Ruhelos: Wie Modernisten seit langem versuchen, ihre Erschöpfung zu besiegen.

 

Wer sich dieser Tage durchs twittern und networken mit Schnappatmung erwischt, den Blick vom Bildschirm nicht mehr hebt in den trüben Winter, durch die Tage hastet und sich fragt, warum im Terminkalender auch schon zu Beginn des Jahres kein Raum war für „Ruhe“ – samt Vorschlag, was mit dieser „Ruhe“ eigentlich anzufangen sei… – der fragt sich zuweilen: War das eigentlich immer schon so?! Die Antwort ist: ja.

Der Mensch der Moderne ist ein erschöpfter Mensch, zeigt der Bamberger Kulturwissenschaftler Wolfgang Martynkewicz in seiner wunderbaren Collage “Das Zeitalter der Erschöpfung”. Ein Kaleidoskop erhellender und amüsanter Quellen von von Bismarck bis Josephine Baker, die dem hypermodernen Performer von heute zeigen: Dein Stress-Asthma ist nicht neu. Schon zur Jahrhundertwende suchten die von der moderne Erschöpften nach Gründen für ihre Müdigkeit – und nach Wegen, diese zu beheben. Es handelte sich dabei – und das sei ausdrücklich hervorgehoben – um eine intellektuelle, bürgerliche und politische Elite, die sich die „Überforderung des Menschen durch die Moderne“ gut leisten konnten.

Sie klagte über  Entwurzelung, suchte das Heil im Landleben, der Landliebe, barfuß im Tau der Wiesen. Interessant ist dabei, dass wir hyper-hipstamatic-yuppies heute dieselben Strategien verfolgen wie vor exakt 100 Jahren, um Balance, die Ewige Jugend, einen gereinigten Geist, mehr Energie und folglich auch mehr Leistung zu erreichen. Denn jene Strategien sind und waren vegetarischer und diätischer Natur, mit Fitness oder Yoga, mit Drogen, Esoterik oder FKK.

Damals wie heute suchten wir dadurch einen Weg zur Balance. Um wieder wach zu werden. Um Körper und Geist vor dem Verfall zu bewahren. Um uns unsterblich zu machen. Um mehr aus uns herauszuholen. Um mit der Moderne Schritt zu halten.

Dabei ist es weniger die körperliche Erschöpfung, die uns allzeitflexible workoholics umtreibt – es ist eine Erschöpfung des Denkens und des Selbst, wie Martynkewicz auf den letzten Metern seines Buches zeigt: Kein Fall fürs Laufband also, sondern eine lähmende Unruhe, die daher rührt, dass viele nicht mehr wissen, wo in dieser Welt sie eigentlich hingehören. Was ihr Platz und Zweck ist.

Ein wunderbares, zuweilen wohltuend anekdotisches Panorama für ruhelose Nomaden, auf dem Weg von einer Lebensabschnittsmetropole zur nächsten. Der gestresste Urbanist saugt es am besten im Flieger auf, zwischen seinen Zufluchtstätten, oder vor dem nächsten Termin. Die guten Vorsätze wird er alsbald vergessen. So war das vor 100 Jahren auch schon.