Krieg in meinen Händen

 

“Heavy gunfight” in Kabul knallt mir @combatjourno Mustafa Kazemi in die Timeline. Es ist Freitag um 6.55 Uhr. Früh aufgestanden. Den Zug nach Hamburg erreichen. Während ich zum Berliner Hauptbahnhof radel, eskaliert ein Gefecht in Kabul.

 

von Kay Meseberg

Ich warte am Bahnsteig auf den ICE. Mustafa berichtet: “Gunshot restarted”, “Extremly strong blast”. Hier in Berlin stimmt die Wagenstandsanzeige nicht. Darum will ich vom Schaffner wissen, wo das Bordrestaurant ist. Gleichzeitig Neuigkeiten aus Kabul:  “Police vehicles with casualties rushing toward City”. @combatjourno fliegen die Kugeln um die Ohren. Taliban überfallen ein Hotel, liefern sich Gefechte, ordnen Minuten später die News ein.

Vor sechs Tagen ist die befreundete Fotografin Lela Ahmadzai, die auch für den Spiegel arbeitet, nach Kabul geflogen. Sie twittert nicht. Und obwohl mich das im Unklaren über ihre Situation lässt, ist das doch irgendwie beruhigend. Denn ich weiß, dass sie selten in Hotels übernachtet und von ihren vielen Reisen stets wohlbehalten zurückkam.

Diesen Gedanken im Kopf lese ich von Kazemi: “Strong wave of gunfire few strong Explosion also”, “Heavy Explosion”. Wenn Twitter und Co. auf Krieg und Krisen treffen, landen blutige Konflikte wie der beschriebene über die Devices in unseren Händen. Wir werden in Sekunden zu Zeugen.

Nur einen Wimpernschlag später: Andy Carvin retweetet Neuigkeiten von der Revolte im Sudan. Ich learn: “Student-led protests enter sixth day”. Zurück nach Kabul: “Bullest flying all around”. “Witnessed one army soldier just shot dead”.

Die Bedienung im Bordrestaurant hat mein Croissant vergessen. Der Zug passiert Ludwigslust – im Volksmund Lulu genannt, wie mir die @annmeiritz neulich erzählte. Kazemi meldet sich mit Galgenhumor: “We need to sacrifice one cow each in case we survive”, doch die Kugeln kommen näher.

Das Handy des Schaffners klingelt. Er geht ran und meldet sich mit “mein Führer”. #WTF! Beschäftigt die Bahn Rechtsradikale? Der Zug fährt ins Funkloch.

 

Kay Meseberg ist Journalist in Berlin. Seine Arbeiten erscheinen meist in diesem Internet und im Fernsehen; vor allem bei ZDF Frontal 21 und in Projekten von 2470 Media.

 

Foto: antrobius