#nachSnowden – Die neue Zeitrechnung

 

Ein Jahr nach Snowden – ist die aktuelle Einheit der Zeitrechnung im Bereich der Bürgerrechte. Ein Jahr, in dem wir viel gelernt haben über das Tun und Lassen unserer und befreundeter Regierungen. Ein Jahr, in dem wir viel davon auch wieder vergessen haben. Gut, dass uns zwei Bücher auf dem Laufenden halten!

Erstaunlich, dass die Enthüllungen des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Snowden bei den vergangenen Wahlen eine eher geringe Rolle gespielt haben. Erstaunlich, dass so viele Bürger dieses Themas müde sind. Einerseits sind wir stolz auf unsere Werte. Andererseits scheint es die meisten nicht zu interessieren, wenn sie durch unsere Regierungen einfach hintertrieben werden. Abgeschafft werden.

Zwei Bücher bringen uns pünktlich zum Jahrestag der Enthüllungen auf den Stand. Pflichtlektüre für alle, die Neuland verstehen wollen. Zum einen die minutiöse Zusammenfassung dessen, was die Auswertung der Dokumente bisher an Erkenntnissen gebracht haben – zum anderen der Hintergrundbericht über die Affaire Snowden selbst. Im Doppelpack gelesen: unverzichtbar.

Vor allem deshalb, weil immer weiter in Vergessenheit gerät, an welchem Punkt der Massenüberwachung wir längst angekommen sind. Übrigens ohne, dass die Regierungen konkret nachweisen können, wie viele mögliche Terroranschläge dadurch wirklich verhindert wurden. Glenn Greenwald fasst all dies in „Die globale Überwachung“ noch einmal zusammen. Grade im Lichte der neuesten Erkenntnisse über die Arbeit des BND wird deutlich, warum sich deutsche Politiker mit dauerhafter Kritik am Treiben britischer und amerikanische Geheimdienste so zurückhalten. Sie tun es alle.

Auch bedrückend: Greenwalds Schilderungen von der Arbeit der Presse und des Fernsehens und das stellenweise frappierende Versagen der Journaille, bei diesem Thema nachzubeißen und genauer hinzusehen. Es wirft kein gutes Licht auf Teile unsere Zunft.

Den genauen Verlauf der Affaire Snowden selbst, die „Geschichte einer Weltaffaire“ (und nichts geringeres ist es auch) schildert der Guardian-Journalist Luke Harding in „Edward Snowden“. Es ließt sich wie ein Politkrimi – so spannend und unerhört – und es ist schockierend, dass es sich wirklich so zutrug. An einigen Details ist nicht klar, ob nun Greenwald oder Harding richtig liegen – aber das macht die Parallellektüre nur spannender. Die Beherrschung des Internets durch den Staat, die unfassbaren Einmischungen staatlicher Stellen in die journalistische Arbeit (wer hat noch in Erinnerung, dass britische Geheimdienstmitarbeiter Festplatten des Guardian zerstören ließen?!), immer am Limit der staatlichen Zensur und das in unseren westlichen Demokratien — diese beiden Bücher lassen uns aufhorchen und skeptisch werden.

Wir sollten unsere Politikern weit mehr Fragen stellen, als wir das tun. Auf die Nerven gehen. Nicht vergessen. Denn egal kann uns das alles nicht sein. Aber Bürgerrechte sind den Bürgern manchmal schwer zu vermitteln. Wer meint, ihn gehe das alles nicht an, sollte sich vorstellen, sein privater Computer sei verbunden mit einem der großen Werbebildschirmflächen am Bahnhof Deiner Stadt. Jeder ließt mit. Jeder sieht Dich. Immer noch egal?

Diese Weltaffaire ist längst nicht zuende. Auch wenn das mancher hoffen mag.

 

SnowdenEDWARD SNOWDEN
von Luke Harding

 

erschienen bei
EditionWELTKIOSK

 

 

 

ÜberwachungDIE GLOBALE ÜBERWACHUNG
von Glenn Greenwald

erschienen bei DROEMER

 

 

 

 

 

Fotos: Cover der Verlage

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