Sex.

 

Ich weiß gar nicht, warum man über S* reden muss.

von Wolf-Christian Ulrich

Morgen muss ich bei log in über ein Thema reden, über das ich überhaupt nicht gern mit Menschen rede, mit denen ich noch kein Armdrücken gemacht habe. Es geht um S*. Doch mit dieser Einstellung stehe ich ziemlich alleine da. Denn offenbar wollen alle über S* reden.

Die Kollegen finden das Thema auch wahnsinnig spannend. Das geht bei pornosüchtigen Jugendlichen los, dann mit Studenten im Swingerklub weiter und hört schließlich bei Ehe und Familie auf. Buchstäblich.

Vielleicht ist dieses S*thema deshalb so interessant, weil dazu jeder eine Meinung hat. Und weil natürlich jeder mitredet. Weil sich jeder panisch macht.

Beispiel. Eine Zeitung behauptet: Alle Ehepaare tun „es“ zweimal die Woche. Eine Plausibilitätskontrolle unter Kolleginnen ergibt: Das kann nicht stimmen. Die Kolleginnen sind verblüfft. Entweder hat man beim ZDF einfach weniger S* – oder die Zeitung lügt. Wahrscheinlich reden sich jetzt alle Leserinnen der Zeitung ein, der Olle müsse mal aufgefrischt werden. Und dann gucken sie ins Internet. Das ist ein großer Fehler.

Das Internet ist beim S* ein ambivalentes Medium. Einerseits gnadenlos. Einmal mit alles und scharfe Soße sozusagen. Andererseits Kampfzone aller Moralfetischisten. Und bei denjenigen, die einen Seitensprung suchen: überraschenderweise nur dritte Wahl.

Und das scheint das nächste große Thema zu sein. Das Fremdgehen. Das hängt damit zusammen, dass S* und Liebe angeblich eine so schwierige Beziehung miteinander führen. Da sagt man als ganz moderner Großstädter auf einer Party, man könne doch einen praktikablen Umgang mit der Fehlbarkeit der Menschen finden, und schon ist das Gezeter groß. Dabei ist es relativ einfach: Deutschland geht im Schnitt: fremd. Die meisten Seitensprünge werden auf Arbeit angebandelt, im Freundeskreis, in der Disko – und schließlich auch im Internetz. Schon ein Bützchen ist dabei die Treuekatastrophe. Da sind wir streng in Schland.

Laut einer Meinungsumfrage gehen übrigens FDP-Anhänger am häufigsten fremd (35%). Also im Bett, nicht am Koalitionstisch. Und die Konservativen sind am konservativsten, aber nur knapp: 29% ist fast jeder Dritte. „Praktikabel“, wo es geht. Der Psychotherapeut Jürg Willi sagt dazu: “Die Liebe ist das Wichtigste in einer Langzeitbeziehung. Die S*ualität ist an zwölfter Stelle.”

Ich finde das alles nicht so wahnsinnig aufregend. Es ist eben Schland. Hier liegen die meisten beim S* ganz einfach im Bett. Sie sind dann im Schnitt 15 Minuten lang dabei und haben danach fertig. Mein Vorschlag: Bitte einfach mal entspannt bleiben. Und dann: statt soviel darüber zu reden, tut’s doch einfach ein bisschen fröhlicher.

 

Foto: antrobius