimis fast, zu den Künstlern und Liebhabern, zu Divas und Geschäftemachern.

Gleichzeitig wird in jeder Zeile deutlich, dass nicht der monetäre Wert der Kunst dasjenige ist, was Achenbach, seine Konkurrenten und Mitstreiter in erster Linie bewegt, sondern der seelische, ästhetische, geniale Wert der Arbeiten.

Für jeden Ort das beste Werk zu finden, das ist die Achenbach-Mission. Plötzlich ist man hautnah dabei, wie Keith Haring das Foyer von Deutschlands fettester Werbeagentur aussprüht und sogar den Agenturchef sprachlos daneben steht. Wie Achenbach in Gerd Schröders Auftrag nach der großen Elbe-Flut 2002 eine hochkarätige Spendenauktion für die abgesoffenen Dresdner Museen organisiert. Oder wie er mit Gerhard Richter in Düsseldorf Räume einer Bank ausstattet – die später von Modeketten verhunzt werden.

In einer Zeit, in der – zumindest in der Hauptstadt – die Architektur an sich schon Kopfschütteln und mattes Entsetzen hervorruft, wagt man sich kaum vorzustellen, wie Künstler inzwischen auf Offerten reagieren mögen, den Schmonz auch noch auszustatten. Wenn man sie überhaupt fragt. „Achenbach, wir müssen demnächst für bessere Architektur sorgen,“ soll Richter ihn einmal gemahnt haben.

Da braucht es, das macht Achenbach immer wieder deutlich, Leidenschaft, Begeisterung und Kenntnis von Kunst bei einzelnen Mitgliedern in den Vorstandsetagen. Übrigens auch Toleranz. Nicht die tumbe Halsstarrigkeit eines Kardinal Meisner, der die Kirchenfenster im Kölner Dom von Gerhard Richter öffentlich schlechtredete, statt ein bisschen Stolz zu zeigen. Egal.

Ein fantastischer Wochenend-Schmöker, ein wirklich vergnügliches Stück Insiderwissen.

 

A MOVEABLE FEAST (Ernest Hemingway)

Alles beginnt mit einem Tag im Regen in Paris und an einem ebensolchen und genau dort sollte man dieses kurze Buch auch lesen. Es ist ein Tagebuch: Momentaufnahmen eines Schriftstellerlebens im Paris der 1920er Jahre. Allerdings nicht in Paris verfasst, wie man denken möchte, sondern erst Ende der 50er Jahre. Memoirenartige Essays,  die zum Wertvollsten der späten Hemingway Jahre gehören – am 2. Juli 1961 nahm er sich dann nach längerer Schaffenskrise und Krankheit das Leben.

In diesen Aufzeichnungen trifft man alle, die sich zu seiner Zeit in Paris noch so über Wasser hielten: Ezra Pound, Evan Shipman, Gertrude Stein, und viele andere. Manchmal schreibt er bösartig, manchmal wohlwollend und immer steht Hemingway selbst dabei ziemlich sauber da und korrekt und das glaubt man ihm nicht immer.

Erstaunlich: die klare, einfache Beobachtung, die Reduktion auf das Wesentlichen in der Beschreibung seiner Tage. Morgens schreiben, dann ausgehen, zum Mittagessen oder zur Pferderennbahn oder zu Frau Stein; und selbst wenn er sich selbst den Mittagstisch nicht leisten konnte, ging er trotzdem aus – damit er seiner Frau nicht beichten musste, das er kein Geld für den Besuch in einem der Schriftstellercafés in der Tasche hatte.

Ein gutes Essen, ein guter Tag am Schreibtisch, eine gute Ehefrau und Spaß im Bett – das ist nach Hemingway ein gutes Leben.

Ein wunderbares Lesevergnügen für ein Paris-Wochenende im Herbst. Zwar sitzen im Lilas heute nur noch Touristen und seine Buchhändlerin an der Seine lebt mit Sicherheit auch nicht mehr, aber ein eau de vie auf den Meister sei sich doch gegönnt und für die Romantik sorgt ja der Text.

If you are lucky enough
to have lived in Paris  as a young man,
then whereever you go fort he rest of your life,
it stays with you,
for Paris is a moveable feast.

(Hemingway 1950 an einen Freund)

 

WORKING WITH BERNSTEIN (Jack Gottlieb)

Jack Gottlieb hatte das außergewöhnliche Glück, jahrelang Assistent eines der größten Musiker des 20. Jahrhunderts zu sein. Und damit Tage, Nächte, Wochenenden, Konzerte, den Wahnsinn, die Freude und den Ärger von Leonard Bernstein (1918-1990) zu teilen. In diesem Buch erzählt er davon. Must have für den interessierten Musikwissenschaftler – da geht es teilweise tief in die Partituren. Für alle anderen ein leider chaotischer, oft aber amüsanter chitter chatter. In jedem Fall ein faszinierender Blick hinter die Kulissen, der zeigt, welche Anstrengungen und welches Genie im Leben eines wahren Stars stecken.

 

THE ART OF FIELDING (Chad Harbach)
Ein junges Baseball-Ass bekommt bekommt die große Chance an einem kleinen College im mittleren Westen der USA. Er macht nie einen Fehler. Die Scouts reißen sich um ihn. Doch die größte Chance seines Lebens kommt in größte Gefahr. Als ein einziger Wurf – danebengeht.
Auch diejenigen, die bisher verständnislos in einem amerikanischen Motel ein Baseballspiel im Fernsehen zu verstehen versucht haben, finden in diesem College-Roman eine schillernde Metapher: Manchmal ist es nur ein Augenblick, der Dein Leben komplett in Frage stellt. Der Dich an allem zweifeln lässt, was grade noch richtig schien. So geht es den fünf Protagonisten in diesem Buch – dem Skrimmer und den vier Menschen, die ihm am Westish College am nächsten stehen. Eine packende Collage und gleichzeitig Debut des n+1 Magazin-Mitgründers Chad Harbach. Ein großartiger Schmöker, der einen verstehen lässt, was hinter der Leidenschaft am Baseball steckt. Und den man bis zur letzten Seitenicht aus der Hand legen möchte. Ideal für den Urlaub und lange Bahnfahrten.

 

CAFE PARADIES (Slavenka Drakulic)

Grade jetzt! Weil grade alle damit beschäftigt sind, andauernd und aufgeregt über Bankenrettung und Eurorettung zu reden, ist dies ein fantastischer Moment, im Antiquariat nach einem bemerkenswerten Buch zu fragen, das die fantasielose Europapolitik aus Berlin, Paris, Athen, Madrid und schließlich London mit einfachen Worten zum eigentlichen Kern zurückführt.

Wie das? Indem die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic in einer Reihe von wunderbaren Reportagen den Blick auf das Wesentliche der europäischen Idee richtet. Und dieser Blick aufs Wesentliche – das wird bei der Lektüre klar – ist dem politischen Personal der Krisenländer offenbar abhanden gekommen.

Kroatien ist seit 2013 Mitglied der EU. Das war ein Moment, auf den viele Kroaten lange gewartet hatten. Europa war für sie eine Verheißung, zumal vor 1989. Viele Ost-Europäer wollten damals einer Wertegemeinschaft beitreten. Um die kommunistische unfreie Vergangenheit hinter sich zu lassen. Natürlich spielte auch der Traum von unbegrenztem Konsum und wirtschaftlicher Entwicklung eine große Rolle.

Aber eben nicht die einzige.

Die EU hatte gezögert. Nicht nur, wegen der Jugoslawienkriege, die bis 1995 den Balkan erschütterten und zu schrecklichen Massakern und Verwerfungen führten. Die Zurückhaltung seitens der EU hatte natürlich wirtschaftliche Gründe. Das Wirtschaftssystem EU musste den Ostblock auch verkraften können.

Heute zeigt sich, dass Europa die neuen Mitgliedstaaten aus Osteuropa wesentlich besser verträgt als die Banken- und Schuldenpolitik der alten Mitgliedstaaten.

Dramatisch ist dabei, dass die Wertegemeinschaft Europa inzwischen bei einem Großteil des politischen Personals und in der Wahrnehmung vieler Europäer offenbar vorrangig keine Werte- sondern nur noch eine eine Finanz- und Wirtschaftsgemeinschaft ist.

Es geht nur noch ums Geld. Um Banken. Um Rettungsschirme. Um Wachstumsprogramme. Doch diese Sicht auf Europa ist Gift für Europa.

Wer selber erlebt hat, wie die Schlagbäume fielen und Völker von Tallin bis Sofia ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, fragt sich, wie es nur kommen konnte, dass hiervon längst nicht mehr die Rede ist. Der Beitritt Kroatiens, eines noch vor 20 Jahren von einem schlimmen Bürgerkrieg gebeutelten Landes, war in diesem Jahr ein beinahe beiläufiger Termin. Als hätten wir die ganze Unfreiheit längst vergessen und verdrängt.

Wer im Essayband mit dem Titel „Café Europa“ liest, welche Hoffnungen vor allem die Menschen aus dem Ostblock an Europa hatten, schämt sich, wenn er die derzeitige deutsche Europapolitik in Augenschein nimmt. Deutschland ist Motor in Europa. Nicht nur wirtschaftlich. Was wir sagen, hat Gewicht. Nutzen wir das? Stehen wir für freiheitliche Werte in Europa ein? Was lassen wir beispielsweise hören, wenn Orban sich in Ungarn aufführt wie ein antidemokratischer Nationalchauvi? Wieso geht’s um PKW-Maut aber nicht um einen Export von Bürgerrechten und demokratischen Werten?

Dass alle Staaten vernünftig haushalten und den Finanzsektor nachhaltig regulieren, ist in der Tat alternativlos. Doch das sind lang bekannte Hausaufgaben. Da sollten wir uns im übrigen zunächst an die eigene Nase fassen.

Die andauernde Reduzierung des Europa-Diskurses auf die sogenannte “Schuldenkrise”, die in Wahrheit immer noch eine “Banken- und Schuldenkrise” ist, macht die europäischen Idee geschichtslos – und das ist für uns alle hochgefährlich: denn damit verschwindet auch unsere Pflicht, für dieses Europa Verantwortung zu übernehmen.

Die Stärke von Draculic’ Essays ist, dass wir in ihnen lesen können, warum es sich lohnt, sich die gute Friedensidee von Europa immer wieder vor Augen zu halten. Ein zivilisierter Aufbruch in eine friedliche gemeinsame Zukunft. Sich dies immer wieder zu vergewärtigen: Dabei hilft diese wunderbare Essay-Sammlung, die aktuell ist wie vor 20 Jahren.

 

DIE UNERSÄTTLICHEN (Greg Smith)

Für diejenigen, die den Buchdeckel nach der letzten Seite mit einem „puh!“ und einem Kopfschütteln zuklappen, steht fest: Der Name Goldman Sachs steht nicht nur für eine der erfolgreichsten Investmentbanken der Welt. Er ist längst Sinnbild eines Kapitalismus geworden, der vor allem sich selbst verpflichtet ist. Für Laien ist es unmöglich zu verstehen, was hinter der Fassade der Firmenzentrale in Manhattan passiert. Der ehemalige Goldman Sachs Manager Greg Smith beschreibt jetzt in einem großartigen und spannenden Bericht, wie sich die Philosophie innerhalb des Unternehmens in den vergangenen zwölf Jahren gewandelt hat – und gibt damit eine (unter mehreren) Erklärungen ab für den Verlauf der globalen Schulden- und Finanzkrise.

Als Student lernt Smith ein Unternehmen kennen, dass dem Kunden und seinem eigenen Ruf verpflichtet ist. Doch mit der Zeit, so schreibt er, ändert sich mit dem Personal auch das Selbstverständnis im Haus. Goldman Sachs wirtschaftet immer mehr für den eigenen Erfolg: die Mentalität der Händler orientiert sich immer weniger am langfristigen Erfolg – und immer mehr an Deals, die möglichst hohen Gewinn in die eigenen Kassen spülen. Ahnungslose und/oder dumme Kunden werden dabei gnadenlos ausgenutzt. „Kunden“ sind dabei solche Unternehmen, die wiederum die Pensions- und Rentengelder von uns allen anlegen. Man möchte sich die Haare raufen, wenn man liest, wer da wem auf welche Weise unser Erspartes anvertraut.

Die Krisen tragen laut Smith nicht dazu bei, dass sich ein Sinneswandel einstellt – im Gegenteil. Schade, dass die amerikanische Immobilienkrise im Bericht fast links liegen bleibt. Hoch interessant aber auch, wie der Blick von außen fast nebenbei die europäische Finanz- und Schuldenkrise gerät: „Die ganzen nuller Jahre hindurch wurden an der Wall Street komplexe Derivate entwickelt, um europäischen Regieruzngen wie Griechenland und Italien zu helfen, ihre Schulden zu verstecken und ihren Haushalt gesünder aussehen zu lassen, als er wirklich war. (…) Die Weigerung, diese Probleme anzugehen, gipfelte dann in der europäischen Schuldenkrise.“

Verrückt wird es, als Smith beschreibt, wie der eine Teil von Goldman Sachs später Hedgefonds dabei half, vom Chaos in Griechenland zu profitieren – und ein anderer Teil der griechischen Regierung Hilfe bei der Bewältigung der Schuldenkrise anbot.

Als Smith später für Goldman Sachs nach London wechselt, erlebt er dort noch eine härtere Gangart. Zynismus paart sich mit Aggression. Kunden werden „Trottel“ genannt. Angestellte, nicht einmal 30 Jahre, spotten über Vertreter von Firmen, die die Pensionen von Millionen Menschen anlegen. Smith beschließt, auszusteigen – und vertraut seine Geschichte zunächst der New York Times und schließlich uns, den Lesern an.

„Ich bin bekennender Kapitalist (…) Ich glaube nicht, dass Kapitalismus automatisch bedeuten muss, ethische Grenzen so weit wie möglich auszudehnen. Und auch nicht, dass es notwendig ist, Kunden zu täuschen, um größtmögliche Erträge zu erzielen. Ich glaube an ein Geschäftsmodell, das langfristig ausgerichtet ist – dem eine treuhänderische Verantwortung innewohnt, die darauf beruht, dass man Kunden anständig behandeln muss.“

Die Botschaft im Buch: Hinter „der Finanzwirtschaft“ stecken reale Menschen, die in einem enorm einflussreichen Geflecht von Firmen Entscheidungen treffen, die in einem bestimmten Mitarbeiterklima reifen. An dieser Unternehmenskultur gilt es anzusetzen. Hier sind klar politische Grenzen gefragt, da die Unternehmen selbst zur Reform offenbar schwer fähig sind. Wenn das Durchschnittsalter von 30.000 Goldman Sachs Mitarbeitern 3 Jahre beträgt, bekommt man einen Eindruck von dem Durchlauferhitzer in diesem Haus – und dem Druck auf den Angestellten. Wie soll da langfristiges, nachhaltiges Wirtschaften zu erwarten sein, fragt man sich nach der Lektüre.

Man möchte hoffen, dass nicht nur Banken und Versicherungen dieses Buch gelesen haben, und wirklich wissen, genau mit wem sie genau welche Geschäfte zu wessen Nutzen in unserem Namen machen. Zum Schluss noch interessant: die ungewöhnlich engen Kontakte der Bundesregierung zu Vertreter von Goldman Sachs.

 

TRÜBSAL EINER STRAßENBAHN (Joseph Roth)

Wer auch immer sich in Berlin über spießige Stadtväter und Nachbarn beschwert: Alles schon mal da gewesen. Das sind die von heute betrachtet lustigen Momente in den Stadtfeuilletons des österreichischen Erzählers Joseph Roth aus dem Berlin der 1920er Jahre.  Zum Beispiel die Empörung darüber, dass der Rummel 22 Uhr schließen soll, weil sich die Großstadtmenschen vom Lärm belästigt fühlen. Über die hohen Mieten, unter denen die Berliner ächzen, weil es zu wenig Wohnraum gibt. (Berlin braucht Wolkenkratzer, wie Chicago, von denen hat man gehört, das könnte doch die Platzprobleme lösen!) Oder wie er sich über die Herren mokiert, die 1922 tiefe Kragen zeigten, Schulterpolster und bunte Socken – man denkt, es handelt sich um Vorzeithipster. Wunderbar die Schilderungen aus den Kaschemmen in Mitte, und den Charakteren, die sich dort herumtreiben.

Doch dazwischen stehen immer wieder auch: Beschreibungen großer und bitterer Armut. Arbeitslosigkeit, hungernde Kinder, Obdachlose, eine offen siechende Stadt. Kontrastprogramm zum unfassbaren Reichtum am Kurfürstendamm. Schließlich: Die Braunhemden, die immer öfter auf den Straßen auftauchen – und die den Autor am Ende aus dem Land ekeln. Dazwischen Eindrücke von Reisen ins Ruhrgebiet; wo die Armut noch (!) grässlicher ist, die Städte in dichten Rauch gehüllt – sofern die Fabriken überhaupt laufen. Die Inflation, die es unmöglich macht, mit Milliarden ein Bier zu bezahlen.

Roths Berichte erzählen an alltäglichen Begebenheiten viel über den Zustand einer zerschlissenen Gesellschaft nach dem ersten Weltkrieg, die geradewegs in die Dumpfheit, in üblen Antisemitismus, in den braunen Sumpf hineinschlittert.

Im Nachwort beschreibt Herausgeberin Wiebke Poromka einen gerne ziemlich betrunkenen urbanen Detektiv, der nicht (wie man gemeinhin hört) in KuK-Geschichten verhaftet war, sondern mit wachem Blick, obwohl er Berlin nicht sonderlich mochte, die gesellschaftlichen Extreme dieser Metropole zwischen zwei Weltkriegen in zum Teil brillante Stadtfeuilletons übersetzte.

 

DIE KREISENDE WELTFABRIK (Else Lasker-Schüler, hg. von Heidrun Loeper)

Keine leichte Kost: aber aufregend. Was für konzentrierte, poetische, witzige und tragische Texte – was für eine wache Welt öffnet sich auf diesen wenigen Seiten: über Berlin, die aufstrebende Stadt, über ihre Bewohner – und über die Autorin: Else Lasker-Schüler. Dichterin, Künstlerin, Kabarettistin, eine Koböldin des ausgehenden 19. Jahrhunderts; innerhalb weniger Jahre bewohnt sie etliche Wohnungen in Charlottenburg und Wilmersdorf und Mitte, zieht einen Sohn groß, testet Wohngemeinschaften und pflügt dabei durch das intellektuelle und künstlerische Innenleben einer enorm expandierenden, pulsierenden, aufgeregten Stadt. Sie ist mitten drin, kennt sie alle, redet mit allen, steht im Zentrum der erwachenden Moderne.

Ihre Texte zu lesen ist wie ein sonniger Sommer-Nachmittag zwischen Malern, Dichtern, Schauspielern, Lebensgrößen, die neugierig sind auf die Gegenwart, unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg. Mögen sich 1914 eine Reihe von Künstlern wie Franz Marc begeistert diesem Wahnsinn hingegeben haben – Else Lasker-Schüler war gegen den Krieg. Schon die eigene Existenz schlitterte immer nah am Abgrund vorbei: am Existenzminimum, an emotionalen Grenzen: zwei Ehen scheitern. Zwischen den Kriegen stirbt mit 27 Jahren der lungenkranke Sohn, den sie finanziell fast nicht mehr zu unterstützen vermochte. 1933 flüchtet sie vor den Nazis nach Zürich und stirbt schließlich 1945 in Jerusalem.

Der kleine Ausschnitt ihres Werks vermittelt einen eindrucksvollen Blick auf eine Persönlichkeit, von deren Format es heute viel zu wenige gibt in diesen überdosierten, globalisierten, hochtourigen, und gleichzeitig doch entleerten Zeiten. Die Personen, die wir in diesen Texten kennenlernen, vermitteln einen Experimentiergeist, eine Revolte der Emotion, einen Mut zum Ausprobieren, den man heute vermisst. Mögen die Verheißungen des Konsums noch so bunt und verführerisch sein: das Ringen um ein anderes, kreativeres, gelebteres Leben vermögen sie nie zu ersetzen.

 

MEINE WUT IST JUNG (Gerhart Baum)

Es gibt Debatten in der Netzgemeinde, die zwar von Digital-Spezialisten mit großer Verve geführt werden – und von vielen anderen, nicht zuletzt auch den meisten Politikern, eher skeptisch beäugt werden. Motto: Was diese facebookfreaks mit ACTA und Datenspeicherung und Überwachung nur wieder wollen; das ist doch alles nur Verschwörungstheorie.

Umso überraschender, wenn man die “Bilanz eines politischen Lebens“ des ehemaligen Innenministers Gerhart Baum (sozialliberal) vertilgt. Der ist grade 80 Jahre alt geworden und schreibt nun so, wie die meisten Innenminister nicht reden würden: Für eine strikte Kontrolle der Beobachtungspraktik, derer sich der normale User von Staat und Wirtschaft zunehmend ausgesetzt sieht.

Baum beschreibt sein politischen Wirken vor allem als Reaktion auf den Nationalsozialismus: der nicht nur das Land, sondern auch die Zivilgesellschaft in Deutschland von innen heraus und nachhaltig zerstört hatte. Hier berichtet einer, der vor allem fest an eine freiheitliche Grundordnung glaubt – und nicht an staatliche Überwachung. Auch, wenn der Terror von links, religiös und rechts es zuweilen schwer machte, diese Positionen öffentlich zu vertreten. Das braucht Standfestigkeit.

Für genau diese Absätze lohnt sich dieses Buch. Baums Erinnerungen sind nämlich eigentlich hoch aktuell. Sie zeigen, dass die scheinbar neuen Problemstellungen für eine offene und freiheitliche Gesellschaft, die wir durch das Internet erfahren, viel älter sind; bereits oft durchgefochten wurden; und dass es deshalb wichtig ist für Netzgemeinde und Politik, Vorratsdatenspeicherung, ACTA usw. nicht als neues „Netzproblem“ zu begreifen, sondern als weiteres Kapitel einer seit 1945 geschriebenen Geschichte einer freien Bürgergesellschaft.

 

KLEIST (Adam Soboczynski)

Das hier ist ein Glücksfall für alle, die sich gähnend Germanistik-Vorlesungen entzogen haben. Dieser Kleist als Splatter-Romantiker? Vom im Untergang gefundenen Glück handelt dieser Essay über den Schriftsteller Heinrich von Kleist, den Marcel-Reich-Ranicki einen Sonderfall nannte, ein „Genie und Narr“ gleichermaßen.

Der ZEIT-Journalist Adam Soboczynski charakterisiert Kleist als einen Krieger in der Kunst und einen Verlierer in der Liebe. Diesen Luxus konnte sich um 1800 natürlich nicht jeder leisten: Ein Dichter, der halb Europa durchreiste, sich dabei immer wieder von seiner Schwester aushalten ließ und sich ausgiebig im eigenen Versagen erging. Selbstmordandrohungen waren an der Tagesordnung. Es ist ein wenig sympatisches Bild, das Soboczynski in seinem wunderbar leicht und ironisch, glatt unterhaltsamen Text vom allround-Versucher Kleist zeichnet.

Soboczynski beschreibt einen Dichter unter enormem selbst aufgebürdeten Erfolgsdruck – ausgestattet mit einem veritablen Minderwertigkeitskomplex und teils absurden Geltungsbedürfnis, das immer wieder in teils blutigen Todesfantasien gipfelt: „Dem Untergang ringt Kleist auf obszöne Weise Heiteres ab. Der standesbewusste Aristokrat Kleist feiert soziale Gleichheit, wenn es für niemanden nichts mehr zu verlieren gibt.“

Ein Essay für einen kalten Winterabend auf dem Sofa; und beste Motivation für einen Ausflug nach Frankfurt an der Oder, unweit von Berlin, wo die Geschichte Preußens unablässig zügig Richtung Ostsee fließt.

 

DIE STILLE REVOLUTION (Mercedes Bunz)

Eins der stärksten Bücher zur Digitalisierung unseres Lebens. Weil es die Digitalisierung einordnet in historische Entwicklungen. Ein weiterer technischer Schritt, ist das Argument, mit dem wir also zurecht kommen müssen – und werden.

Die Journalistin hat sich einige Zeit in die British Library eingeschlossen, um dort – durch eine wacklige Internetverbindung vor größerer digitaler Ablenkung gefeiht – eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die digitale Revolution die Menschheit verändert. Auf gute Weise, ist das Ergebnis, die Menschen müssen nur die Chancen nutzen; die Zeit lässt sich ohnehin nicht zurückdrehen.

So wird die Analyse “Die stille Revolution” zu einem Manifest: für eine aufgeklärte Nutzung digitaler Medien und Techniken für eine aufgeklärtere, aktive, politisch engagierte Generation. Dabei bleibt allerdings einiges ungeklärt:

Wir digitalen Normalos leiden unter einem Diktat der Effizienz, dem wir durch unsere Tablets und Smartphones lustvoll ausgeliefert sind. Dabei ist es wurscht, ob dies freiwillig geschieht oder nicht, es ist meist so. Gleichzeitig sind wir zu kritischerer, aufmerksamerer, aktiverer Nutzung von Medien aufgerufen. Klingt gut, doch in Wahrheit haben wir immer weniger Zeit für Inhalte und deren mündige Einordnung. Und: Warum sollten wir uns dafür mehr Zeit nehmen als vielleicht früher?

Nutzen wir unsere Zeit richtig, die wir in sozialen Medien auf der Suche, der Produktion und der Einordnung digitaler Inhalte sind? Warum machen das nicht wie bisher Spezialisten und wir haben dafür Zeit für anderes Engagement?

Dazu kommt ein zweites Dilemma der fragmentierten Wahrnehmungsöffentlichkeit: Wie denkt eine digitale Öffentlichkeit über Themen, die uns alle angehen, wenn sich jeder in seinem digitalen Diskurs einigelt?

Und vor allem: Ist die Masse der digitalen Öffentlichkeit wirklich von einer „ganz anderen Qualität als jene der industriellen Öffentlichkeit“? Ist der Leser in den vergangenen 30 Jahren tatsächlich mündiger geworden?

„Die Digitalisierung bietet uns heute die Möglichkeit, eine andere Zukunft zu gestalten. Und aus ihr wird, was wir aus ihr machen.“ – so schließt Mercedes Bunz ihr großartiges Buch, das jeder lesen sollte, der dieser digitalen Neuordnung allzu kritisch oder allzu euphorisch gegenübersteht. Am Ende allerdings scheint es doch die Zeit für das analoge Engagement zu sein, dass unserer Welt ein wenig besser macht.

 

THE IMPERFECTIONISTS (Tom Rachman)

Alle reden über das Zeitungssterben. Wenn eine Zeitung eingeht, stirbt nicht nur ein Titel, sondern ein ganzer Kosmos. Eine Zeitung ist nicht einfach ein toter link im Netz. Es ist, als legt jemand Geliebtes den Telefonhörer auf – und es bleibt nur Stille. Tom Rachman beschreibt das Innenleben eines Blattes, das (1950 in Rom gegründet) seine besten Tage, seine besten Momente und leider auch seine Bestimmung längst hinter sich hat.

Eine wunderbar zu lesende Reflektion dessen, was sich am Kiosk längst abspielt. The Times, They Are A Chanin’ – und die Schwierigkeit ist für die Blätter heute, mit der Aktualität zu leben, daraus immer wieder eine eigene Bestimmung zu ziehen, den eigenen Charakter dabei nicht zu verleugnen und vor allem (und das ist die Aufgabe des Verlegers) achtsam das Geschäftsmodell nicht aus den Augen zu verlieren. Genau das ist in den vergangenen Jahren geschehen. Wenn Matthias Döpfner jetzt seine Kollegen um eine gemeinsame Strategie bittet, ist das ein SOS-Ruf, der Jahre zu spät ertönt.

Zurück bleibt eine Leserin, die noch Lesestoff vor sich hat. Weil sie diejenige ist, die das Blatt wirklich vom ersten bis zum letzten Blatt liest. Das dauert. Gemeinhin länger als einen tag. Das Weltgeschehen ist längst weiter. Doch sie lebt in einem Paralleluniversum – das eine solche Zeitung zuweilen zu werden droht.

 

GAME CHANGE (John Heilemann & Mark Halperin)

Nachdem last-minute-Krimi neulich nochmal das wahre Drama von 2008 revisited. Natürlich ist es nicht das im Klappentext verheißene race of a lifetime – allenfalls für die Beteiligten Obama, Clinton, McCain und vielleicht Palin. Doch die New Yorker Journalisten sezieren minutiös in der SPIEGEL-ich-war-Mäuschen-Manier den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008. Dem Vorwurf, das Buch sei so Insider wie die politische Klasse, kann man getrost entgegenhalten, dass es dadurch einen plastischen Blick wirft darauf, wie eine Präsidentschaftskampagne funktioniert. Aus Ikonen werden plötzlich Menschen und das macht diese Reportage zu einem spannenden politischen Lehrstück.

 

THAT USED TO BE US (Thomas L. Friedman & Michael Mandelbaum)

Grade jetzt, wenn Amerika über seine kommenden vier Jahre entscheidet, lohnt es sich, mal wieder „The West Wing“ zu schauen. Wie es da dem Stab des Präsidenten immer wieder gelingt, mit markigem Auftreten und politischem Geschick Mehrheiten zu stemmen für Gesetze.

Und dann mal mit heute vergleichen: Die USA, ein Land vor mittlerweile schweren Herausforderungen; nahezu unfähig, zu politischen Entscheidungen zu kommen. Weil ein wesentlicher Faktor der amerikanischen Politik nicht mehr funktioniert: Der Kompromiss über Parteigrenzen hinweg zu einzelnen Themen.

Obama ist – seine Schwäche hin oder her – einer einmaligen Blockade der Republikaner ausgesetzt; diese wiederum durch eine heillos rückwärts gewandte und populistische Tea-Party-Bewegung getrieben. Das wäre nur halb so schlimm, würde das Land nicht vor riesigen Problemen stehen, die Starkolumnist Thomas L. Friedmann und Außenpolitik-Experte Michael Mandelbaum in ihrer großartigen Analyse „That Used to Be Us“ auf 360 Seiten auflisten – die sich lesen wie ein verzweifelter Ruf zur Besinnung.

Sie beschreiben eine Politik, die nicht mehr effizient Probleme erkennt, angeht, löst. Die sich nicht kümmert um die größten Probleme Bildung, Defizit und Schulden sowie Energie und Klimawandel. Um eine Antwort der USA auf die Globalisierung und (nach dem kalten Krieg) auf eine neue Weltordnung. Die aufgegeben hat, die amerikanische Größe aufrechtzuerhalten. Der Grund für den Stillstand: Die Politik ist gespalten und in Feindschaft erstarrt.

Fiedman und Mandelbaum beschreiben zu Beginn, wie in China neue Städte und Flughäfen in rasender Schnelle aufgebaut werden – während in ihrer Heimatstadt die öffentliche Infrastruktur verkommt. Und starten dann zu einer Generalabrechnung, die beweist, wie ihr Land auf allen Ebenen langsam vor die Hunde geht. Die Sozial- und Bildungsmisere haben amerikanische Militärs inzwischen zur Gefahr für die innere Sicherheit erklärt: Weil nicht mehr genügend fähige junge Männer für den Dienst in der US-Army zu finden sind.

Das schlimmste bei all dem: Es hat sich Resignation breit gemacht, „People have sort of gotten used to it.“ Dieser Satz steht am Beginn des Buches. Wir sollten ihn aufmerksam lesen.

Egal wer es am Ende wird: Die Aufgabenliste für den nächsten Präsidenten ist lang. Und der Weg zum Erfolg wird nicht einfacher. Einer seiner Berater gibt in der fünften Folge der ersten West Wing Staffel seinem Präsidenten nach einem langen Tag mit auf den Weg: „We’ve been speaking more and more of enemies lately.“ Das war eine Vorsehung des wahrscheinlich größten Übels, das die Amerikaner heute lähmt.

 

THE RIGHTEOUS MIND (Jonathan Haidt)

Es ist doch immer so, dass sich die Fans einer Partei fragen, warum die anderen so anders denken. Die verblüffende Antwort des amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt: Es ist angeboren. Grob gesagt. Das allerdings ist nur eine Nebenbeierkenntnis seiner Studie „The righteous mind“, was übersetzt etwa bedeutet: Der gerechte Sinn. Gerade jetzt im Endspurt des US-Wahlkamps eine spannende Lektüre.

Wenn sich viele Europäer fragen, warum die Demokraten offensichtlich Schwierigkeiten haben, Mitt Romney zu schlagen, dann liegt die Antwort nicht nur in der gern übersehenen schwachen Präsidentschaft eines von seinen Erwartungen überforderten Barack Obama (seien sie selbst geweckt oder an ihn gestellt). Es liegt, so der Psychologe, auch daran, dass die Psychologie für die Republikaner spricht. Nicht nur, weil Wähler eher ihrer Intuition vertrauen und dann ihrer Erkenntnis – was linke Wahlstrategen oft übersehen und rechte ebenso gnadenlos wie erfolgreich ausnutzen. Sondern weil linke Wahlkämpfer weniger moralische Ebenen ansprechen als konservative.

Linke sprechen nur drei moralische Konflikte an: Fürsorge/Verletzung, Freiheit/Unterdrückung und Fairness/Betrug. Konservative dagegen sprechen noch drei weitere moralische Konflikte an: Loyalität/Verrat, Autorität/Subversion und Unverletzlichkeit/Degradierung.

Konservative sehen dabei „Freiheit“ anders als Linke, die sich mehr für Freiheit auch von Minderheiten einsetzen. Und: Linke sind wie Konservative Fan von Fairness, doch Forderungen wie „Wer mehr arbeitet, soll auch mehr verdienen!“ stehen sie ambivalent gegenüber.

Wer an Haidt’s Thesen zweifelt, schaue sich die Wahlplakate der vergangenen Jahre – und die Wahlergebnisse an. Haidt spart in diesem Wälzer (419 Seiten) nicht mit detaillierten Beschreibungen seiner Studien; doch vielleicht möchte der eine oder andere schon wissen, weshalb in der Tat, „gute Menschen gespalten sind von Politik und Religion“ – wie der Untertitel bemerkt. Zumal in der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

 

MEIN VERSPIELTES LAND (Paul Lendvai)

Europa hat viele Sorgen und wenig Zeit und deshalb bleibt bei vielen nur ein verständnisloses Kopfschütteln für das, was sich derzeit in Ungarn abspielt. Der Weg der Regierung Orban ins Abseits ist erschreckend aber nicht überraschend. Weder 1945, noch über 1956, 1989 oder die Zeit danach haben die Ungarn verarbeitet. Lieber totschweigen, was unangenehm ist, ist die Devise.

Der österreichische Journalist Lendvai beschreibt in diesem engagierten Buch, wohin diese Kultur des Verschweigens führt: nämlich zu einer politischen Unkultur, in der Menschen mit unterschiedlicher politischer Überzeugung nicht mehr miteinander reden können. Extremismus in politischen und gesellschaftlichen Fragen ist eine der Folgen. Genährt noch von einem schwer verständlichen Minderwertigkeitskomplex der Ungarn, blüht an der Donau ein widerlicher Antisemitismus und Hass auf Minderheiten selbst bei jungen und gut ausgebildeten Ungarn, der diesem stolzen Land nicht zur Ehre gereicht.

Es ist ein trauriges Zeugnis eines im Diskurs verarmten Landes. Es tut weh, dies zu lesen.

 

ARME MILLIARDÄRE (Thomas Frank)

Warum läuft ein Gutteil der amerikanischen Mittelklasse einer rechten Bewegung hinterher, die ihr zwar nach dem Munde redet – aber Politik nur für eine ausgewählte Elite macht? Warum unterstützen viele in der Mittelschicht mit Romney einen Kandidaten, der nicht weiß, was die Mittelklasse verdient, die Hälfte der Wähler als Opfer bezeichnet und reich wurde in einer Industrie, die mit dazu beigetragen hat, dass sich die Amerikaner in einer der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrisen ihrer Geschichte befinden?

Offenbar gibt es eine stimmgewaltige Verlautbarungsmaschinerie, die dafür zuständig ist, die Politik der Republikaner (genauer: die Ideologie der Tea-Party Bewegung) der Mittelklasse schmackhaft zu machen. Es sind Talk-Radio Ikonen, Fernsehmoderatoren und Politiker, die als Angstmacher mit verdrehten Wahrheiten Panik unter einer verunsicherten und zum Teil schlecht informierten Bevölkerung schüren. Mit geschickt gestreuten Halbwahrheiten und gebetsmühlenartig wiederholten Lügen machen diese rechten Kommentatoren Stimmung gegen den vermeintlichen „Sozialisten“ Obama, sähen Hass und ernten ungeahnte Erfolge.

Der amerikanische Publizist Thomas Frank versucht in seinem Essay „Arme Milliardäre!“, den Erfolg der Tea-Party aus der Argumentation ihrer Protagonisten heraus zu verstehen. Frank will diese Rhetorik ernst nehmen – und regt sich dennoch über sie auf. Man sieht zwischen den Zeilen deutlich sein schmerzverzerrtes Gesicht. Verschwörungstheorien zu begegnen ist anstrengend. „Immer, wo Fakten und ideologische Vorurteile einander widersprechen, gewinnen die ideologischen Vorurteile,“ konstatiert er auf Seite 111. Und versucht dennoch – fast hilflos – jenen ideologischen Vorurteilen Fakten entgegenzusetzen. Keine leichte Aufgabe. Da werden „die da oben in Washington“ als Feindbild gemeinsam mit „denen von der Wall Street“ in einen Topf geworfen. Da werden der freie Markt und die Religion des unregulierten Kapitalismus mit genau soviel Ideologie verteidigt, wie die ewig-gestrigen von der Möglichkeit eines perfekten Kommunismus träumen.

Gleichzeitig jedoch nutzt die Tea-Party-Politik des freien, nicht regulierten Markts allein dieser „Wall Street“-Elite. Und lässt sich dazu noch genau von dieser Elite bezahlen. Sie wollen die Revolution gegen eine vom Staat gepäppelte Elite – angeführt von dieser Elite selbst. Sie sind der Wolf und verkleiden sich im Schafspelz. Selbstmitleid und Verfolgungswahn scheinen dabei die zentralen Eigenschaften der Tea-Party-Anhänger zu sein.

Die ideologischen Gräben in den USA scheinen inzwischen irreal unüberwindbar. Dabei nutzen die Tea-Party-Jünger dieselben Argumente, so analysiert Frank, die in den 30er Jahren die Linke gegen die Banken nach dem Crash 1929 gebracht hatten. Es ist absurd. Die Bereitschaft, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen sinkt mit dem Grad an Ideologisierung. Das Land zu einen und diese ideologische Gräben zu schließen, ist Obama bisher nicht gelungen.

Im Gegenteil. Er hat einen Teil seiner Politik auf dem Altar der Ideologie geopfert. Frank zeigt anhand der Gesundheitsreform, wie sich die Demokraten unter dem Druck der Rechten von ursprünglich progressiven Linien verabschiedeten, um vom Volk Beifall für eine Reform zu erhalten, die jetzt ironischerweise nicht den einfachen Leuten, sondern der Versicherungswirtschaft in die Hände spielt.

Amerika, so ist der grimmige Schluss dieses aufrüttelnden Essays, Amerika steuert indes zielsicher dem nächsten Crash entgegen. In der nächsten finanziellen Weltfinanzkrise – flankiert von sozialen Verwerfungen, Umweltproblemen und wirtschaftlichem Niedergang – werden die USA allerdings nicht Motor der Erneuerung sein – sondern tatenlos danebenstehen: als streitende Nation, allein in Feindschaft vereint.

 

CHARLOTTE’S WEB (E.B. White)

Ich liebe Jugendbücher, weil sie die Wahrheiten des Lebens oft ganz einfach erzählen, und dafür umso stärker. Herzerwärmend, wie die Spinne Charlotte dem kleinen Mastschwein Wilbur mit einer List das Leben rettet und unvermutet eine große Freundschaft schenkt. Ein perfekt gebauter Roman, in dem Weisheit und Tiefe so leicht durch die Zeilen schweben, dass man zwar froh ist, wie alles endet, aber nicht, dass am Ende schon Schluss ist.

 

ETWAS KLEINES GUT VERSIEGELN   (Svealena Kutschke)

Der Dealer meines Vertrauens, Franz, drückt mir also dieses Buch in die Hände und sagt etwas verschämt, das würde er grade gerne empfehlen, weil es so ein abgefahrenes Cover hat. Franz schämt sich zurecht, dachte ich, wie oberflächlich kann man sein, … dann aber sah ich, dass dort auf dem Umschlag ein junger Mann im rosa Rock mit Silberhandschuhen glänzende Fische auf eine Wäscheleine hängt und kaufte das Buch sofort und ohne ein Wort darin gelesen zu haben. Dies war ein Glücksfall.

Auf dieses Buch hatte ich zu jenem Zeitpunkt drei Jahre lang gewartet. So lange nämlich lebte ich “wieder single” und die Gefühlslage der Protagonistin Lisa kam meiner gefährlich nahe – nur, dass bei Lisa alles ganz extrem ist. Sie flüchtet extrem weit weg (auf die andere Seite der Erde), sie reagiert auf jede Kleinigkeit extrem sensibel (fast nervig) und extrem un-fraulich (große Erleichterung). Und Lisa hat eine extrem fein justierte Wahrnehmung für alles, was um sie herum passiert.

Das vor allem ist das Verdienst von Svealena Kutschke: die reiche, poetische und klangvolle Sprache, mit der sie Lisas Flucht vor Heimat und Liebeskummer schildert. Allein die fantastische Schilderung von Lisas rastlosem Überleben in der mystisch aufgeladenen Liebeskummer-Bewältigungs-Wahlheimat Australien mit all ihren drogenbefreundeten, lebensbejahenden Wahlverwandtschaften als „baumpilzartiges Dasein“ verdient einen Preis für die treffendste Beschreibung einer 300-seitigen Persönlichkeitsstudie in zwei Worten.

Der Klappentext verschreckt mit Wörtern wie Polaritäten und Geschlechterfestlegungen. Sofort sträubt sich jedem das Nackenfell, der gender studies in Wirklichkeit für Masturbationsersatz hält von militanten sich-als-Frau-Fühler*Innen-die-nicht-das-Glück-hatten-mit-Alice-Schwarzer-demonstrieren-zu-dürfen-damals-in-den-wilden-68ern-als-man-noch-vögeln-durfte-ohne-Fragen-zu-stellen. Aber Svealena Kutschke beschreibt die hetero-schwul-transgender Charaktere so unaufgeregt selbstverständlich, wie sie eben sind und handeln. Und dadurch wird jeder Sex für jeden lesbar und wirkt dabei überraschend vertraut.

Lisas Geschichte handelt wie gesagt vom Abschied. Dem von der Liebe, dem vom Alltäglichen und dem vom Leben. Natürlich ist das Buch zu lang geraten und über so manche Länge schludert man lieber hinweg. Immer wieder allerdings lauern wunderbare Passagen, wie auf Seite 113. Jeder, dem einmal das Herz brach, wird sich so an die Liebe erinnern. Und dies selten so plastisch und schön und grausam lesen wie in diesen knappen, starken Zeilen.

Die Szenen wirken wie grobkörnige Momentaufnahmen in gleißendem Licht, und weil Lisa fotografiert, hält sie zu ihren Erinnerungen noch die imaginären Kameraeinstellungen bereit. Doppeltes Kopfkino also. Vom ist und vom war. Nur vom „wird sein“ ist nie die Rede und das ist das Entspannende an diesem Buch, das sich herrlich schwerelos in einer unendlichen Gegenwart verliert.

Es ist kein Reiseroman, eher eine Fluchtbeschreibung: eine Vergangenheitsbewältigung in Liebesdingen. Begleitet von den Fragen des Künstlerduos Fischli & Weiss zieht uns das emotionale Abenteuer von Lisa in seinen ganz eigenen, etwas hysterischen Bann – es weckt, so seltsam dies klingen mag, Fernweh nach Liebeskummer.

 

BAD DIRT   (Annie Proulx)

Annie Proulx hatte es nicht nötig, ins Hinterland zu ziehen. Sie war – und ist immer noch – über die Maßen erfolgreich: verfilmte Bestseller-Autorin, Pulitzer Preis. Sie hat es dennoch getan. Und schrieb dann über ihre neue Heimat Wyoming. Über die karge Prärie, die zu den Rockies aufschließt. Über die Menschen, deren Lebensgeschichten so viele Brüche haben wie das vom Wetter witternde Gestein.

Ihre Kurzgeschichten machen diese Welt ungewöhnlich plastisch und magisch zugleich: durch eine wunderbar klaren Sprache, und eine Haltung, die den Leser an einem offenen Kamin Platz nehmen lässt. Dort erfährt er von Farmern wie Gilbert Wolfscale und seinem Kampf ums Überleben in der Moderne – und der Dürre. Ein Mann, den Washington, New York oder Kalifornien überhaupt nicht kümmern; dem der politische Streit einerlei ist, der nämlich eine Farm organisiert, die mit all den anderen Farmen im Hinterland das Rückrad eines allzu lange schon hochtourig laufenden Landes ist.

Wer Amerika mit offenem Herzen begegnen will, hat mit diesem Buch eine Einladung. Es wäre wirklich ein Verlust, die nicht anzunehmen.

 

DER GRÖSSERE TEIL DER WELT   (Jennifer Egan)

Kurzgeschichten, deren Protagonisten sich immer wieder begegnen. Man hat’s schnell durch: In diesem Buch sind nur zwei Stories einigermaßen gut. 1) Eine PR-Beraterin, die einen Despoten und eine abgehalfterte Schauspielerin auf abenteuerliche Weise glücklich macht. 2) Ein junger Mann, der (auf dem Weg, sich selbst zu finden) fast ersäuft.

Hier spüren wir etwas von den Krisen, die uns dieser Tage erschüttern: In der Vermarktung des Bösen. Oder im Scheitern des Individuums: das nach dem Fall des eisernen Vorhangs die größte Frontlinie im eigenen Lebens(ver)lauf eröffnet sieht.

Der Rest ist leider belanglos – und das ist ärgerlich bei einem Buch mit derartig Vorschusslorbeeren. Wenn das wirklich den Pulitzer 2011 wert war, macht man sich Sorgen um die amerikanische Gegenwartsliteratur. Wo sind die Themen? Es gibt sie doch zur Genüge!

 

Tolle Buchtipps von ANTROBIUS.