Klarer Blick auf den MAIDAN

 

Wer blickt noch durch beim Konflikt in der Ukraine? Ein aufrüttelndes Buch beschreibt die Anfänge der Revolution auf den Maidan. Und räumt mit vielen Vorurteilen auf, die unseren Blick auf die Freiheitsbewegung in der Ukraine längst verstellt haben.

Was ist da wirklich passiert? Wie konnte es kommen, dass die Revolution in der Ukraine so schnell unter den Schatten der Propaganda geriet – von Regierungen, Parteien, Oppositionen, Westlern, Ostlern, Interessengruppen? Wie konnte es geschehen, dass plötzlich nur noch von Faschisten die Rede war, die da am Werke seien? Wie konnte es sein, dass wir diejenigen aus den Augen verloren haben, die selbst vor Ort waren, die selbst berichten können, die uns erklären können wer von Dezember bis März mit wem und warum auf dem Euromaidan versammelt war?

In einer Textsammlung melden sich nun junge Publizisten, Künstler, Wissenschaftler, vor allem aber: Unmittelbar Beteiligte zu Wort, die von den Anfängen der Revolution erzählen. Die die Gründe für den Aufstand sichtbar machen. Und uns vor Augen führen, worum es in der Ukraine derzeit eigentlich immer noch geht. Und was in der Ukraine auf dem Spiel steht.

Eine Revolution von Menschen, die sich eines korrupten, verbrecherischen Regimes entledigen wollten – und die für Werte kämpften, die wir hier in Europa für selbstverständlich halten. Die Freiheit zu leben, zu arbeiten, sich zu äußern.

Warum dieses Buch heute so wichtig für uns ist

Dieses Buch ist so wichtig, weil es mannigfaltige Stimmen vom Maidan versammelt, die mit unterschiedlichem Blick und Hintergrund eine vielfältige Bewegung beschreiben, die zumindest eines gemein hatte: Es war ihr genug mit einem Regime nach alter sowjetischer Machart. Das nicht unterzeichnete Assoziierungsabkommen – wie auch immer es gefasst sein mag –  war für sie letzthin ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wer die Revolution in der DDR begleitet und erlebt hat, würde nicht im Ernst auf die Idee kommen, nach der Legitimation dieser Revolution zu fragen von denen, die für Freiheit und Gerechtigkeit auf die Straße gehen. (Bezeichnend, dass die Linke mit diesem Argument hausieren ging).

Deshalb ist es gut, diese unterschiedlichen Texte zu lesen, und vor diesem Hintergrund abzugleichen, wo wir eigentlich in Europa selber stehen: Mit einem dreisten Krieg direkt vor Europas Haustür. Einem nach der Europawahl sprachlosen Kontinent, der sich in nationalistischem Kleinklein ergeht, während anderswo Leute froh wären, mit unserem Glück gesegnet zu sein.

Ja, diese Texte rufen in Erinnerung, was wir für ein verdammtes Glück haben: in unserem friedlichen, geschützten, modernen, glückseligen Europa. Und dass wir viel mehr Zeit und Mühe investieren sollten, dieses europäische Glück zu verteidigen. In Kontakt zu treten mit jungen Menschen in Ungarn, Griechenland, der Slowakei, Bulgarien, Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich. Die Zweifler ansprechen. Und herausfordern.

Denn für uns Europäer ist dieses Buch eine Herausforderung. Ist die europäische Idee wirklich nichts mehr als eine Selbsttäuschung – werden wir gefragt? Sind wir bereit für unsere Werte bürgerlicher Freiheitsrechte einzustehen und diese zu verteidigen? Welche Werte genau meinen wir? Strecken wir denen die Hand aus, die sich diesen Werten anschließen wollen?

Kontakt und Austausch sind das allerwichtigste, auch Richtung Ukraine

Ein großartiges, ergreifendes, wichtiges Buch – zumal in diesen Zeiten, in denen Krieg herrscht bei unseren Nachbarn. Und in denen wir guttäten, nicht nur Besorgnis auszudrücken, sondern Kontakt zu suchen und Mut zu machen.

Es gibt das Bild eines Apfels in diesem Buch. Wenn er aufbricht, erleuchtet sein Inneres mit großer Klarheit in der ländlichen Sonne. Diese Klarheit des Moments, des Protests auf dem Euromaidan, gilt es in Erinnerung zu behalten. Bevor die Bruchflächen braun werden – und sich die Propaganda und Geschichte über die Erlebnisse der Demonstranten legen. Deshalb ist dieses Buch so wichtig. Es legt Bruchstellen frei. Und es konserviert den klaren Blick.

 

EuromaidanEUROMAIDAN
Was in der Ukraine auf dem Spiel steht
herausgegeben von Juri Andruchowytsch

erschienen in der
edition suhrkamp
207 Seiten
14,40 EUR

 

 

 

 

Im Buch in deutscher Übersetzung enthalten:
“The Haze of Propaganda” von Timothy Snyder, hier nachzulesen in der NY Times.

 

Foto: Cover des Verlags