Irgendwo zwischen 99,7 und 20: Die Beinfreiheit des Bayern Christian Ude.

 

Am Sonntag hat die Bayerische SPD Christian Ude zum Spitzenkandidaten für die Schicksals- und Landtagswahl 2013 ausgerufen. Viel Beinfreiheit hat er seinen Genossen beim Krönungsakt nicht abgerungen.

Von Simon Pfanzelt

Am Hauptbahnhof in Nürnberg hängen sie an allen Ecken, die gelben Plakate mit den Abfahrtszeiten. An den weißen Plakaten hingegen, die über die Ankunft von Zügen informieren sollen, scheinen die Verantwortlichen gespart zu haben. Der Ortsunkundige kann schon mal eine Weile suchen müssen, um sie zu finden. Angesichts dieser Abfahrtsinformationsinflation liegt für den Altbayern die Frage nahe, ob die in Franken Gestrandeten sich vor allem dafür interessieren, so schnell wie möglich wieder weg zu kommen.

An diesem Sonntag ist eher das Gegenteil der Fall. Jedenfalls gilt das für die Delegierten der Bayern-SPD, die sich am Nürnberger Messegelände zum Parteitag versammelt haben. Die wollen gar nicht mehr weg, so scheint es, denn so gut war die Stimmung schon lange nicht mehr. Die im Freistaat seit Jahrzehnten siechende Sozialdemokratie ist hoffnungsvoll wie selten. Der Grund heißt Christian Ude. Der Großstadtpolitiker, seit 19 Jahren SPD-Oberbürgermeister von München, will Ministerpräsident werden. „Ich bin seit 22 Jahren bei der Stadt München beschäftigt, bislang hatte ich immer nur befristete Verträge. Jetzt bewerbe ich mich um einen Bewährungsaufstieg beim Staat“, witzelt er zu Beginn seiner Bewerbungsrede. Ude, für seinen Humor bekannt, redet lange, heitere Momente bleiben diesmal aber die Ausnahme. Seine Partei jubelt trotzdem, am Ende erhält Ude 99,7 Prozent der Delegiertenstimmen. Ude ist Spitzenkandidat. Ude ist  Hoffnungsträger, wenn auch nicht der einzige in der SPD.

Der andere heißt Peer Steinbrück. Beide eint ihr ambivalentes Verhältnis zur eigenen Partei. Und beide sind ungefähr im gleichen Alter, Steinbrück ist schon 65 Jahre alt, Ude wird bald 65.  Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Rentenpläne mancher in der SPD, das Eintrittsalter wieder auf 65 abzusenken, nicht doch Chuzpe sind. Mit der SPD und ihren Hoffnungsträgern ist das ja immer so eine Sache.

Steinbrück ließ sich in Nürnberg sowieso nicht blicken, der Landesparteitag musste ohne den designierten Kanzlerkandidaten auskommen. Das war verwunderlich, weil man doch annehmen könnte, dass Ude für Steinbrück irgendwie auch eine Art Vorbild ist. Denn als sich der beliebte Oberbürgermeister vor mehr als einem Jahr quasi selbst zum Spitzenkandidaten ausrief und seine Bereitschaft gleichzeitig an Bedingungen knüpfte, da demonstrierte er im Kleinen das, was Steinbrück der SPD im Großen auch noch abtrotzen möchte: Beinfreiheit.

In Nürnberg hätte Steinbrück nun lernen können, was nach einem Jahr designiertem Kandidaten-Dasein so alles passieren kann. Auf offener Bühne war dort zu beobachten, dass Ude seine Beinfreiheit nicht nach Franken mitgebracht hatte. Mit seiner Rede schmeichelte der Oberbürgermeister den Sozialdemokraten, blutleer im Vortrag und inhaltlich wenig innovativ arbeitete sich an typischer SPD-Programmatik ab: Ganztagsschule, Studiengebühren, Altersarmut. Der Kandidat hat sich der Partei angenähert, nicht anders herum.

Den Genossen in Nürnberg hat’s jedenfalls gefallen. Die Bayern-SPD lernt Selbstbewusstsein, die 99,7 Prozent sprechen für sich. Wen juckt es da schon, dass es auch nach einem Jahr keinen Ude-Effekt gibt und die Partei im Freistaat in einer aktuellen, von der CSU in Auftrag gegebenen Umfrage bei 20 Prozent hängt. Ude offensichtlich nicht, der sagt: „Umfragen kann man kaufen, Wahlen nicht.“ Ach so.

Gewählt wird in Bayern voraussichtlich am 15. September 2013. Ude wird dann in München sein. Gut möglich, dass er sich gegen 18 Uhr denken wird: Nichts wie weg hier. Logistisch jedenfalls wäre das kein Problem. Auch am Münchner Hauptbahnhof gibt es viele gelbe Zettel. Und zu wenig weiße.

 

Simon Pfanzelt ist Politikwissenschaftler und hat sich den Sonntag in Nürnberg um die Ohren geschlagen. Dank der Abfahrtsinformationen am Bahnhof ist er mittlerweile wieder wohlbehalten in München angelangt, wo er nun weiter an der Deutschen Journalistenschule studiert.

Foto vom Nürnberger Bahnhof: ANTROBIUS