Im Tunnel. Kann der #aufschrei wirklich was verändern?!

 

In drei Tagen aus dem Netz zu Günther Jauch: die massive Verbreitung über soziale Netzwerke, Blogs, Nachrichten-Websites und nicht zuletzt den alten Medien hat den #aufschrei in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt. Doch was folgt jetzt daraus? Wie geht es weiter?

Von Christoph Bieber

Über die Wirkmechanismen dieser Twitter-Rallye ist bereits viel geschrieben worden – zum Beispiel gibt es von Volker Meise (@meistermeise) eine Grafik zum Thema, Till Westermayer (@_tillwe_) wies in seinem Blog darauf hin, dass man hier vermutlich von einem „Internet-Tsunami“ sprechen kann.

Aus der Perspektive der politischen Kommunikationsforschung ließe sich ergänzen, dass es sich bei #aufschrei  um eine digitale Veranstaltungsöffentlichkeit handelt: diese „kleine Form von Öffentlichkeit“ (Jürgen Gerhards) ist gekennzeichnet durch die Zusammenkunft mehrerer Personen, die sich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit treffen, um über bestimmte Angelegenheiten zu diskutieren. Genau dies passiert seit Donnerstag, der Treffpunkt ist durch eine Suche nach dem Hashtag leicht zu erreichen und für viele zugänglich – nicht einmal eine Twitter-Anmeldung ist dafür nötig.

Allerspätestens die gestrige Talkrunde in der ARD hat deutlich gemacht, dass es sich hier nicht um eines dieser obskuren Ereignisse irgendwo im Internet handelt, sondern offenbar ein Nerv getroffen wurde. Lange vor Sonntagabend hatten zahlreiche Blogs das Thema fortgeschrieben, die Website Aufschreien gegen Sexismus unternimmt den Versuch einer Verstetigung, und auch die klassischen Wochenendmedien nahmen sich der Thematik an (so „twitterte“ auf Seite 50 der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine seltsam anonyme Runde aus „@autorinnen“ unter der Überschrift „Diese Debatte sprengt jedes Dirndl“).

Für ein Echtzeit-Format wie Twitter, das seine Stärken üblicherweise in der flüchtigen Jetzt-und-Sofort-Kommunikation hat, ist die relative Haltbarkeit des Begriffs durchaus auffällig. Seit der Ersterwähnung in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat der doch sehr abstrakte Hashtag seine Sichtbarkeit erhalten – es liegt nahe, #aufschrei eine Karriere als wiederkehrende Diskursmarkierung vorauszusagen. Dazu bedarf es vermutlich nicht einmal weiterer medienwirksamer Schlüsselereignisse, der heftige Einschlag im Netz und die übrigen medialen Begleiterscheinungen leisten Geburtshilfe für eine neue Konvention der Online-Kommunikation.

Aus einer ganz anderen Sichtweise, nämlich der der Ethik-Forschung, erinnert die #aufschrei-Praxis allerdings an etwas ganz anderes.

Das digitale Spalier der 140-Zeichen-Botschaften erinnert an den „Tunnel of Oppression“, einer Aktionsform, mit der an US-amerikanischen Museen, Schulen und Hochschulen auf unterschiedliche Unterdrückungsverhältnisse aufmerksam gemacht wird.

Ausgehend von Arbeiten des Museum of Tolerance in Los Angeles hat sich die Praxis entwickelt, durch intensive Erfahrungen in einem mit unterschiedlichen Materialien ausgestatteten Tunnelgang die Aufmerksamkeit auf verschiedene Formen von Unterdrückung zu lenken. Die Georgetown University in Washington schreibt dazu: „Der Tunnel ist ein multi-sensorisches Programm, das verschiedene Medien nutzt, um auf Formen der Unterdrückung hinzuweisen. Von Videoclips über kleine Theaterstücke zu Symbolen, Bildern und Wörtern ist vieles dabei – die Studierenden verlassen den Tunnel unter dem Eindruck dessen, was sie gesehen, gehört und berührt haben.“

Genau das ist es, was seit Donnerstag Nacht in zahlreichen Twitter- und Blog-Beiträgen passiert ist – die Öffentlichkeit wird durch einen digitalen Tunnel der Unterdrückung geführt, viele Menschen stehen unter dem Eindruck dessen, was sie dort lesen. Im Sinne der Museumspädagogik und der in den USA verbreiteten „Character Education“ reicht diese Ersterfahrung natürlich nicht aus – auf den gezielten Schock des Augen-Öffnens muss etwas folgen, idealerweise eine nachgelagerte Reflexion, Diskussion und Auswertung der Erfahrungen.

Wir kommen gerade erst aus dem #aufschrei-Tunnel heraus. Wichtig ist nun, nicht einfach dort stehen zu bleiben.

 

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Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. okay, and sports. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit DR. FAAS. 

 

Foto: ANTROBIUS – Die Jungs müssen sich auf Diskussionen gefasst machen. Sachlich bleiben hilft.