Kleptokratie blasser Torrentfreaks?

Was sagt uns das: Die Urheberrechtsdebatte.

 

Von Kay Meseberg

Ja, ist denn das Abendland untergegangen? Ist Deutschland Opfer einer Kleptokratie blasser Torrentfreaks geworden? Macht fast den Eindruck, wenn man sich ansieht, wie hysterisch sich die publizierenden Teile der Menschheit an diesem Thema festbeißen.

Ok. Die Details, die im Zuge der Proteste gegen die GEMA ans Tageslicht kamen, bieten neue Perspektiven auf die Arbeit einer Organisation, die gern im Unscharfen zu agieren scheint. Spannend zum Beispiel zu sehen, dass es GEMA-Mitglieder verschiedener Kategorien gibt, die unterschiedlich große Stücke vom Kuchen bekommen, was natürlich jene als ungerecht empfinden, für die nur Krümel übrig bleiben. Und jetzt will die GEMA in den Clubs auch noch mehr Geld eintreiben. Da schwillt der Klientel der Kamm.

Zum Protest animierender Eindruck

Auf einmal wollen alle aus der GEMA austreten. Klar: Wenn man sich den Aufsichtsrat der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) anschaut, entdeckt man keinen Club-Betreiber, keinen Produzenten aktueller geschweige denn elektronischer Musik, keinen DJ. Wen repräsentiert die GEMA also eigentlich? Und für was steht sie?

Hübsch auch der Vergleich mancher Publizisten zwischen GEMA und ICANN (The Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), der auf Twitter in verschiedenen Schattierungen die Runde machte. Die ICANN schaffe es mit einem knappen Zehntel des GEMA-Budgets das ganze Internet zu verwalten, während die GEMA 2011 einen Euro-Berg von 825,5 Millionen durch die Welt schaufelt und davon 702 Millionen an Urheber verteilt, für Musik die abgespielt und oft auch gehört wurde.

Die Perspektive des Gegenübers

Der Vergleich hinkt natürlich durch und durch. Aber er polarisiert und befeuert die Debatten bis zur Hysterie. Leider bringt das die Kontrahenten keinen Schritt weiter. Denn schließlich sorgt die GEMA nicht dafür, dass Informationen fließen können, wie man ICANNs Funktion umschreiben kann. Eher steht die GEMA für eine Gesellschaft, in der Informationen nicht so fließen konnten, wie sie es heute tun.

Auf eben diese Konfliktlinie des alten und des neuen Informationsflusses gibt es zwei Perspektiven, die bislang unversöhnlich scheinen. Während die einen sagen, das Internet ist total toll und wir wollen Zugriff auf alle Informationen und Inhalte, ängstigen sich die anderen um ihre teuren Inhalte, die für lange Zeit zentraler Bestandteil von Geschäftsmodellen waren. Es hülfe durchaus, wenn die Kontrahenten wenigstens versuchsweise mal die Perspektive des Gegenübers einnehmen würden.

Dass dieser Konflikt am Ende noch „Urheberrechtsdebatte“ getauft wurde, verstehe ich immer noch nicht. Denn keiner der Beteiligten ist auch nur ansatzweise im Stande, das Urheberrecht zu reformieren. Geschweige denn abzuschaffen. Selbst die Piratenpartei strebt das nicht an. Um deren Beschlüssen zum Urheberrecht zu lesen, reicht die Internetkompetenz vieler meinungsstarker Publizisten offenbar nicht aus. Insofern hilft nur eines: Eine Versachlichung der Debatte. Nur die kann helfen, die in Jahrzehnten gewachsenen Gegebenheiten an die neue, auch virtuelle Realität anzupassen.

 

Foto: antrobius