Der verlassene Kohlekreis – SHIRA WACHSMANN über Heimat.

 

Wo ist Heimat? Für Israelis in Berlin eine ganz besondere Frage: Sind doch ihr Heimatland Israel – aber auch ihre Heimat Berlin Orte, die mit scharfen Splittern versehen sind. In Berlin hat sich eine spannende israelische Künstlerszene angesiedelt, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzt. Einige der stärksten Arbeiten kommen von Shira Wachsmann. Heimat ist eines der Kernthemen.  In ihrer Arbeit Coal Circle beschäftigt sie sich mit dem israelischen Siedlungsbau – und der Konstruktion von Heimat auf umstrittenem Land. Kohlekriese, die an ein verlassenes Lagerfeuer erinnern – archaisches Zeichen für einen besiedelten Platz – entstehen auf einer Landkarte – neben einem schwebenden Kohlekreis, der uns mitten in den Konflikt um die Fragen führt: Wer sitzt um dieses Feuer, wer teilt hier sein Brot, wer gehört an diesen Ort?

 

ANTROBIUS  Was heißt für Dich Heimat?

SHIRA WACHSMANN  “Heimat ist für mich ein sehr komplexer Begriff. Auf der einen Seite ist es der Ort, der mir vertraut ist,  mit der Sprache, Kultur und meiner Familie – der Ort wo ich aufgewachsen bin. Auf der anderen Seite ist es der Ort, der versucht die Heimat eines anderen Volkes zu vertuschen oder zu löschen.

Ich wuchs in einem kleinen Dorf inmitten eines Kiefernwaldes auf, in Galiläa im Norden Israels. Ich hatte als Kind keine Zweifel an meiner Heimat. Die Natur war meine Welt, in der ich lebte und von der ich wusste, dass dies mein Zuhause war.

Überreste von zerstörten Häusern waren Teil der Landschaft. Mein Vater erzählte mir zwar, dass diese zerstörten Häuser einst Palästinensern gehört hatten, aber als Kind verstand ich nicht die Tiefe dieser Dinge. Olivenbäume, Granatäpfel- und Feigenbäume waren wilde Natur für mich, und ich dachte nicht daran, dass jemand anderes sie einst gepflanzt hatte. Dieser Platz war meine Heimat: ein sicherer Ort, real und vertraut.

Als ich klein war erzählte mir mein Vater, dass unser Kiefernwald aus Bäumen gepflanzt wurde, die aus Europa stammten. Es seien keine lokalen Bäume. Sie wachsen schnell, aber ihre Wurzeln sind flach, und dringen nicht in die Tiefe. Damals verstand ich nicht, was das bedeutete: die Bäume waren so groß, und für mich waren sie dort seit aller Ewigkeit.

Erst Jahre später, nachdem ich Galiläa schon  verlassen hatte, verstand  ich was mein Vater meinte. Ich verstand, dass die Kiefernbäume gepflanzt wurden, um eine andere Landschaft zu verdecken; aber auch ein Versuch waren, die verlorene europäische Heimat wieder zu erleben. Der Kiefernbaum wächst schnell, im Gegensatz zum Olivenbaum, der seit Jahrhunderten dort wächst… sehr langsam, aber mit Wurzeln, die tief in die Erde dringen.

In meiner Meisterarbeit und speziell in der Arbeit “Tribe Fire” beschäftige ich mich mit der Frage meiner Heimat, und dem Versuch Israels, die Vergangenheit zu vertuschen und nur Teile seiner Vergangenheit aufzuzeigen.

Heimat bedeutet für mich die Wahrheit, die ich dort als Kind empfunden habe, und den Bruch als Erwachsener, als ich verstand, dass jeder Olivenbaum in der Umgebung von jemanden gepflanzt und gepflegt wurde, der früher dort gelebt hatte.”

ANTROBIUS  In Israel und Palästina selbst hat die Frage nach Heimat viel dramatischere Implikationen als vielleicht hier in Berlin. Wenn Du hier in Berlin arbeitest und Dich mit diesem Konflikt beschäftigst – wie verändert er sich? Nimmst Du ihn aus der Entfernung anders war?

SHIRA WACHSMANN  “In Israel aufzuwachsen ist eine sehr existentielle Erfahrung. Es ist eine ständige Beschäftigung mit der Vergangenheit, dem Land und den Grenzen. Ich bin sicher, dass der Umzug nach Berlin meine Auffassung davon beeinflusst hat.

Es ist schwer in einer bestimmten Situation zu leben, sie zu betrachten, und zu sehen wie sie wirklich ist. Die Entfernung von Israel gab mir die Gelegenheit, Dinge anders zu sehen, als sie in Israel dargestellt werden. Ich habe eine andere Perspektive über das Leben dort  bekommen, und mit der Distanz betrachte ich die israelische Besatzungsmacht kritischer.”

 

 

ANTROBIUS  Woran arbeitest Du jetzt – bleibst Du an diesem Thema oder was wird Dich in nächster Zeit interessieren?

SHIRA WACHSMANN  “Viele meiner Arbeiten beschäftigen sich mit den Begriffen  “Haus“  und „Heimat”: der Verbindung des Menschen zu Erde, Land, Gesellschaft und Individuen. Ich glaube, dass diese Elemente auch in meinen anderen Arbeiten auftauchen werden.

Ich werde häufig nach meiner Heimat und meiner Sichtweise auf die gesellschaftliche und politische Situation in Israel gefragt. Diese wichtigen Fragen beschäftigen mich und prägen meine Kunst, wie sie auch mit der Installation “Coal Circle” in der Ausstellung “Freitag der Dreizehnte”  zu sehen war. In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit dem Kreis und seiner Bedeutung.

Der Kreis definiert, wer innen und außen ist. Er kann ein Gefühl der Gleichheit vermitteln. Wenn eine Gruppe von Leuten im Kreis sitzt, sind alle gleich, keiner steht im Mittelpunkt.

Aber der Kreis ist auch ein konstanter Aufbau von Grenzen und Zugehörigkeit: er umkreist das Zentrum und intensiviert es (egal ob es sich um eine Idee oder etwas Materielles handelt). Der Kreis hat keinen Anfang und kein Ende. Er endet nie, unbefristete Kontinuität, die Ewigkeit.

Trotzdem lege ich mich nicht fest und genieße es, meinen Blick wandern zu lassen.  Wer meine Kunst kennt, wird von meiner neuen Arbeit “Center” überascht sein. Ich beschäftige mich mit Sexualität über eine ganz intime Beobachtung der Natur.”

 

 

Shira Wachsmann ist auf der Preview Berlin Art Fair vertreten. Gemeinsam mit anderen israelischen Künstlerin zeigt sie ihre Arbeit in der Ausstellung “Die asporas”, kuratiert von Lior Wilentzik. www.shirawachsmann.com

Fotos: antrobius