Lekker Bandsalat: Die Kassette ist immer noch echte Liebe.

Das sinnliche Erlebnis, mit Kassetten aufzulegen ist eine merkwürdige Mischung aus Sentimentalität und Wiedersehensfreude – unaufhaltsam löst es einen Strom von Erinnerungen aus. #berlinmusicweek12

von Sandra M. Heinzelmann

Die Kassette ist unbestreitbar ein sehr haptischer Tonträger. Sie nimmt sich Platz. Nicht so dekorativ, wie ausufernde Schallplattensammlungen – eher unprätentiös wie im Kassettenregal neben meinem Arbeitstisch. Besuchende haben mich oft gefragt, warum ich diese alten Dinger denn überhaupt noch besitze und nicht schon längst die Musik im digitalen Format nachgekauft habe. Sei doch viel praktischer, die ganze Musiksammlung auf einem klitzekleinen Abspielgerät ständig auf Abruf bei sich haben zu können. Aber so einfach trenne ich mich nicht von „meiner“ Musik.

Mein erstes Album, vom sauer zusammen gesparten Taschengeld erworben, war auf Platte: duftendes Vinyl, mit allen Texten auf einem ausklappbaren Poster. Aber natürlich, wie für viele andere, war die Kassette der Tonträger für den Alltagsgebrauch.

Mit der aufnahmebereiten Kassette im Anschlag saßen wir stundenlang vor dem Radio, rollten die Sender auf und ab auf der Suche nach dem neuen Lieblingslied. Schnelle Reaktion war oberstes Gebot, wenn die ersten Töne erklangen, immer begleitet von der Furcht, dass die Moderierenden entweder zu früh den Titel ausblenden oder in die letzten Akkorde reinquatschen könnten.

Einer Lieblingskassette hört man an, dass sie viel gehört wurde

Im Doppelkassettendeck oder Walkman wurde das mühevoll zusammengestellte Mixtape über und über gespielt. Auch ein Bandsalat bedeutete nicht das Ende dieses Mediums. In Kleinarbeit schnitt ich die zu stark beschädigten Stellen aus dem Band, um es sorgfältig mit dünnem, durchsichtigen Klebeband wieder zusammen zu fügen. Die daraus resultierenden Sprünge in der Musik brannten sich genau so tief in die Erinnerung, wie die Stellen, an denen eine Kassettenseite zu Ende war und ein schnelles Umdrehen für den nahezu ungestörten Musikgenuss erforderlich machte.

Einer alten Lieblingskassette hört man an, dass sie viel gehört wurde. Die verblassende Klangqualität erinnert an die unzähligen Male, wo das Lieblingslied zum Feiern, Träumen, Dahinschmelzen oder aus Liebeskummer lief. Großzügig versuchte ich, das Leiern zu überhören, wenn die Batterien im Abspielgerät schwach wurden, oder das Band beim letzten Familienurlaub zu lange in der Sonne gelegen haben musste.

Die Idee, mit meiner alten Kassettensammlung ein DJ-Set zu bestreiten, entsprang einem nächtlichen Geistesblitz, nachdem ich mich mit meinem Co-DJ über das sinnliche Erlebnis, Musik aufzulegen, unterhalten habe. Digitale Dateien vom Computer zu spielen, das gleicht mehr der Büroarbeit, sinnierte er, durch CDs zu blättern dagegen eher dem beglückenden Gefühl, wie einst im Plattenladen nach neuen Alben zu suchen.

Und Kassetten?

Die nahmen wir mit, um zusammen Musik zu hören. Um stundenlang zu spulen, um den anderen genau dieses eine Lied vorspielen zu können. Manchmal haben wir ein paar Titel von einer Schallplatte mitgeschnitten, die jemand mitgebracht hatte, später von CDs. Immer war es eine besondere Freude, eine sorgfältig zusammengestellte Mix-Kassette geschenkt zu bekommen, auf der fantastische musikalische Neuentdeckungen oder Liebeserklärungen versteckt waren.

Das sinnliche Erlebnis, mit Kassetten aufzulegen ist eine merkwürdige Mischung aus Sentimentalität und Wiedersehensfreude gepaart mit dem Stress, das Band mit dem Stift oder Finger akkurat an die richtige Stelle gespult zu haben. Die Rückmeldungen des Publikums sind nicht minder emotional, wenn sich vergessene Lieblingslieder in fragwürdiger Klangqualität durch die Lautsprecher schlängeln und unaufhaltsam einen Strom von Erinnerungen auslösen. Damals hinterm Mond.

 

Sandra M. Heinzelmann legt Kassetten ein. Aus Liebe. Zum Beispiel beim turbo Tuesday in Friedrichshain.

 

Fotos: J. LÖh & SMH