MEHR ALS EINER

 

»Ich gehe auf den Maidan. Wer kommt mit?«, schrieb der ukrainische Journalist Mustafa Najem im November 2013 auf Facebook. Aus einer lokalen Demonstration gegen die autokratische Entscheidung des Präsidenten Viktor Janukowytsch, das EU-Assoziierungsabkommen nicht zu unterzeichnen, wurde eine landesweite Protestbewegung. Die ukrainische Journalistin Tanja Maljartschuk beschreibt in einem fesselnden Text, wie sie diesen Protest erlebte.

von Tanja Maljartschuk

Es heißt, der Mensch versteht nur das, was er selbst erlebt hat. Das glaube ich gern. Ich verstehe sehr viel nicht, denn ich habe in meinem Leben noch zu wenig erlebt. Das Jahr 2013 war für mich jedoch in jeder Hinsicht ein Zeichen. Das Spektrum des Erlebten reichte vom völligen Abtauchen in die Dunkelheit bis zu Tränen der Trauer und der Reinigung, vom völligen Verlust meiner selbst bis zu dem Gefühl, wieder Boden unter den Füßen zu haben – und sogar einen Himmel über dem Kopf. Ob dieser Himmel friedlich sein wird, ist eine Frage der Zeit, mehr nicht. Es war wichtig zu wissen, dass es ihn überhaupt gibt.

2013 feierte ich meinen dreißigsten Geburtstag, und es waren genau drei Jahre, seit ich durch meine Übersiedlung von Kiew nach Wien zur Emigrantin geworden war. Im Frühling, genauer gesagt im März, zeigten sich die ersten Symptome einer Angststörung. Ohne jeden Grund packt dich plötzlich die Panik, alles um dich herum dreht sich, du bekommst keine Luft, dein Herz schlägt wie verrückt, der Schweiß bricht dir aus, die Wirklichkeit ringsum verschwimmt, sie ist wie aus Plastik, und du glaubst, jetzt gleich, im nächsten Moment, bist du tot. Solche Panikattacken, sagen die Psychologen, seien ein Übel der heutigen Welt, immer mehr Menschen würden unter Angst leiden. Panikattacken haben die früher weit verbreiteten Depressionen abgelöst, die wiederum die Hysterie des 19. Jahrhunderts abgelöst hatten. Diese vielleicht unangemessenen Details nenne ich nicht, um Mitleid zu erregen, sondern weil mir heute klar ist: Damit begann mein persönlicher Maidan. Er begann bereits im März 2013.

Während der ersten Panikattacke hätte ich mich notfalls aus dem Fenster gestürzt, nur damit sie aufhört. Danach verließ ich einen Monat lang nicht das Haus, aus Angst, ich könnte Angst bekommen, und so war es auch. Diese grundlose Angst begleitete mich von da an jeden Tag, jede Minute: Sie verwandelte sich in etwas Absolutes, in ein Ding an sich, und machte mich zu ihrer Gefangenen. Ich gebe zu, dass ich schon immer ängstlich gewesen bin; jetzt aber wurde die Angst körperlich, sie spielte sich sozusagen auf chemischer und physikalischer Ebene ab, sie verwandelte sich in eine unkontrollierbare Macht, die mein Herz vom Brustkorb hinauf in den Hals schnellen ließ. Herz im Hals, so nannte ich meinen Zustand und musste die Zähne zusammenbeißen, damit es nicht heraussprang. Beruhigungsmittel, Atemübungen, nichts half. Ein Bekannter mit ähnlichen Symptomen empfahl mir kopfzustehen, ihm helfe das. Mir half es nicht, ich hatte Angst, mir das Genick zu brechen. Ich hatte vor allem Angst. Im Scherz behauptete ich, dies sei die Rebellion meiner Wurzeln, mein innerer Aufstand, auf diese Weise räche sich die Ukraine an mir.

Die Übersiedlung nach Österreich hatte keine politischen Gründe, sie war nicht geplant, alle Entscheidungen fielen spontan und blitzartig. Mein Mann ist Österreicher, in der Ukraine hatte er nichts zu suchen, während ich nicht besonders viel zu verlieren hatte. Ich fühle mich überall wohl, wo es einen Tisch und einen Computer gibt, sagte ich mir, das Mittelalter ist vorbei, heutzutage existieren diverse Möglichkeiten, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben, ich war und bin Ukrainerin, die Entfernung zwischen Wien und Iwano-Frankiwsk, meiner Heimatstadt, beträgt gerade mal 700 Kilometer … und so weiter.
In Wahrheit bin ich geflüchtet: vor der Ukraine und vor mir selbst.

Zum Zeitpunkt dieser Flucht war Wiktor Janukowytsch bereits ein Jahr Präsident. Ich arbeitete als investigative Journalistin für einen Fernsehsender. Als bekannt wurde, wer die Wahlen gewonnen hatte, brach etwas in mir zusammen. Ich dachte, dass am nächsten Tag in diesem Land vor lauter Scham niemand aufwachen wird, das war ein Hexensabbat, ein Schlag ins Kreuz, jemand spuckte uns ins Gesicht. Aber am Morgen erwachte das Land, rappelte sich hoch, wischte sich die Spucke aus dem Gesicht und überwand den Schock. Schnell gewöhnte es sich an den neuen Alltag. Dieser neue Alltag war brutal und zynisch. Das Verbrechertum hatte seinen Präsidenten bekommen und Legitimität erlangt, der russische Knastgesang wurde zur neuen Ukrainischen Hymne. Ich und Millionen andere wurden zu Geiseln von Grobheit und Gewalt. Der oberste Parasit ließ sich auf dem vermoderten Staatsgerüst nieder, das die Ukraine fast widerstandslos und ohne Modifikationen aus der Sowjetunion übernommen hatte, und triumphierte. Sehr schnell versammelte er seinesgleichen um sich, schuf eine neue Hierarchie und begann alles Lebendige und Menschliche auszusaugen. Er war nicht die Ursache, sondern nur die Folge des Zerfalls der ukrainischen Gesellschaft, seine Apotheose. Das »Ukrainische« starb, und das spürte nicht nur ich. Die Ukraine als eigenständige politische Einheit produzierte nichts als Korruption, Lüge, abgrundtiefen Kitsch und Angst. Das Prinzip des Stärkeren herrschte unumschränkt. Der Sinn ihrer Existenz verflüchtigte sich mehr und mehr: mit jeder neuen Entscheidung der Machthaber, mit jedem neuen politischen Gefangenen, mit jedem neuen Palast, der mit einer drei Meter hohen Stahlbetonmauer vor den Untertanen, den Knechten geschützt wurde, mit der allabendlichen Nachrichtenausgabe der staatlichen Fernsehsender, die vor Lügen strotzte.

Viele meiner Freunde sprachen von innerer Emigration. Viele von ihnen verloren ihre Arbeit. Kluge Journalisten wurden entlassen, statt ihrer systemhörige eingestellt. Die Reste der Freiheit verlagerten sich ins Internet und auf Facebook. Die Intellektuellen, die sich schon vorher am Rand der Gesellschaft befunden hatten, wurden noch weiter abgedrängt, an den Rand des Randes, und dort kläfften sie hin und wieder ein bisschen, ohne Hoffnung, gehört zu werden. Niemanden beeindruckte mehr, wer wie viele Millionen gestohlen, wer wen umgebracht oder vergewaltigt hatte und wo. Die Rhetorik der Beamten, die für die »Verbesserung« (dieses Wort wurde zum Symbol der neuen Macht) arbeiteten, brachte typische Breschnewianismen hervor: »Der Premierminister gratuliert den Bewohnern der Region XY zur Eröffnung des neuen Obstlagers«, »Der Präsident erteilt der Regierung den Befehl, den Rinderbestand um das Neunhundertfache zu vergrößern«, »Schüler sticken in Kreuzstich das Porträt des Präsidenten«. Eine verrückte Zeitmaschine beförderte uns mit kosmischer Geschwindigkeit in die sowjetische Vergangenheit zurück. Wer nicht mitfliegen wollte, musste mit dem Fallschirm abspringen.

Eine meiner letzten Aufgaben als Journalistin war dem Tag der Unabhängigkeit gewidmet. Gemeinsam mit Kameramann und Fahrer legten wir in drei Tagen zweitausend Kilometer zurück, vom östlichsten Osten bis in den westlichsten Westen; wir besuchten alle wichtigen Orte, an denen sich in verschiedenen Jahrhunderten das Schicksal der Ukraine entschieden hatte, und überall stellten wir dieselbe Frage: »Hatten Sie so eine Ukraine im Sinn, als Sie 1991 für die Unabhängigkeit stimmten?« Niemand antwortete mit »Ja«. Das hatte ich erwartet, doch mich faszinierte etwas anderes. Während einer so weiten Reise, wenn man in kurzer Zeit fast das ganze Land durchquert, erscheint es plötzlich so greifbar, als hätte man es vor sich auf der Handfläche. Damals erschien mir die Ukraine als eine einzige eklige Wunde, mit gebrochenen Menschen, die ihre Vergangenheit nicht kennen und an ihre Zukunft nicht glauben. Viele von ihnen verwendeten das Wort »Ukraine« als Schimpfwort. Andere zogen sich mit Scherzen und Witzen aus der Affäre. Irgendwo zwischen Schimpfen und Scherzen hätten sich zarte Triebe der Identität zeigen sollen. Doch in 23 Jahren war dort nichts gewachsen als Scham und Hass: Die Ukrainer, die wir trafen, wollten entweder keine Ukrainer sein, oder sie schämten sich, dass sie es waren.

Europa hat längst vergessen, was es heißt, stolz auf seine Nationalstaaten zu sein. Europa hat es nicht mehr nötig, seine Identität versteht sich von selbst, sie ist ein Faktum. Bestenfalls ist Nationalstolz hier unangebracht, schlimmstenfalls handelt es sich um eine Reinkarnation des Nationalismus. Links zu sein ist in Europa Ehrensache. Das europäische Linkssein, T-Shirts mit Hammer und Sichel, rote Sterne auf Käppchen – all das war In meiner ersten Zeit in Wien sehr schmerzhaft für mich. Denn ich hatte in meinem Koffer nichts mitgebracht als meine unter der roten russischen Sonne versengte Heimat, eine nach Sibirien deportierte Vergangenheit, ein mit russischer Propaganda vollgestopftes Hirn – und die Angst. Angst, ein Mensch zu sein, Angst, Rechte zu haben, Angst vor der Freiheit und vor der Verantwortung für das eigene Leben.

Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich meine ganzen dreißig Jahre lang Angst davor hatte, die Tür des Büros eines Beamten zu öffnen?

Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich niemandem, absolut niemandem vertraue?

Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich auf die Frage: »Welche sind deine fünf besten Eigenschaften?« nicht antworten kann.

Ich könnte keine einzige nennen.

Ich wäre froh, wenn diese Persönlichkeitsstörungen mich allein betreffen würden. Wenn man mir sagte: Du hast einfach einen Knacks, Tanja, solche wie du werden in jeder Gesellschaft geboren. Aber das stimmt leider nicht. Von meiner Sorte gibt es Millionen. Auf die Frage »Welche fünf positiven Eigenschaften hat die Ukraine?« werden diese Millionen ebenso schweigen, wie ich geschwiegen habe. Oder sie sagen das einzig noch Mögliche: Die Ukraine ist nicht Russland. Die nationale Idee der Ukrainer stützte sich zumindest in den letzten hundert Jahren nur auf diese Negation. Es war und bleibt das letzte Argument eines Unterdrückten in einer aussichtslosen Okkupation. Der letzte Vorposten zur Verteidigung, der aber keinen Schutz bot, denn »Nichtrussland« zu sein ist zu wenig, um Ukraine zu sein. »Nichtrussland« ist trotz allem noch Russland.

In den drei Jahren meines Emigrantendaseins suchte ich für mich nach Definitionen, die keine Verneinung, sondern eine Affirmation implizierten, doch ich wurde nicht fündig. So sehr ich mich auch wand und selbst belog, alle in meiner Umgebung, die den von mir zubereiteten ukrainischen Borschtsch kosteten, wussten trotzdem, wer ich bin und woher ich komme. Und je mehr sie wussten, desto heftiger lobten sie meinen Borschtsch. Dieses Lob konnte sich so anhören: Die Ukraine ist ein gigantischer Sumpf voll Korruption und Unfreiheit, aber dein Borschtsch ist vorzüglich. Die Ukraine exportiert ausschließlich Gastarbeiter, Prostituierte und Oligarchen nach Europa, aber dein Borschtsch ist vorzüglich. Die Ukraine hat alles, was möglich war, verspielt und einen zweifach verurteilten Verbrecher zum Präsidenten gemacht, aber dein Borschtsch ist ausgezeichnet. An irgendeinem Punkt hatte ich genug vom Borschtsch und wechselte zur italienischen Küche. Drei weitere Negationen kamen zu meiner Identität hinzu: Ich bin nicht gleich ukrainischer Borschtsch. Ich bin nicht die ukrainischen Lieder. Ich bin nicht die ukrainische Trachtenbluse.

Das »Nicht« überwog, und ich begann, an meiner Existenz zu zweifeln. Damals verlor ich den Boden unter den Füßen, mein Herz übersiedelte endgültig in den Hals, die Realität verwandelte sich in Plastik, und die österreichische Ärztin, die mich nach meiner ersten Attacke untersuchte, riet mir, meinen Lebensstil zu ändern. Sie schaute mich mitleidig an, denn sie wusste, dass die Änderung des Lebensstils nicht hilft, wenn es nichts gibt, auf dessen Grundlage man etwas ändern könnte.

Das einzige Ritual, das mir wichtig war, war das Feiern meines Weihnachtsfestes, genauer gesagt des Heiligen Abends am 6. Januar. Zwölf Fastenspeisen auf dem Tisch, hauptsächlich aus Bohnen, roten Rüben, Kartoffeln, Kraut und Pilzen zubereitet. Ein Bündel Heu unter dem Tisch und ein paar Zeilen aus Großvaters Weihnachtslied, das er – mein Großvater – immer am Heiligen Abend nach dem dritten Gläschen Selbstgebranntem gesungen hatte. »Bruder für Bruder, Schwester für Schwester, sie legen Fesseln an, in Sibirien sterben sie, für die Ukraine.« Jedes Jahr singe ich dieses Weihnachtslied, genauso wie es mein Großvater gemacht hat. Nicht, weil mich der traurige Text berührt. Die ukrainische Folklore ist reich an Verherrlichung sinnloser Opfer für eine Ukraine, die es nach wie vor nicht gibt.

Aber wenn ich das Lied singe, spüre ich die Anwesenheit meiner Großeltern, schon lange tot, schweigsam, gebeugt, von Arbeit und Kolchosen verbraucht. Sie oder vielmehr die Erinnerung an sie ist alles, was mir von meinen Wurzeln und jener anderen, echten Ukraine geblieben ist. Die Sowjetunion hatte sie nicht zu Sowjetbürgern gemacht. Bis zum Ende waren sie treue Hunde ihrer Erde gewesen. Ungebildet, doch sie wussten mehr als ich, die ich Bildung genossen habe. Sie hatten Rückgrat, hatten Charakter, hatten Geschichte. All das, was ihre Kinder nicht mehr hatten und auch ich nicht mehr habe. Und jedes Mal, wenn der Großvater »Bruder für Bruder« anstimmte, sah ich Tränen in seinen Augen, als wollte er sagen: Entschuldigt, dass wir versagt und euch als Sklaven geboren haben.

Ein Teufelskreis von ewigem Kampf und ewiger Niederlage. Der Unabhängigkeitskrieg gegen das bolschewikische Russland von 1918 bis 1921: verloren. Der Großteil der Elite emigrierte. (Über sie sollte der ebenfalls emigrierte Dichter Oleksandr Oles später sagen: »Wir winden uns wie Würmer auf den Müllhalden Europas.«) Der Rest der Elite kam infolge von Stalins Repressionen um. Die Unabhängigkeitsbewegung in den Jahren 1940 bis 1954 (ihretwegen bezeichnet Russland die Ukrainer nach wie vor als Faschisten): gescheitert. Es wurde gemordet und deportiert, Völker wurden eingelocht, umgetopft, ganze Regionen aus dem Gedächtnis gelöscht. Mein Großvater wurde nicht deportiert, weil er sich für geisteskrank ausgab. Seine Schuld, seine Ohnmacht und seine Einsamkeit sind das, was ich jeden 6. Januar empfinde.

Der Mensch versteht nicht, was er nicht selbst erlebt hat. Dem kann ich nur zustimmen. Und bei manchen Dingen wünsche ich mir, dass niemand sie jemals am eigenen Leib erfahren muss. Zum Beispiel das Gefühl der unabwendbaren Niederlage der eigenen Generation. Genau das über kam mich, als bekannt wurde, dass das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnet werden sollte. Dass wir wie Vieh nach Asien verkauft wurden, gemeinsam mit unseren verstorbenen Großeltern, mit unseren Werten und Ansichten, mit unseren Freunden und Nichtfreunden, wo wir nicht hingehören, wo wir fremd sind. Die Reste der Wurzeln wurden ausgegraben und auf den Müll geworfen, weit weg von jeglicher Erde, in der sie noch Chancen gehabt hätten anzuwachsen. Ich saß vor dem Computer und weinte. Der ukrainische Journalist Mustafa Najem schrieb auf Facebook: Ich gehe auf den Maidan, wer kommt mit? Innerhalb weniger Minuten meldeten sich mehr als tausend Menschen, die bereit waren mitzugehen. Ich wischte mir die Tränen ab, aber das Gefühl der Niederlage blieb. Es blieb auch, als die Polizei zum Ersten Mal Gewalt gegen die friedlichen Demonstranten einsetzte. In der Breschnew-Rhetorik trat das Böse immer deutlicher zutage, seine hässliche Fratze wurde sichtbar, und es war klar, dass es unter keinen Umständen Kompromisse eingehen würde, und das Schlimmste: Das Böse war Teil von uns. Der »Berkut«, der wehrlose Mitbürger raffiniert verhöhnte, die bezahlten »Tituschky«, die für zwanzig, dreißig Euro bereit waren, ihren Nachbarn zu töten – sie alle sind ebenso Ukrainer wie ich. Ukrainer, die weder Ehre noch Würde haben. Eine Armee von Schuften. Sie machte einen unbesiegbaren Eindruck.

Aber je mehr man das Fehlen von Ehre und Würde bei anderen wahrnimmt, desto augenscheinlicher wird, wofür man sich selbst entscheiden musste. Je unabwendbarer die Niederlage erscheint, desto wichtiger wird der Kampf. Die Erkenntnis in diesen vielleicht abgedroschenen und sogar banalen Sentenzen hat mir das Leben gerettet. Die Panikattacken kamen nun ununterbrochen. Ich konnte weder schreiben noch sprechen. Mein Körper verlangte nach Solidarität mit jenen Kamikazekämpfern, die auch weiterhin auf dem Maidan in Kiew standen. Drei Tage suchte ich im Internet nach Gleichgesinnten in Wien, nach Ukrainern, deren Körper ebenso nach Solidarität verlangten und die bereit waren, so lange vor der ukrainischen Botschaft in Österreich zu stehen, wie auch der Maidan stehen würde. Einfach stehen, ohne Hoffnung auf Sieg. Nach langen Diskussionen und viel Überzeugungsarbeit setzte ich ein Treffen in einem Wiener Kaffeehaus fest, ohne zu wissen, ob überhaupt jemand kommen würde. Die Fahrt in dieses Kaffeehaus werde ich nie vergessen. Sieben Stationen mit der U-Bahn. Bei jeder Station musste ich aussteigen, um Luft zu holen und eine Station weiter fahren zu können. Die Angst lähmte mich, ich war die Angst selbst, ein Kaninchen, das freiwillig ins Messer lief. Und im Kaffeehaus warteten auf mich…zwei. Wir kannten uns nicht. Zwei mir fremde Menschen, die bereit waren, gemeinsam mit mir zu demonstrieren. Das ist das Wunder von Einheit und Kraft, die der Einigkeit entspringt – das ist, was mir meine Überzeugung zurückgegeben und Hoffnung geschenkt hat, was mich tausend Mal mutiger gemacht hat. Die Worte »Bruder für Bruder« aus Großvaters Weihnachtslied verstand ich nun besser als je zuvor. Allein sind wir niemand, eine Delikatesse auf dem Tisch jener, die glauben, dass sie die Welt beherrschen. Wenn wir mehr sind als einer, sind wir eine Macht, die selbst einer ganzen Armee von Schuften im Hals steckenbleibt.

Nach diesem Treffen im Kaffeehaus passierte noch viel. Elf Tage lang demonstrierten wir vor der Botschaft. Immer neue Leute schlossen sich uns an. Der Kampf verlagerte sich auf eine andere Ebene, synchron mit den Ereignissen auf dem Maidan in Kiew. Und der Begriff Maidan verlor seine geographische Bedeutung, er wurde zu einem Zustand der Einheit und des Vertrauens. Zu etwas Neuem, das ich noch nie erlebt hatte. Die Geburt eines neuen Vaterlandes, das bereit ist, trotz Angst und einer ungewissen Zukunft, für die Menschlichkeit einzustehen, Opfer für die Ukraine zu bringen, die es nach wie vor nicht gibt, aber die es vielleicht irgendwann geben wird.

Meine Angst ist nicht verschwunden, sie hat sich noch oft zu Wort gemeldet. Vor allem als Menschen zu sterben begannen und ich den dumpfen und bodenlosen Schmerz des unschuldigen Todes miterlebte. Als ich viele Stunden im Zimmer saß, bewegungslos, ohne zu stöhnen, ohne zu schreien, einfach nur dasaß und mir vorstellte, wie viele tote Körper hier, auf dem Boden des Zimmers, nebeneinander Platz hätten. Als mein Mann plötzlich vor meinen Augen in Tränen ausbrach und ich keine Kraft hatte, ihn zu umarmen und zu trösten oder gemeinsam mit ihm zu weinen. Als die Armee des Nachbarlandes mein Land betrat. Die Angst ist nicht verschwunden, sie war und bleibt da. Freiheit macht Angst. Verantwortung macht Angst. Aber es gibt nun ein System von Koordinaten und festen Boden unter den Füßen. Mir scheint, ich beginne eine Ahnung davon zu bekommen, wer ich bin.

23. März 2014
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck

Tanja Maljartschuk, geboren 1983 in Iwano-Frankiwsk, Journalistin und Schriftstellerin, lebt seit 2011 in Wien. Ihr Text erschien in “Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht” und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags. 

 

EuromaidanEUROMAIDAN
Was in der Ukraine auf dem Spiel steht
herausgegeben von Juri Andruchowytsch

erschienen 2014 in der
edition suhrkamp

D: 14,00 €
A: 14,40 €
CH: 20,90 sFr

Broschur, 180 Seiten
ISBN: 978-3-518-06072-8

 

 
Foto: Antrobius