“Man kann Krebs auch überleben.”

Es gibt diese eine Zeit im Leben, wenn Dir die Welt zu Füßen liegt. Wenn Du Dir nur vorstellen kannst, dass es immer besser wird. Wenn Du durchstarten willst. Und dann die Diagnose: Krebs.

Über Krebs zu reden ist für viele ein Tabu. Dabei betrifft es viele von uns selbst – aber auch unsere Familien, Freunde und Kollegen. Die Fotografin Christine Feser präsentierte auf dem Festival 48 Stunden Neukölln die beeindruckende Arbeit Love, Loss, Legacy, in der sie sich mit Brustkrebs auseinandersetzt.

von Christine Feser

“Das Thema Brustkrebs betrifft mich insoweit, als meine Mutter von ihm betroffen war. Und dies intensivierte sich, als mein Großvater an Lungenkrebs erkrankte. Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich viel in meinem Leben. Mein Großvater ist gegangen, meine Mutter hat überlebt. Ich begann mich mit dem Tod auseinanderzusetzen und begriff, dass dieser zwangsläufig zum Leben dazugehört. Ich begann auch eine Angst zu entwickeln, eventuell auch einmal an Brustkrebs oder einer anderen Art von Krebs zu erkranken.”

antrobius: Was hat Dich an den Frauen, die mit der Krankheit umgehen, am meisten beeindruckt? Und was heißt die Krankheit und ihre Behandlung vor allem für das Selbstbild von Frauen?

“Ich habe nur meine Mutter erlebt und kann von daher nicht sagen, wie andere Frauen damit umgehen. Ich weiß, dass sie sehr gekämpft hat – aber dem Krebs teilweise auch mit Ignoranz begegnet ist und damit versucht hat, der Krankheit so wenig wie möglich Platz in ihrem Leben einzuräumen.

Ich thematisiere ja auch in meiner Arbeit nicht direkt den Krebs, sondern eher die Folgen einer Chemotherapie, wozu auch der Haarverlust gehört. Dies stelle ich mir persönlich sehr schwer vor, gerade weil das Haar auch für die meisten Frauen sehr wichtig ist. So stehen die Selbstporträts von mir auch für viele verschiedene Frauen die es betrifft oder betreffen könnte.

Meine Mutter hatte, seit ich Sie kenne, Kurzhaar-Frisuren. Bis zur Chemotherapie. Als Sie wieder gesund wurde, ließ Sie ihr Haar wachsen, was mich sehr beeindruckte. Es schien wie eine Kampfansage an den Krebs: Du kommst nicht zurück, meine Haare schützen mich.”

antrobius: Wie waren die Reaktionen auf Deine Arbeit?

“Das Thema Krebs schlug den meisten Betrachtern auf den Magen. Ich hörte Sätze wie : „Puh, das ist mir zu schwer “ oder „Damit kann ich nichts anfangen“. Ich denke, es ist für viele Menschen, die nicht selbst davon betroffen sind oder jemanden im näheren Umkreis haben, der davon betroffen ist, schwer sich der Thematik anzunähern. Eben weil es in vielen Fällen eben auch um den Tod geht – und wer spricht schon gerne vom Tod. Mir persönlich fehlen auch oft die Positivbeispiele von Menschen, die es geschafft haben, den Krebs zu besiegen. Auch das ist ein Seite der Krankheit: dass man sie auch überleben kann.

Fakt ist, dass Krebs immer häufiger auftritt und dass früher oder später sich die meisten, sei es mittel‐ oder unmittelbar, damit auseinandersetzen müssen.”

antrobius: Warum müssen wir über das Thema Brustkrebs reden?

“Ich weiß nicht, ob man über das Thema Brustkrebs reden muss; wohl eher über das Thema Krebs allgemein und warum es immer häufiger auftritt. Was ja mit Sicherheit auch eine Folge unserer Gewohnheiten als Menschen ist und vom mangelnden Respekt für unsere Umwelt kommt. Man könnte hier ewig weit ausholen, das würde aber den Rahmen sprengen. Ich denke generell ist es nicht schlecht sich auch über dieses Thema Gedanken zu machen und natürlich zur Vorsorge zu gehen und auf seinen Körper zu achten und ihn gut zu behandeln.”

 

 

    

 

 

Die Fotografin Christine Feser hat beim Lette Verein studiert und beim 4th Annual Westphoto Photography Prize den 1. Preis erhalten.