Leistungszone Kita!?

 

Endlich werden auch die Kitas zu Leistungszonen! Eltern sollten allerdings darauf achten, ihr Liebstes gleich in den Raum für “Begabte” zu boxen. Denn die Weichen des Lebens verzeihen keine Fehler. Christoph Bieber über die Erziehungs-Erkenntnisse eines Fernsehsonntags.

Von Christoph Bieber

Während am Sonntagabend die wöchentliche #Jauch-Entrüstung durch die Twitter-Timeline gespült wird frage ich mich, ob die Sendung mit dem Titel „Kein Platz für Kinder: Was wird aus dem Kita-Versprechen?“ ein subtiler Hinweis auf die Oscar-Verleihung sein könnte: unter den animierten Kurzfilmen findet sich nämlich das Dramolett „The Longest Daycare“. Der vierminütige Trip in die „Ayn Rand School for Tots“ passt gut als Kommentar zur Debatte um den Ausbau der Betreuungsplätze – und die „leading actress“ Maggie Simpson wäre sicher eine Bereicherung für die deutschen Talkshows, auch und gerade rhetorisch.

Maggie landet nach Sicherheits- und Intelligenztest in der tristen „Nothing Special“-Sektion der Betreuungsanstalt, einem bildgewordenen Alptraum der Kleinkindbetreuung mit tumb-adipösen Kindern und einer Farbpalette von grau bis schwachschwarz. Am freundlich-farbigen Hochbegabtenbereich, in dem ein Periodensystem an der Wand hängt, diverse Apple-Geräte bespielt, aber auch die schönen Künste gepflegt werden, wird sie dagegen vom Anstaltspersonal vorbeigetragen. Ein Schelm, wer böses dabei denkt, steht die Namensgeberin Ayn Rand doch für radikalsten Individualismus und liefert in ihren ziegelsteinschweren Traktaten reichlich Material zur Unterfütterung eines Bildungsdarwinismus (selbstverständlich steht auch eine Figur mit Globus auf dem Rücken in der „gifted area“, ein Hinweis auf den Bestseller „Atlas Shrugged“).

Fernab des Betreuungspersonals sieht sich Maggie rasch gefangen im Kampf gegen ihre Nemesis, dem schwarzbrauigen Baby Gerald, das mit dem Holzhammer Schmetterlinge bearbeitet, die einzig tröstlichen Farbflecken im Normalo-Bereich (das „Ehrliche-Hase-Poster“ an der Wand sagt: „Du hast keine Zukunft“). Wenngleich die Symbolik hier etwas grobschlächtig ist (Schmetterling, Holzhammer), die sich daraus entfaltende Story ist jedenfalls absolut oscar-würdig (Verfolgungsjagd! Nervenzusammenbruch! Happy End!).

Doch zurück zur deutschen Kita-Debatte – jenseits des choreografierten Für-und-Wider um den Stand der baulichen und personellen Bildungsinfrastruktur findet mit der Entwicklung eines immer umfassender werdenden Curriculums für die „frühkindliche Erziehung“ die schleichende Fortführung eines formalisierten, bildungsorientierten Betreuungsansatzes statt. Noch steht die Vergabe von Credit Points für stabilen Turmbau oder kunstvollen Umgang mit Papier und Bastelschere nicht unmittelbar bevor, aber in nicht wenigen Fällen würden sich ambitionierte Eltern darüber sicher freuen. Wohin eine solche Über-Regulierung der Bildung führt, lässt sich am anderen Ende der Ausbildungslaufbahn beobachten – das Studium in den Master-Studiengängen trägt bisweilen die Züge von Oberstufen-Leistungskursen, inklusive aus der Schule bekannter Rollenbilder wie Streber, Sportler, Prinzessin und Außenseiter/in (Rebellen sind eher selten).

Manchmal könnte man meinen, es ginge in der Bildungsdebatte nur noch um Farbgebung und Ausstattung des Lernbereichs der „gifted area“ – wer in die „nothing special“-Abteilung muss, hat sowieso schon verloren. Doch dies allein ist nicht Gegenstand der Debatte – ähnlich wie beim Bologna-Prozess droht auch im Kita-Bereich möglicherweise eine Situation, in der man hierzulande versucht, viele Dinge „zu richtig“ machen zu wollen. Es liegt an der Politik, die Rahmenbedingungen für eine umfassende und möglichst breite Kinderbetreuung zu schaffen – und es liegt an den Eltern, die Messlatte hierfür nicht zu hoch anzulegen.

Nebenbei: „The Longest Daycare“ zeigt nämlich auch, dass selbst im grauen Normalbetrieb große Lernerfolge möglich sind – am Ende führt Maggie ihren rabiaten Gegner hinters Licht, sie rettet das Leben und die Freiheit des Schmetterlings (Fantasie!). Und dann fährt sie im Mittelklasse-Kombi zurück in die Durchschnittlichkeit von 742, Evergreen Terrace.

 

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Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. okay, and sports. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit DR. FAAS. 

 

Foto: ANTROBIUS