Peanuts’ Presidentials: Wie Kinder in den USA unaufgeregt Politik lernen.

 

Politik ist Peanuts – während der Satz in Deutschland eher für hochgezogene Augenbrauen sorgen dürfte, hat er in den USA einen völlig anderen Klang. Dr. Bieber berichtet aus Kalifornien, wie unaufgeregt in Amerika Kinder Politik lernen können.

Von Christoph Bieber

Die „Election Issue“ des Peanuts-Magazines bringt ein Covertableau in Blau, Weiß und Rot, dahinter beginnt die Aufmachergeschichte des „Zufallskandidaten“ Charlie Brown – der rundköpfige Melancholiker hadert im Unterricht so lange mit der Entscheidung seinen Arm zu heben, bis er sich versehentlich als Kandidat bei der Klassensprecherwahl nominiert hat.

Es folgt eine kleine Tour durch die Phasen und Fallstricke des politischen Kampagnenalltags: Charlie Browns bester Freund Linus übernimmt grundlegende Beraterfunktionen, Snoopy unterstützt den „Canine Candidate“ (und die 45.000 Twitter-Follower wahrscheinlich auch), die Schülerzeitung wird aufmerksam und die ebenso süße wie gerissene Frieda vertritt mit dem „Cat Ticket“ die Gegenseite. Der gutmütig-naive Charlie Brown („Wählt mich – ich bin genauso gut wie jeder andere“) gerät rasch in die Zwickmühle der Gefälligkeiten, wenn er sich widerstrebenden Begehrlichkeiten ausgesetzt sieht: „Politik ist kniffliger als ich dachte“.

Der Wahlausgang steht lange auf des Messers Schneide, am Ende siegt – in einer für die USA sehr unwahrscheinlichen Wendung – mit dem notorisch ungewaschenen Pig-Pen der „Third Party-Candidate“. Dessen Slogan spricht Bände: „Schmutzig, aber kein schmutziger Politiker!“.

Der Schmutzfink aus der dritten Reihe gewinnt also die Wahl und düpiert die Vertreter der großen politischen Strömungen? Das wäre eine viel zu oberflächliche Deutung der Story – schon subtiler scheint die Übersetzung des unüberbrückbar polarisierten Zweiparteiensystems in Hundefreunde und Katzenliebhaber. (Unklar bleibt dagegen, warum sich der wandelbare Snoopy nicht als umtriebiger Kampagnenmanager positioniert.)

Doch vermutlich lag den Autoren weniger an einer Kommentierung des aktuellen Kampagnengeschehens, als an der für die USA typischen Präsenz von Personenwahlen auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen. Wahlen haben daher längst auch die populäre Kultur durchdrungen und sind eben auch in der Kinder- und Jugendliteratur gut sichtbar, mit den Comics als naturgemäß besonders bunter Spielart. Wohltuend ist dabei der unaufgeregte, „normale“ Umgang mit politischen Prozessen und Parolen. Zum Vergleich: in Deutschland werden bisweilen haarsträubende Rahmenhandlungen erfunden, um Außerirdischen (sprich: den Kindern) den Bundestag näher zu bringen oder suchen betont kinderfreundliche Lesebücher nach dem passenden Pädagogen-Sound.

Die US-amerikanische Variante der Politikvermittlung entlang der medialen Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen erstaunt den europäischen Betrachter immer wieder, etwa beim Gang durch die überaus gut sortierten Kinderbuchabteilungen alteingesessener Buchläden (und auch großer Buch-Kaufhäuser). Das reichhaltige Sortiment beinhaltet eher neutrale Übersichten zum politischen System, kennt aber auch deutlich ideologie-orientierte Schriften wie „Mama Voted for Obama“ oder „Help! Mom! There are Liberals Under my Bed!“.

Und es gibt natürlich auch Bücher von und für große Kinder, wie das exzellente „America (The Book): A Citizen’s Guide to Democracy Inaction“, hinter dem Jon Stewart und das Team der Daily Show stehen. Es passt ins Bild, dass es davon sogar eine Lehrer-Ausgabe gibt, denn politische Bildung kann durchaus sehr unterhaltsam sein – selbst dann, wenn man nur versehentlich in die Mühlen des Politbetriebs gerät.

 

Prof. Dr. Christoph Bieber alias @drbieber twittert als social scientist with interests in media, politics, popular culture. okay, and sports. Die Kapazität in allen Fragen rund um Netzpolitik und Vernetzung der Gesellschaft rantelt auf ANTROBIUS meist Montags aus der Perspektive des Pixel-Papas und im Wechsel mit DR. FAAS. 

Foto: Peanuts’ Election Issue