Mode und Kunst? »(F)art«!

 

„Schreib‘ was über Seth Price“, so lautete mein (einfach zu scheinender) Auftrag der werten Fachzeitschrift ANTROBIUS. Doch dann dauerte der Besuch des Ausstellungsraumes doch nur wenige Minuten. Randbemerkungen zur dOCUMENTA (13) auf der Suche nach der Mode in der zeitgenössischen Kunst.

Von Alf-Tobias Zahn

100 Tage, 100 Künstler, 100 Orte! 860.000 Besucher! Besucherrekord! Die dOCUMENTA (13) geizte nicht mit Superlativen und Positivnachrichten. Die hessische Kleinstadt Kassel, im Kern vornehmlich hässlich und zubetoniert (da helfen auch die Karlsauen nichts), war wiederum einmal Schauplatz der  größten (!) und wichtigsten (?) Kunstausstellung der Welt. Wobei: War sie nicht schon politischer (Ingo Arend von der taz verneint vehement) und künstlerisch wertvoller (Ai Weiweis „Template“ 2007)?

Aus deutscher Sicht war alleine schon die geografische Verknüpfung zur zweiten dOCUMENTA (13) Stadt Kabul politisch – nicht umsonst mussten sich die Besucher alleine schon beim Blick auf das grüne Begleitbuch damit auseinandersetzen, was wir über Afghanistan eigentlich wissen – außer den Schlagwörtern „Taliban“, „Opium“ und der Bundeswehr in einer nicht enden wollenden (Friedens)Mission. Umso eindrücklicher waren Arbeiten wie der fiktive Kurzfilm „Continuity“ des israelischen Künstlers Omer Fast, der traumatisierte Eltern dazu bringt, die Rückkehr ihres im Afghanistan-Krieg schon längst gefallenen Sohnes durch immer wieder neu angeheuerte Call-Boys zu durchleiden – verbunden mit seltsamen Sex-Fantasien.

Überhaupt war eine der am nachhaltigsten wirkenden Räume und Arbeiten die des Libanesen Rabih Mroué, der den Bürgerkrieg in Syrien förmlich spürbar macht. Spielerisch mit meinem Daumen und nach dem Druck auf den Lautstärkeknopf sausten die einzelnen Fotografien in Stop-Motion über meine Finger und machten das syrische Martyrium förmlich greifbar. Manche noch taumelnd ob der zupackenden Art dieser Kriegsdarstellung gerieten dann noch, auf dem Weg durch den Raum, direkt in die Schusslinie – zwischen die verpixelten, aber überlebensgroßen Fotografien der Heckenschützen und einem unschuldigen Opfer, das nach dem Knall des Gewehres blutüberströmt zu Boden sinkt.

Kunst kommt ohne Mode aus

Dagegen wirkten die metaphorisch daniederliegenden zypriotischen Sendemasten von Christodoulos Panayiotou oder die kruden, an einen schlecht gelaunten Aphex Twin erinnernden, Soundcollagen von Florian Hecker nahezu – und rein subjektiv – nebensächlich und bedeutungsarm. Und so kam mir die Arbeit von Seth Price zum Thema „Mode“ ebenfalls vor: Eine Kleiderkollektion aus leichten Stoffen, 2011 entworfen und gestaltet, die an Soldatenuniformen erinnern sollten. Kombiniert mit einem aus Sicherheitsmustern von Geschäftsbriefen bedruckten Innenfutter. Und: Überdimensonierte Geschäftsbriefumschläge, ebenfalls aus Leinen, mit Reißverschlüssen und allem Pi-Pa-Po. Zum Tragen gedacht, zum Liegen verdammt.

„Und was will uns der Künstler damit sagen?“, könnte als Frage kommen, die so nicht zu beantworten ist. Eher schon, was die dOCUMENTA (13) über den Zustand der Mode in der zeitgenössischen Kunst aussagt, etwa durch die bloße Ignoranz von Modedesignern, die bis auf Seth Price gänzlich im Programm fehlen, oder die fehlende künstlerische Kraft der Mode, die es eben aus rein qualitativen und vor allem soziopolitischen sowie gesellschaftlich relevanten Gründen nicht mehr zur dOCUMENTA (13) geschafft hat.

Das ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Armutszeugnis für die Mode und ihre Daseinsberechtigung als Kunst in unserer heutigen Gesellschaft.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Christina Rupprecht (Bilder von Seth Price) und dem Herausgeber dieser Fachzeitschrift Wolf-Christian Ulrich (Artikel- und Titelbild)

Immer nur Mode? Nein, es gibt noch so viel zu erzählen, über die dOCUMENTA (13) – über Ida Applebroog und Jessica Warboys, Theaster Gates und Goshka Macuga. Mehr dazu von Alf-Tobias in zwei Wochen wieder bei Antrobius (vielleicht doch wieder über Mode) und in Kürze auch wieder einmal bei den Kollegen von /e-politik.de/.

Die Fachzeitschrift bedankt sich herzlich und sagt: Let’s agree to disagree :) Wir sind noch nicht fertig mit der Kunst! Bis in zwei Wochen!