leaves of crisis

 

Es gibt manchmal Kunst, die sagt unheimlich viel, nur weiß man leider nicht sofort was. Dazu gehört auch die Installation Leaves of grass, die – für alle documenta-auf-den-ketzten-Drücker-Besucher – in Kassel zum Pflichtprogramm gehört. Und die im Präsidentschaftswahljahr ziemlich nachdenklich macht.

Unzählige Strohhalme, an jedem ein Zeitungsausschnitt, formen sich zu einer Bilder-Hecke, die über Meter hinweg reicht, und an der man sich nicht sattsehen kann. Immer noch ein Detail, jede Person eine eigene Geschichte, und weil die Fotografien aus dem LIFE Magazin stammen, sind es auch solche, die man einfach ansehen muss. Weil sie erzählen.

Der Künstler Geoffrey Farmer aus dem kanadischen Vancouver hat aus 50 Jahrgängen des LIFE Magazins (von 1935-1985) Fotos ausgeschnitten, die er in dieser Installation zu einer gigantischen Collage vereinigt. Ein Pop-Panoptikum amerikanischer Lebensgeschichte. Farmer zeigt seine Installationen selten zweimal in derselben Form. Das liegt schon in der komplizierten Natur der Anordnung. Dass seine Arbeit so und nicht anders genau jetzt gezeigt wird, schafft so allerdings auch einen aktuellen Bezug. “Es muss einen Grund geben, warum er uns das jetzt so zeigt.”

Der Titel Leaves of Grass ist sicher kein Versehen. Es ist auch der Titel der wahrscheinlich berühmtesten amerikanischen Gedichtsammlung, geschrieben von Walt Whitman. Ein gigantisches Lebenszeugnis, auf das sich seit seiner Entstehung und bis heute amerikanische Künstler beziehen; das immer noch nachwirkt, das immer wieder zitiert wird. Ein Werk von unermesslicher Strahlkraft.

Vermutlich haben die ständigen Rückbezüge von Farmers Installation auf das Wesen dessen, was Amerika beschrieben hat mit der Frage zu tun, was die USA eigentlich heute ausmacht. Die fotografischen Zitate aus LIFE wirken wie ein Gedächtnis amerikanischer Popkultur – durch den Titel zusätzlich aufgeladen mit dem kulturellen Blut, das seit Whitmans Leaves of Grass durch fast alles fließt, das künstlerisch amerikanische Werte verarbeitet.

Die USA sind wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch in einer schlimmen, andauernden Krise. Obama hat es nicht geschafft, die krassen Zentrifugalkräfte zu bremsen, die das Land ideologisch auseinanderzerren. Er hat es nicht geschafft, das Land zu einen. Seine Vision dringt nicht durch. In dieser Wahl geht es um nichts weniger als den Amerikanischen Traum – haben viele gedacht. Und sehen stattdessen einen zähen Kampf um das Managen des frustigen Jetzt. Farmers Installation zeigt Schnappschüsse dieses Traums. Das ist eine verklärende Wohltat – und gleichzeitig lässt es einen ratlos darüber zurück, wie Amerika sich selbst neu erfinden will und welchen Weg die Amerikaner diesen Herbst einschlagen werden.

 

Fotos: antrobius