Krise, Twitter und der ganze Rest: Wie Journalismus und Algorithmus zusammen glücklich werden können.

Die Debatte über die Twitter-Event-Page beim #cdupt12 zeigt: Unsere Vorstellungen über die Art und Wirkung von Medien ist auch am 13.12.2012 noch nicht im Jahr 2012 angekommen. Kay Meseberg wundert sich, wie viele es wundert, wenn sich journalistische Erwartungen an reine Mediendienste nicht erfüllen. Doch es gibt Hoffnung.

von Kay Meseberg

Seit einem Jahr habe ich kein Tageszeitungs-Abonnement mehr – zum ersten Mal in meinem Zeitungsleser-Leben. Es ist eine gute Zeitung, die ich bis vor zwölf Monaten täglich vor dem Frühstück aus dem Briefkasten fischte. Der morgendliche Gang die Altbau-Treppen hinunter und hinauf war eine Art Frühsportalibi und zum heißen Kaffee gab es dann die Lektüre. Die verlief mit der Zeit aber immer lustloser. Nicht weil die Texte schlechter wurden. Sondern weil oft die gleichen Nachrichten bereits im Netz standen, bevor der Drucker seine Maschine angeworfen hatte.

Der Grund für die Abo-Kündigung war folglich nicht die Arbeit der Kollegen und auch nicht eine Verschlechterung des Angebots der täglichen Information. Der Grund ist schlicht die Technik, die sich überholt hat. Die Maschinen in der Druckerei und die Auslieferung können nie die Schnelligkeit des Internets toppen. Diese Ablösung der alten durch eine neue Technik ist eine Facette der 2012 sichtbar ausgebrochene Presse- und Medienkrise. berlinfolgen.de hat es in einem Film gezeigt – Titel: Das Auslaufmodell.

Seit Jahren bewegt sich der Nachrichten-Konsum weg von den traditionellen hin zu den oft immer noch neu genannten Medien und allem, was rund um das Internet dazu gehört. Studien weisen nach, wie soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter schon jetzt den traditionellen Medien zu schaffen machen (Beispiele aus den USA).

Journalistische Standards kennen die auf Algorithmen gebauten neuen Nachrichten-Reiche aber nicht. Noch lässt sich das Prüfen, Abwägen und Einordnen nicht in Algorithmen wiedergeben. Jedoch schafft es Software bereits, basierend auf einem Automatismus Sportergebnisse in Textform wiederzugeben. Die Frage hierbei ist nicht, ob eine Maschine Journalismus kann. Die Fakt ist vielmehr: Es ist eine Frage der Zeit, bis sich jemand die dann auch ausgereifteren Alternativen zum Mensch-gemachten Text zu Nutze macht und sein Medium automatisiert befüllt und so sicherlich erhebliche Kosten spart.

Journalismus, Algorithmus und die Blüte der Copycats

Was der Mangel von journalistischen Qualitäten bei auch algorithmen-basierten Diensten wie Twitter und Co bedeutet, hat uns neulich die Debatte um die Twitter-Event-Site zum CDU-Bundesparteitag gezeigt. Mit dem Wissen um Informationen aus der alten tritt man in die neue Welt und wundert sich dann, welche Auswirkung eine am Anfang erfolgte Auswahl von prominenten CDU-Twitterern für das Resultat hat. Also bitte, was soll da denn sonst rauskommen, wenn man nicht inhaltlich sondern hübsch PR-getrieben an diesen politisch bedeutenden “Event” rangeht? Wen wundert´s möchte man fragen, nur sind es komischerweise sehr, sehr viele, die das gewundert hat.

Ähnlich, wenn auch unter anderen Vorzeichen verhält sich auch in der Debatte um das Leistungsschutzrecht – auch so ein 2012-Ding. Das Verständnis für die alte Medienwelt trifft auf das auch schon seit über zehn Jahren Server auf aller Welt in Betrieb haltende und mit Online-Werbung üppig Geld verdienende Google. Von denen wollen deutsche Verlage nun einen Teil des Kuches abbekommen und reiben sich immer noch die Augen, wenn sie sehen, wie man mit ihren Inhalten im Netz Geld verdienen kann. Dabei weiß doch einer der Hauptinitiatoren der Debatte, der Springer-Verlag, sehr gut, wie man digital gutes Geld verdient und @KaiDiekmann ist im Silicon Valley auf dem besten Weg zum Westcoast-Nerd.

Wenn man aus einer Ecke der Welt kommt, in der es keine nennenswerten, mächtigen Netzunternehmen gibt, stattdessen Copycats lieber Facebook kopieren als etwas eigenes zu bauen – nein ich schreibe nicht von China, sondern von Deutschland – dann ist es eben schwer, mit der Entwicklung Schritt zu halten.

Irgendwann wird diese Reise zuende sein, weil es keinen Treibstoff mehr gibt

In ihrer Gänze ist das, was hier von Algorithmen getrieben gerade stattfindet von niemanden zu überblicken. Sicher aber ist: Hier geraten Relationen durcheinander. Ariel Hauptmeier, Redakteur bei GEO und einer der Gründer des Reporter-Forums, beschrieb das eben (12.12.12. ca. 22h) in einem Facebook-Post so: ” ‘In Großbritannien lesen zwar fast 6 Millionen wöchentlich wenigstens einen Artikel im Guardian, aber nur 211 000 kaufen ihn täglich. Es ist diese kleine und schwindende Lesergemeinde, die den Internetnutzern die kostenlose Lektüre finanziert. Irgendwann wird diese Reise für alle zu Ende zu sein, weil es keinen Treibstoff mehr gibt.’ Schreibt Le Monde Diplomatique (ein unerträglich ideologisches Blatt). Aber das stimmt wohl. Ich selbst lese wahnsinnig gern kluge Dinge im Netz – die letztlich immer aus der Welt der Zeitungen und Magazine stammen, für die andere bezahlen…”.

Und genau an dieser Stelle sollte man mal den Blick schweifen lassen und sich anschauen, warum Mediapart in Frankreich, ProPublica (lebt von Spenden und Werbung) in den USA bereits gut funktionieren: als Alternativen zu bedrucktem Papier. Sie zeigen vor allem wie Journalismus und Algorithmen zusammengehen können, so dass Leser oder Zuschauer von Geschichten gefesselt werden: Durch Journalisten, die eine Technikrevolution nicht bedauern, sondern nutzen.

Für den zu erweiternden Horizont: Mercedes Bunz: Die stille Revolution

 

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Foto: ANTROBIUS