Ist das der neue Vaclav Havel?

Seit Monaten gehen in Prag tausende junger Leute auf die Straße. Sie fordern den Rücktritt von Premier Andrej Babis: Ein steinreicher Unternehmer, dem Subventionsbetrug vorgeworfen wird. Wer ist sein Gegenspieler?

Rotschopf, wacher Blick, immer unterwegs. Mikuláš Minář, das ist der Mann, in den so viele junge Tschechien grade große Hoffnungen setzen.

„Wir sind hier um uns gegen den Missbrauch von politischer Macht zu wehren und gegen die gezielte Zerstörung wichtiger demokratischer Institutionen,“ ruft er von einer Bühne in der Prager Innenstadt herunter.

Wir begleiten den Studenten der Theologie und der Philosophie (ja, das Studium ruht grade) nach Pilsen. Denn: die Studenten wollen den Protest ihrer Bewegung „Eine Million Augenblicke für die Demokratie“ auch in die Provinz bringen.

„Wir haben zwar eine Demokratie – aber die ist nicht gesund, sondern krank und bedroht,“ sagt er uns. „Populisten und Oligarchen greifen sie an.“

Fotos machen, Zettel austeilen. Der ehemalige Pfadfinder sucht das Gespräch. Und trifft dabei nicht nur auf Unterstützer. Ein Mann zeigt ihm den Mittelfinger, eine junge Frau meint, er sehe aber unsympatisch aus, ein älterer Mann bezeichnet ihn als „Marketingobjekt“.

Die Studenten bereiten eine Diskussionsrunde mit den Bürgern vor. Und tatsächlich: Der Saal ist voll. Und das, obwohl Minář in den Medien grade immer mehr Gegenwind bekommt. Von durchaus interessierter Stelle, wie er sagt: „Ob aus Russland, von Premierminister Babis oder von Oligarchen: Die wollen mich diskreditieren. Das ist gezielte Absicht. In den Medien, die zum Teil Babis gehören, gibt es entwürdigende Artikel an der Grenze zur Verschwörung.“

Entmutigen lässt er sich davon nicht. Der Glaube gibt ihm Kraft, sagt der Theologie-Student. Auf dem Marktplatz von Pilsen versammeln sich dann am Abend nicht so viele wie in Prag (das mag auch dem regnerischen Wetter geschuldet sein) – aber diejenigen, die hergekommen sind, zeigen sich begeistert vom jungen Studentenführer. Einige nennen ihn den neuen Vaclav Havel.„Ich danke Dir!“, ruft ein Mann vor der Bühne, „Schau, dass Du es zu etwas bringst, es ist schlimm derzeit!“

„Prag und die Provinz, die sind komplett anders. Die Regionen sind oft vernachlässigt. Da haben die Menschen nicht so viel Zeit, die Politik zu verfolgen. Dort wählen sie auch öfter Andrej Babis. Und deshalb ist es wichtig, persönlich zu den Menschen zu gehen.“ sagt Minář.

Und eine Frau meint:„Er ist ein schöner junger Mann, der begeistert, aber er ist auch sehr vernünftig und mir gefällt, dass er die Gesellschaft nicht teilen, sondern verbinden will.“

Mikuláš Minář – der Gegenspieler für die Regierung in Prag ist für viele hier ein Hoffnungsträger: Er stillt offenbar die Sehnsucht nach einer aufrichtigen Politik.

(Zuerst veröffentlicht im ZDF)