Pipi-Kacka-Pap*

Der Papst verklagt Titanic. Was für ein Coup!

Von Andreas Wiemers

Das Oberhaupt der katholischen Kirche fühlt sich in seiner Ehre verletzt. Unsere knallharten Satiriker haben wieder einen erwischt. Einen Schurken. Ertappt. Enttarnt. Bloßgestellt. Seine Unterlassungsklage ist ein letzter verzweifelter Versuch. Aber eigentlich wissen alle Beteiligten: Das war’s. Der Papst ist am Ende. Die Kirche auch. Der Rest ist Schlecker. Aus. Vorbei. Feierabend. Nächste Woche schlägt Ursula von der Leyen in BILD vor, arbeitslose Priester zu Tagesmüttern umzuschulen.

Schön wär’s. Im Vergleich zu dieser Vision ist die Wahrheit so banal, dass es ein bisschen schmerzt. Es ist ein Geplänkel zwischen Not und Elend. Als ob Joschka Fischer die Nachricht verbreiten lässt, Helmut Kohl sei auch ein Arschloch.

Die Täter: Titanic. Satiremagazin. Die Erfinder von Birne(Helmut Kohl), Zonengabi und ihrer ersten Banane(Gurke) und der Schlagzeile, dass der 2te Weltkrieg wiederholt werden muss, weil Hitler gedopt war. Alle diese satirischen Spitzenleistungen haben gemeinsam, dass sie um die 20 Jahre alt und älter sind. Und seitdem? Robert Gernhard ist tot, Hans Zippert bei der WELT und Martin Sonneborn ist beim ZDF. Und Titanic?

Macht einfach weiter. Als ob die Helden von gestern noch da wären. Als ob die 80er Jahre nie aufhören würden.  Der gleiche Humor, die gleichen Witze. Und Hitler geht immer.

Heute, im Jahr 2012, ist also der Papst dran. Herr Josef Ratzinger ist in diesem Frühjahr 85 Jahre alt geworden. Im Vergleich zu Hitler hat Titanic da ein geradezu jugendliches Topthema aufgetan. Was ist der Vorwurf? Naja, auf der Titelseite hat der Papst eingepullert. Und auf der Rückseite gibt’s noch Kacka. Kein Vorwurf. Einfach nur Quatsch.

Dabei hatte die Pulleridee ursprünglich mal eine prima Pointe. Damals, im Jahr 1991, steckten Kriminelle ein Flüchtlingsheim in Hoyerswerda an. Der Mob applaudierte. Titanic entdeckte damals im Publikum einen hitlergrüßenden Bürger, dessen Jogginghose im Genitalbereich einen großen dunklen Fleck aufwies. Titanic machte daraus eine Marketingaktion: „Herrenhose, pre-pissed, arier-basic, 19,33 DM.“ So weit, so lustig. So lange her.

Das Opfer: Der Papst. Auch ohne Titanic steckt er tief im Schlamassel. Die zum Überleben zwingend notwendige Reform der katholischen Kirche kriegt er nicht hin. Kindesmissbrauch von Kirchenleuten, Frauen in der Kirche, Schwule und Kirche – von den wichtigsten Themen hat er keins im Griff. Der Mann ist Jahrgang 1927. Alle Beteiligten wissen, das wird auch nichts mehr. Das ist vermutlich auch der Grund, warum seit Monaten Indiskretionen aus seinem nahen Umfeld in der Öffentlichkeit lanciert werden. Ein alter Mann, dessen Überforderung weltweit sichtbar demonstriert wird.

Warum klagt also dieser Papst, oder lässt klagen, gegen ein pubertäres Bildchen in der Titanic? Selbst der greise Papst wird wissen, wozu das führt. Neben den angeblich 99.760 Käufern der gedruckten Titanic (Quelle: Impressum Titanic) erfahren so gleich mehrere Millionen Bürger auf der ganzen Welt von der Geschichte. Und nach einer 5 Sekunden-Recherche bei Google hat jeder der will, das Pipi-Bild vom Papst vor der Nase. Und bei der Titanic knallen die Sektkorken. Weil die Welt so endlich und für Titanic kostenlos erfährt, dass es Titanic noch gibt. Warum also tut der Papst das? Er ist zwar sehr alt, aber er ist ja nicht bescheuert.

Vermutlich, weil er weis,  dass wir Medien uns dann wenigstens für ein paar Tage auf das Pipi-Bild und die Klage konzentrieren. Und für neue Indiskretionen und Vorwürfe dann kein Platz mehr ist.  Wenn das so ist, wäre das schlau vom Papst. 1:0 für ihn. Wer hätte das gedacht.

 

Foto: antrobius, Titanic