Neulich in Palo Alto. Ich so, Fry’s. Fry’s so, (Modemknistern).

 

Wenn ein Elektronikfachmarkt dem Onlinehandel trotzt und den Geist einer ganzen Branche atmet: Paradies für Geek Dad CHRISTOPH BIEBER , der bis Paolo Alto fuhr, um einen würdigen Spielzeugladen zu finden.

Von Christoph Bieber

Die Portage Avenue in Palo Alto ist eine eher wenig bekannte Seitenstraße unweit einiger Hauptschauplätze der Erfolgsgeschichten des Silicon Valley – im Umkreis von vielleicht zwei Meilen finden sich große Adressen der IT-Branche: das historische Palo Alto Research Center, die Gebäude von SAP USA oder der (immer noch) recht weitläufige Campus von Hewlett Packard.

Zwei Blocks abseits des Camino Real, der alten spanischen Missionsroute und inzwischen viel befahrenen Schlagader des Silicon Valley, stehen IT-Touristen vor einem schmucklosen Flachbau, dessen Eingangsbereich von bronzefarbenen Pferdefiguren auf leuchtend orangenen Pollern geziert ist – über dem Eingang steht auf ein paar Holzbrettern der Name eines Baufachmarkts kalifornischer Prägung: „Fry´s Electronics“. Hinter den Türen findet die Irritation eine nahtlose Fortsetzung, denn man verläuft sich zwischen Kabelrollen, Platinen, Speicherchips, Festplatten, aber auch Flachbildfernsehern, Waschmaschinen und Kinderspielzeug. Zwischen all den Konsumgütern für den modernen vernetzten Haushalt lauern dann Klapperschlangen, lebensgroße Cowboy-Figuren und der Eingang zur „Lost Silicon Mine“, inklusive kupferfarbenen Schienenfahrzeugen, auf denen eine Auswahl aktueller Notebooks dekoriert sind.

Dieser „Elektronikfachmarkt“ ist keine Erfindung und auch keine Filmkulisse, sondern eine Filiale der Fry´s-Kette, die seit den 1980er Jahren Computer, Software und Zubehör anbietet, anfangs auch mit einer reichhaltigen Auswahl an Nahrungsmitteln, was zum Slogan „The One-Stop Shop for the Silicon Valley Professional“ geführt hatte. Tüftler und Programmierer sollten sich dort nicht nur mit Hardware und Werkzeug versorgen, sondern auch gleich ein paar Vitamine mitnehmen. Das Angebot im Food-Sektor ist inzwischen auf ein Minimum geschrumpft, und auch das Sortiment an Platinen, Kleinteilen, Komponenten oder Messgeräten ist nur noch beeindruckend, aber nicht mehr legendär – der Online-Handel hat auch hier seinen Tribut gefordert.

Zwischen all den Bauteilen, Gehäusen oder auch handelsüblichen Fertigprodukten finden sich aber noch viele weitere Regalmeter, für die sich der Besuch lohnt – ganz besonders etwa beim Spielwarenangebot für das computer-affine Kind (bzw. den „geekdad“ respektive Pixel-Papa). Neben den üblichen plastikbunten Notebook-Nachbauten lagern dort auch etwas ausgefallenere Angebote, etwa das Kinderbuch „HTML for Babies“, Angry Birds-Plüschfiguren in allen Größen oder das „Boe-Bot Robot Kit“. Natürlich gibt es dort auch Lego (bevorzugt Baukästen aus den Technic- oder Mindstorms-Reihen), ebenso wie ferngesteuerte Autos und Quadcopter. Besonders beeindruckend ist aber ein langer Gang mit einer großen Auswahl von „Science Projects“, vom Türklingel-Bausatz, über die Geheimbotschaften-Bibliothek bis zu Wetterstationen oder Mini-Windanlagen. Konsequent ergänzt werden diese „Experimentierkästen“ von ihren jüngeren digitalen Verwandten, den Lernangeboten im Bereich Programmieren, Prozessorenkunde und Robotik.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Zielgruppe hier nahezu vollständig aus Jungs (bzw. deren Vätern) besteht – die „Toys for Girls“ nehmen ganze zwei Regalmeter ein, und dort finden sich dann ausschließlich die Mattel-Figuren von der Monster High: laut Broschüre sind das Spielzeuge mit einem „furchteinflößend-süßen Touch“, das Mädchen zum „vergnügten Kreischen“ bringe. Nun ja.

Mag auch das Bild der „Familie Nerd“ ein deutlich Männer-dominiertes sein, an Orten wie diesen zeigt sich der zuletzt viel diskutierte Unterschied zwischen dem Silicon Valley und dem deutschen Innovationsstandort Berlin. Es geht dabei gar nicht so sehr um Angebotsvielfalt oder Kuriositäten im Regal – in Deutschland gibt es immerhin Conrad oder Voelkner. Fry´s Electronics steht aber für die Verwurzelung der Computerkultur in der US-amerikanischen Alltagswelt – der inzwischen leicht morbide Charme der kalifornischen Offline-Kaufhäuser weist zwar darauf hin, dass es für IT-Pioniere auch schon mal glanzvoller zuging, doch unter der Patina steckt noch reichlich Substanz.

 

Morgen @ANTROBIUS: ALF-TOBIAS ZAHN über ZOOPORTRAITS.


Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags 
aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit Prof. Dr. Thorsten Faas. Wenn Du auch in Zukunft keine Kolumne von Dr. Bieber verpassen möchtest, folge ANTROBIUS jetzt auf Twitter!

Foto: CHRISTOPH BIEBER