Kanzler mit 33: Was erklärt den Erfolg von Sebastian Kurz?

Österreich im Nationalsrats-Wahlkampf 2019. Sebastian Kurz, Alt-Kanzler mit 33 Jahren, will es wieder wissen. In den Umfragen führt seine ÖVP. Was macht ihn so erfolgreich?

von Wolf-Christian Ulrich

Sebastian Kurz gilt als Kommunikations-Künstler. Er schafft es, dass Skandale ihm nicht zu nahe kommen, ob unklare Parteien-Finanzierung, Hacker-Angriff oder Festplatten-Schreddern. Wer ist der Mann, der schon mit 33 Jahren Alt-Kanzler war?

“Genug ist genug.” Mit diesen Worten beendete Sebastian Kurz am 18. Mai 2019 die Koalition mit der FPÖ – es war politisch seine bitterste Stunde. Über die Veröffentlichung des Ibiza-Videos war seine Regierung geplatzt. Nun ist Kurz einer, der genau plant. Alles aber lässt sich nicht kontrollieren. Hier stößt er an die Grenzen seines Einflusses. Wie auch in den dann folgenden Wahlkampf-Monaten: als  ihn vor allem Diskussionen um die Wahlkampf-Finanzierung belasteten.

“EHRGEIZIG, FOKUSSIERT, GEWINNEND”

Was macht Kurz so erfolgreich? Darauf hat der österreichische Journalist Josef Votzi eine Antwort. Er war unter anderem Leiter des Politik-Ressorts beim “Kurier” und beobachtet Kurz seit Jahren. “Sebastian Kurz ist ehrgeizig, irrsinnig fokussiert und irrsinnig  gewinnend. Er ist ein Menschenverführer,” so charakterisiert er den Spitzenkandidaten der ÖVP.

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Mit dieser Gabe legte Sebastian Kurz eine steile Karriere hin. Mit Charme und Fokus schaffte er es, während der zweijährigen Regierung an der Seite der FPÖ meist zu glänzen und wenig Schaden zu nehmen. Am Beispiel der Migrations-Debatte im Wahlkampf ist das aktuell gut nachzuvollziehen. Während Ex-Innenminister Herbert Kickl von der FPÖ mit harten Sprüchen um Stimmen kämpft (“Zuerst die Aggression, dann die Afghanen, dann die Asylbewerber insgesamt mit dem Ziel einer Nulllinie”), bleibt Wahlkämpfer Kurz im Ton verbindlich – aber hart in der Sache. “Aber tun wir doch nicht so, als würden wir den Fachkräftemangel dadurch lösen, dass wir ungesteuert Menschen aus Afghanistan, dem Irak, Syrien zu uns kommen lassen, die teilweise nicht alphabetisiert sind.” So formuliert er das in einer der vielen Fernsehdiskussionen – betont aufrecht stehend, in Anzug und Krawatte, freundlich lächelnd.

Die Migration und mit ihr verbundene Gefahren für Österreich, darauf bringt Kurz in den Debatten immer wieder von sich aus das Gespräch. Er weiß, dass das Thema – nach dem Klimawandel – für die Österreicher das wichtigste Wahlkampfthema ist, wie eine Umfrage jüngst belegte. “Ich sag immer: Sebastian Kurz ist, wenn man es sehr spitz formuliert, Herbert Kickl oder Norbert Hofer in Anzug und Krawatte. Ich glaube nicht, dass er ein großer Ausländer-Hasser ist. Kickl ist ein Überzeugungstäter und Kurz ein Wellenreiter,” sagt Josef Votzi.

DIE BEHERRSCHENDE FIGUR IN DER ÖSTERREICHISCHEN POLITIK

Jungstar, Außenminister, Kanzler. Sebastian Kurz’ Karriere ist einzigartig. Vielleicht dient er vielen deshalb auch als Zielscheibe. Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der “Kleinen Zeitung”. Für ihn ist Sebastian Kurz “die beherrschende Figur der österreichischen Politik. Er war es auch schon in den letzten Jahren, bevor er Bundeskanzler wurde. Da man gegen so jemanden wenig ausrichten kann, wird eine gezielte Kampagne gegen ihn als Person geführt.”

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Kurz’ Kommunikations-Abteilung: hoch professionell und exzellent organisiert. Kommt ihm ein Skandal zu nahe, versucht Team Kurz, Brandmauern zu ziehen. Aktuelles Beispiel: Zwei Zeitungen rechnen vor, wie die ÖVP einen legalen, aber kreativen Umgang mit der Wahlkampffinanzierung pflegte – und offenbar auch pflegt. Sofort schlägt die ÖVP Gegenalarm: Es habe einen Hacker-Angriff auf die Partei gegeben, das Bundeskriminalamt ermittele. “Der Angriff war sicherlich ein Angriff auf die Volkspartei, aber auch ein Angriff auf unsere Demokratie, weil er ja ein klares Ziel hat: Nämlich mit gestohlenen und verfälschten Informationen den Wahlkampf in Österreich zu beeinflussen,” sagt Kurz dem ZDF einen Tag später.

Die Botschaft: Man versuche, einen Keil zu treiben zwischen das Wahlvolk und den Kandidaten. Der volksnahe Kanzler, der von der Elite gegängelt werde. “Er versucht, dieses Bild aufzubauen, das viele Rechtspopulisten aufbauen. Hier gibt es die Volksgemeinschaft, die weiß, was sie will, und hier gibt es die Eliten, die das Volk in die Irre führen,” sagt Josef Votzi. Dazu passt eine Szene nach Kurz’ Auszug aus dem Nationalrat Ende Mai. Da war er vor Parteifreunden in der Politischen Akademie der Volkspartei in Wien aufgetreten und hatte dort verkündet: “Heute hat das Parlament entschieden, aber am Ende entscheidet immer das Volk.“

“SELTEN WURDE EINE EINZELNE PERSON IN EINEM ÖSTERREICHISCHEN WAHLKAMP SO ANGEGRIFFEN”

“Selten zuvor wurde eine einzelne Person in einem österreichischen Wahlkampf von fast allen Medien und allen anderen Parteien so angegriffen wie ÖVP-Chef Sebastian Kurz in diesem Wahlkampf. Die Kritik bezieht sich dabei nicht in erster Linie auf politische Inhalte, auch nicht so sehr auf die fachliche Eignung – sondern vor allem auf die Person selbst, deren Motive und Charakter”, schreibt Christoph Bösch, ein Forstwirt und freier Publizist der Zeitung “Die Presse“.

Alle Seiten führen diesen Wahlkampf mit harten Bandagen. Die Konkurrenz schenkt Kurz nichts mehr. Kurz führt in den Umfragen deutlich. “Alle gegen Kurz”, so war das beim Sturz der Regierung im Mai. So skandierten Kurz’ Anhänger und Gegner im Wahlkampf. Doch traut man den Umfragen derzeit, sind jetzt alle auf Kurz angewiesen, die mitregieren wollen. Und er auf sie. Das Spannende werden also vor allem die Koalitionsverhandlungen. Wenn Kurz wieder Kanzler werden will, muss er nicht nur freundlich können, sondern auch Krise. Sieht so aus, als ginge er da gerade durch eine Bewährungsprobe.

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